Stottern Stotterer: Offensiver Umgang in Radiosendung "Holper Stolper"

Schätzungsweise 800.000 Menschen stottern in Deutschland. In der Ulmer Selbsthilfegruppe versuchen die Mitglieder, einen offen Umgang mit dem Problem zu finden - zum Beispiel mit einer eigenen Radiosendung.
Schätzungsweise 800.000 Menschen stottern in Deutschland. In der Ulmer Selbsthilfegruppe versuchen die Mitglieder, einen offen Umgang mit dem Problem zu finden - zum Beispiel mit einer eigenen Radiosendung. © Foto: © lassedesignen - fotolia.com
Ulm / LISA MARIA SPORRER 06.06.2016
Es ver-ver-verspricht heute ab-ab-abwechslungsreich zu werden", spricht Martin Jochem ins Mikrofon. Es ist Donnerstag, Radiosendungs-Tag.

Einmal im Monat treffen sich Mitglieder der Stotterer Selbsthilfe Ulm in der Platzgasse beim lokalen Sender Radio Free FM und diskutieren in ihrer Sendung "Holper Stolper" Themen wie: stotternde Kinder, Pillen gegen das Stottern - oder ob Stotterer die besseren Menschen sind.

2011 rückte das Stottern in den Fokus der Aufmerksamkeit, als mit dem Film "The King's Speech" über den stotternden englischen König George VI. ein oscargekrönter Film in die Kinos kam. Er zeigte, was auch die Ulmer Selbsthilfegruppe versucht: einen offensiven Umgang mit dem Problem zu finden. "Viele von uns besuchen die Gruppe als zusätzliche Unterstützung zu einer Sprachtherapie", sagt Jochem.

Bei der Therapie gibt es zwei große Richtungen: das sogenannte Fluency Shaping und die Stottermodifikation. Bei der Stottermodifikation wird der normale Redefluss beibehalten, nur an den Hänge-Stellen wird versucht, die jeweilige Blockade mit speziellen Techniken kontrollierter aufzulösen. Beim Fluency Shaping üben Betroffene ein weiches gebundenes Sprechen für eine bessere Sprechkontrolle. Schätzungsweise 800.000 Menschen stottern in Deutschland. Bis vor einigen Jahrzehnten dachte man noch, stottern sei eine psychische Störung. Mittlerweile aber werden viele Ursachen diskutiert, beispielsweise Vererbung. Denn bei Stotterern sind bestimmte Regionen im Gehirn anders durchblutet. Um einen Buchstaben auszusprechen, sind etwa 20.000 Vernetzungen im Gehirn nötig, und das in einer bestimmten Reihenfolge. Da kann es vergleichsweise leicht zu Fehlsteuerungen kommen. "Je mehr man versucht, gegen das Stottern anzukämpfen, umso schlimmer wird es", sagt Jochem. "Es geht darum, Selbstbewusstsein wiederzugewinnen. Wir sind ja nicht schlechter darin, beim Sprechen die passenden Wörter zu finden." Beeinträchtigt ist lediglich die Fähigkeit, die beabsichtigten Wörter adäquat auszusprechen. Jochem ist Diplom-Ingenieur, um die 50 Jahre alt und er sagt, die Selbsthilfegruppe gebe ihn Rückhalt.

Auch Yvonne Yuric kommt zu den regelmäßigen Treffen, die seit drei Jahren in Ulm stattfinden. Davor wurde der Gruppe in Wiblingen von einer Logopädie-Schule ein Raum zur Verfügung gestellt. Wir haben in unserer Gruppe eine Art Rückzugsraum, eine angstfreie Atmosphäre", sagt Yuric. Generell wolle die Selbsthilfegruppe aufzeigen, wie Therapieansätze in den Alltag übertragen werden können. Aber natürlich solle sie auch Mut machen, den Alltag zu bewältigen; und die Gruppe könne dabei helfen, Betroffene wieder in ein soziales Umfeld zu integrieren. Denn nicht selten würden sich Stotterer zurückziehen, und Gespräche vermeiden. Die Teilnahme an der Radiosendung "Holper Stolper" bleibt jedem aus der Selbsthilfegruppe selber überlassen. "Aber es ist eine prima Übung, um sein Lampenfieber zu überwinden", sagt Jochem.

Info Zeiten, Orte und Ansprechpartner der Gruppentreffen über das Selbsthilfebüro Korn, Tel.: (0731) 880 344 10, E-Mail: kontakt@selbsthilfebuero-korn.de, Website: www.selbsthilfebuero-korn.de

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