Gedenken Stolpersteine erinnern in Ulm an Holocaust-Opfer

Ulm / RUDI KÜBLER 26.05.2015
Der Auftakt ist gemacht: Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat am Dienstag die ersten 14 Stolpersteine in Ulm verlegt – unter großer Anteilnahme der Bürgerschaft. Die Stolpersteine erinnern an NS-Opfer. Mit Video und Kommentar.

Dass nichts, aber auch gar nichts vergessen ist, das machte gestern Dr. Anna Laura Geschmay Merovach deutlich. Der Ort: Olgastraße 85. Hier wohnten ihre Großeltern Dr. Ludwig und Rosa Hecht, hier praktizierte ihr Großvater als angesehener Arzt und Geburtshelfer – bis zum Berufsverbot im Jahr 1937. 1942 wurden die Großeltern nach Theresienstadt deportiert, wo beide im Januar 1943 nur wenige Tage nacheinander an Unterernährung starben. Sie denke immer „in Liebe“ an ihre Großeltern, sagte die betagte Frau (Jahrgang 1931), „aber auch in Wut an das, was man mit euch gemacht hat. Man hat euch nicht nur das Leben verboten, sondern auch das Grab in der Erde. Was haben meine Großeltern Schlechtes getan?“ Bewegende, erschütternde Worte der Enkelin. Gleichzeitig aber bedankte sie sich für die Zeremonie an dem Ort, wo sie zeitweise ihre Kindheit verbracht hat.

Die Zeremonie: Hier in der Olgastraße 85 sind am Dienstag zwei Stolpersteine verlegt worden, einer für Ludwig, einer für Rosa Hecht. Zwei von 14 Stolpersteinen, die der Künstler Gunter Demnig in Ulm gesetzt hat – im Alleingang. Mit dem Bohrhammer, der Motorflex und dem Meißel passte er die 10 x 10 x 10 Zentimeter großen Betonquader, die auf einer Messingplatte die Namen, Lebens- und Sterbedaten der NS-Opfer tragen, in die Bürgersteige ein. Die Idee beschreibt Demnig mit den Worten: „Auf dem Stolperstein bekommt das Opfer seinen Namen wieder, jedes Opfer erhält einen eigenen Stein – seine Identität und sein Schicksal sind, soweit bekannt, ablesbar. Durch den Gedenkstein vor seinem Haus wird die Erinnerung an diesen Menschen in unseren Alltag geholt.“

Die Vorarbeit hatte die Ulmer Stolperstein-Initiative geleistet. Im Februar 2014 gegründet, schaffte es das bürgerschaftlich getragene Projekt mit Andrea Schiele, Martin König und Mark Tritsch an der Spitze sowie rund 30 aktiven Mitstreitern im Rücken, die ersten 14 Biografien zu erarbeiten und ins Internet zu stellen (www.stolpersteine-fuer-ulm.de). Diese Biografien sind, wenn man so will, die Bedingung für die Verlegung der Stolpersteine. „Wichtig ist, dass sich die Bürger mit den NS-Opfern beschäftigen, das Projekt also von unten getragen wird“, sagte König beim abschließenden Treffen im Ulmer Rathaus.
 


Der Tag hatte um 8.30 Uhr begonnen – und zwar mit einem Kaddisch im jüdischen Teil des Alten Friedhofs. Rabbiner Shneur Trebnik stimmte mit dem Gebet für alle Verstorbenen auf den Rundgang ein, der in der Olgastraße 114 begann, wo die Familie Frenkel ihr Tabakgeschäft hatte und fünf Stolpersteine verlegt wurden. Alan Frankel, Enkel des in Riga ermordeten Adolf Frenkel, bezeichnete die Verlegung der Steine als „Akt der Menschlichkeit“.

Der Zug, der schnell auf 150 Teilnehmer anwuchs, führte über die Olgastraße 85 zur Friedrich-Ebert-Straße 114 – hier wurden drei Steine für die Familie Moos verlegt. Michael Moos, Freiburger Rechtsanwalt und entfernter Verwandter dieses Moos-Zweigs, erinnerte an den ehemaligen OB Theodor Pfizer und an dessen Forderung, „diese schwere Schuld nicht zu vergessen, so wenig wie die Not, die Tränen, das Blut der Opfer“. Denn so fügte Moos an: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

In der Herdbruckerstraße wurden das Ehepaar Levy, Lina Einstein und Jonathan Stark geehrt, der als Zeuge Jehovas seinen Glauben nicht verleugnen wollte und durch den Strang hingerichtet wurde.

Dass das Erlittene immer noch präsent ist und nicht dem Vergessen anheim fallen darf, zeigte ein Satz von Geschmay Merovach: „Die Wunde bleibt in mir.“

 

Mehr als 50.000 Stolpersteine in Europa gesetzt

Der Künstler
Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. 1993 entwarf der heute 67-Jährige die ersten Stolpersteine, die erste Verlegung fand nicht genehmigt in Berlin-Kreuzberg statt, später wurde sie legalisiert. Seit 2000 hat er mit seinem Team mehr als 50.000 Stolpersteine verlegt – an 500 Orten in Deutschland und in vielen europäischen Ländern, darunter Belgien, Frankreich, Italien, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweiz, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ukraine und Ungarn.

Die Ulmer Initiative
Martin König, Andrea Schiele, und Mark Tritsch suchen Mitstreiter. Das nächste Treffen findet am Montag, 15. Juni, in der Ulmer vh (20 Uhr) statt. Gesucht werden Paten für die 120 Euro teuren Stolpersteine. Die nächste Verlegung ist für den 14. September geplant.

Ein Kommentar von Rudi Kübler: Wider das Vergessen

Eines ist klar: Wiedergutmachung kann es nicht geben. Nichts auf der Welt kann das Leid von Alan Frankel oder Anna Laura Geschmay Merovach aufwiegen, die ihre nächsten und liebsten Angehörigen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten verloren haben.

Genau deshalb sind Gesten der Versöhnung so wichtig. Gesten wie die ersten 14 Stolpersteine, die der Künstler Gunter Demnig in Ulm verlegt hat und die an die NS-Opfer erinnern: an die Familien Frenkel oder Hecht beispielsweise, die hier einstmals inmitten der Gesellschaft gelebt und gearbeitet haben. Dort, in der Olgastraße, über ihre Namen und Lebensdaten zu „stolpern“, heißt, sich ihrer als Mitmenschen, als Bürger dieser Stadt zu erinnern – über die Pflicht-Gedenktage vom 9. November oder vom 27. Januar hinaus. Stolpersteine stellen, weil sie mal hier, mal dort in der Stadt auf die Verfolgung und Vernichtung Andersdenkender und Andersgläubiger hinweisen, eine tägliche Konfrontation mit der Geschichte dar. Ein tägliches Stolpern wider das Vergessen.

Dass die Stolperstein-Initiative aus der Mitte der Bürgerschaft kommt und von ihr getragen wird, kann nicht hoch genug geschätzt werden. In bloßer Erinnerung darf die Initiative aber nicht verharren: Demokratie und Menschenwürde sind aktueller denn je – gerade auch, wenn es um Flüchtlinge geht, die in Deutschland Zuflucht suchen. Die Initiative ist auch ein Versprechen für die Zukunft.

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