Bildung Stimmen zur Bildungs-Debatte

swp 13.01.2018
Zur Diskussion rund um die Bildungspolitik melden sich immer mehr Lehrer und Schüler zu Wort.

Karin Moritz, die Leiterin des Robert-Bosch-Gymnasiums in Langenau, meint, moderne Unterrichtsformen hätten nichts mit „Laissez-faire“ zu tun. „Die Schüler können bei uns nicht machen, was sie wollen.“ Starke Lehrer-Persönlichkeiten seien zwar wichtig. Aber dass eine „45-Minuten-Beschallung von vorne“ zum Erfolg führe, sei eine antiquierte Vorstellung. Mit Blick auf die bei einer Präsenzpflicht mitschwingenden Unterstellung, Lehrer würden nach Unterrichtsende zu wenig arbeiten, spricht Moritz von einer „gewissen Unverschämtheit“. Der Korrektur- und Vorbereitungsaufwand sei in einigen Fächern enorm.

Nach Ansicht von Johann Peter Denk, dem Leiter der Albecker-Tor-Schule in Langenau, gehen die Vorschläge „in die falsche Richtung“. Ein guter Lehrer beherrsche „offene und frontale Unterrichtssituationen“. Zudem sei ein Großteil seines Kollegiums bis 16 Uhr in der Schule – ja sogar darüber hinaus für Konferenzen und Elternabende. Überdies gebe es Weiterbildungen in den Ferien bereits. Einzig: „Die Qualität wird dadurch auch nicht besser“, meint Denk.

Martin Metzger, der Rektor der Friedrich-Schiller-Realschule in Langenau, sieht in der Forderung nach mehr Leistung einen positiven Aspekt. Zwar sollten Schüler Spaß in der Schule haben. Dieser dürfe aber nicht im Vordergrund stehen. Für eine Anwesenheitspflicht nach dem Unterricht müssten Bedingungen erfüllt sein, etwa genug Arbeitsplätze für alle Lehrkräfte. Metzger plädiert zudem dafür, die Stärken und Schwachen von Schülern zu berücksichtigen. Manche kämen mit dem selbstorganisierten Lernen besser klar, andere profitierten vom Frontal-Unterricht. „Die Vielfalt ist genau richtig. Es wäre katastrophal, wenn wir uns auf eine Unterrichtsform beschränken.“

Volker Andritschke, der Rektor der Gemeinschaftsschule Langenau, sieht in seiner Einrichtung keinen Bedarf für mehr „disziplinarische Durchgriffsmöglichkeiten“. Außerhalb der Schule ist seiner Ansicht nach aber mehr Unterstützung durch Jugendamt und Jugendhilfe nötig. Was eine Anwesenheitspflicht angeht, verweist Andritschke auf den Trend zum Home-Office. Es ergebe Sinn, wenn Lehrer „auch zuhause in Ruhe arbeiten können“. Vor allem vor dem Hintergrund fehlender Arbeitsplätze in der Schule. Und: Bei Fortbildungen, die auch schon heute teilweise in den Ferien stattfänden, müsse die Qualität im Vordergrund stehen.

Theresa Windholz, 21, List-Schule (Berufsschule)
„Bei uns gibt es Gruppenarbeiten, Möglichkeiten viel selbstständig zu Erarbeiten und Frontalunterricht. Die Mischung finde ich gut und wichtig. Das sollte beibehalten werden. Dass Lehrer nach dem Unterricht in der Schule bleiben sollen finde ich nicht sinnvoll. Es ist doch egal wo sie ihren Unterricht vorbereiten, ob Zuhause oder in der Schule, hauptsache sie machen es. Und unsere Lehrer sind immer gut vorbereitet.“

Robina Ziegler, 18, List-Schule (Berufsschule)
“Ich finde die Gruppenarbeiten gut, denn so können wir Schüler uns gegenseitig helfen. Deswegen sollte es nicht nur Frontalunterricht geben. Ich finde, unsere Lehrer sind immer ganz gut vorbereitet, sie haben aktuelle Arbeitsblätter und bereiten sich vor. Ob sie das jetzt Zuhause machen, ist mir egal. Ich bin nur der Meinung, dass es im Unterricht selber an Zeit für eine intensive Förderung fehlt. Manche Schüler brauchen einfach länger, bis sie manches verstehen, und da haben die Lehrer pft nicht die Zeit es ausgiebig zu erklären.“

Heidrun Fleischer, Leiterin des Joachim-Hahn-Gymnasiums Blaubeuren
Ich bedauere, dass ohne Differenzierung quasi außerhalb von Zeit und Raum das Klischee von Lehrerarbeitszeit bedient wird. Lehrer mit einem Vollzeitauftrag haben keinen Halbtagsjob, sondern arbeiten an einem geteilten Arbeitsplatz, d.h. in der Schule und im häuslichen Arbeitszimmer. Gern lade ich Vertreter der Politik ein, sich beispielsweise die Arbeitsbedingungen für die Lehrkräfte am Joachim-Hahn-Gymnasium anzusehen. Wie soll ein Gymnasiallehrer seinen Unterricht, insbesondere in der Oberstufe, an einem „Arbeitsplatz“ von ca. 70cm x 90cm vorbereiten, wie die Klausuren korrigieren?? Das Beispiel ließe sich ausführen und konkretisieren.

Seitens der Politik sind die Quadratmeterzahlen für Lehrerzimmer vorgegeben – dabei handelt es sich vorrangig um einen Aufenthaltsbereich außerhalb des Unterrichts. Hier kann man nicht von Arbeitsplätzen sprechen. Herrn Hagels Forderung impliziert, dass an Schulen Büros für Lehrkräfte eingerichtet werden müssten, doch das ist Aufgabe der Politik und nicht des Schulträgers.

Die Forderung „verpflichtender Weiterbildungsmaßnahmen in den Ferien“ krankt ebenfalls am Klischee von Lehrerarbeitszeit. Zuvor müsste der Begriff von „Ferien“ und „Urlaubsanspruch“ für Lehrkräfte untersucht und angepasst werden. Wenn landläufig jede Lehrkraft in den Ferien auf ihren „Urlaub“ angesprochen wird, dann wird man mit der Zeit müde, seine Arbeit und seine berufliche Belastung zu thematisieren. Würde hier strukturelle Klarheit geschaffen, müssten Lehrer sich nicht ständig rechtfertigen.

Und im Besonderen haben wir es satt, dass in regelmäßigen Abständen immer wieder seitens hochrangiger Vertreter der Politik die Arbeitszeit einer Lehrkraft direkt oder indirekt in Frage gestellt und damit disqualifiziert wird.