Komponisten Stars der Blasmusik

Star-Komponisten sinfonischer Blasmusik: der Luxemburger Marco Pütz (links) und der Belgier Jan Van der Roost.
Star-Komponisten sinfonischer Blasmusik: der Luxemburger Marco Pütz (links) und der Belgier Jan Van der Roost. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Neu-Ulm / Helmut Pusch 20.01.2018

Hallo Marco, alles gut?“ Man kennt sich. Marco ist Marco Pütz, einer der bekanntesten Komponisten für sinfonische Blasmusik und Teilnehmer des Internationalen Blasmusikkongresses, der in Neu-Ulm tagt. Der erste seiner Art in Deutschland. Bei ihm treffen sich nicht nur Dozenten, Musiker, Verlage und Instrumentenbauer. In Neu-Ulm sind auch die Komponisten dabei, deren Werke von sinfonischen Blasorchestern aufgeführt werden: Sie dirigieren als Gäste die Orchester, stellen ihre neuen Stücke in so genannten Reading Sessions vor: meist effektvolle, hochglanzpolierte postromantische Werke, in denen die strahlenden Bläserregister schön zur Geltung kommen.

Wobei Philip Sparke, Jacob de Haan, Jan Van der Roost oder eben Marco Pütz Werbung  nicht nötig haben. Einer dieser Namen findet sich auf dem Programmzettel fast jedes sinfonischen Blasmusikkonzertes. „Unsere Stücke werden gespielt“, sagt denn auch der Luxemburger Marco Pütz, der mit „Derivations“ eines der Pflichtstücke des jüngsten Deutschen Orchesterwettbewerbs beigesteuert hat. Warum ist das so? „Für Sinfonieorchester haben die großen Komponisten 300 Jahre lang geschrieben“, sagt sein Kollege Jan Van der Roost („Excalibur“). „Deren Repertoire ist riesig. Die brauchen nichts Neues“, erklärt der Belgier. „Bei Blas­orchestern ist das anders. Für die wird erst seit 100 Jahren Originalliteratur geschrieben, da gibt es noch eine Nachfrage.“

Auch deshalb, weil Blasorchester nicht gleich Blasorchester ist. „99 Prozent aller Sinfonieorchester sind Profis. Von denen kann man erwarten, dass sie alles spielen könne. Bei den Blasorchestern ist das andersrum. Die meisten sind Amateur-Ensembles“, erklärt Philip Sparke. Je nach Können brauchen diese Orchester Stücke. Weil das so ist, gibt es verschiedene Schwierigkeitsstufen, die auf dem Notenmaterial vermerkt sind. „In den unteren Stufen ist der Tonbereich eingeschränkt, es gibt also keine ganz hohen Töne für Trompeten und Klarinetten.“ Ist das einfacher für Komponisten? „Einfach ist am schwersten“, sagt Sparke. „Das ist so wie Mozart spielen: klingt einfach, ist aber letztlich viel schwerer als etwa Mahler.“

Der Brite mag auch die soziale Seite seiner Musik. „In diesen Laienorchestern kommen Leute freiwillig zusammen, um Musik zu machen, um Spaß zu haben.“  Das sei zumindest in Japan auch bei professionellen Blasorchestern so. „Die spielen ein Konzert und machen danach Party. Bei einem Profi-Sinfonieorchester habe ich das noch nie erlebt.“

Was die Komponisten an der sinfonischen Blasmusik schätzen, ist die große Spannbreite. „Ein Geiger beginnt mit Mozart, lebt mit Mozart und stirbt mit Mozart. Ein Musiker in einem Blasorchester spielt alles – vom Barock bis zu Pop-Adaptionen.“

Das zweite Plus sei die große Klangvielfalt. „Blasinstrumente haben ein unglaubliches Klang­spektrum“, sagt Marco Pütz. „Nach 40 Jahren bin ich immer noch am Experimentieren mit Klängen“, ergänzt Philip Sparke, der zwar die Wucht eines großen Orchesters durchaus schätzt, aber auch deren Schattenseite kennt: „Ein Blasorchester, in dem alle gleichzeitig Fortissimo spielen? Das ist das Grauen pur.“

Die meisten Kompositionen entstehen als Auftragsarbeiten, oft sind Schwierigkeitsstufe, Ensemblegröße und manchmal auch ein Thema vorgegeben. „Ein Titel, eine Geschichte kann ebenso inspirierend sein wie Beschränkungen“, sagt Jacob de Haan. „Doch ein Thema musikalisch umzusetzen, also musikalisch eine Geschichte zu erzählen, das funktioniert nicht“, betont Sparke. Er habe einmal eine Auftragskomposition für Neuseeland gemacht. „Die haben mir Noten von Maori-Gesängen geschickt. Ich habe davon nichts verwendet, aber die Auftraggeber waren begeistert, glaubten Neuseeland aus meinen Tönen herauszuhören.“

Jacob de Haan hat noch ein weiteres Beispiel parat: „Meine Komposition ‚Oregon‘. Die war längst fertig, aber es fehlte noch ein Titel. Oregon? Klingt gut! Ich nannte es einfach so. Ich kenne Oregon auch nicht, ich war nie dort. Aber es gibt Zuhörer, die aus der Musik regelrecht die Siedlertrecks nach Oregon heraushören.“

De Haan sieht seine Tätigkeit als Segen: „Wir sind privilegiert, weil wir zu jenen Komponisten gehören, die Orchester gerne spielen.“ Philip Sparke nickt und erzählt, dass er kürzlich in einer englischen Fachzeitschrift gelesen habe, was der Durchschnittsverdienst englischer Komponisten sei, die für Sinfonie- und Kammerorchester komponieren: „1500 Pfund! Pro Jahr! Mir blieb vor Schreck der Mund offen stehen.“

Internationaler Blasmusikkongress in Neu-Ulm

Messe In Neu-Ulm findet noch bis morgen der erste Internationale Blasmusikkogress in Deutschland statt. Dessen Vorbild ist die Midwest Band Clinic in Chicago. Zu dieser Bläsermesse reisen alljährlich 17 000 Teilnehmer an: Musiker, Dozenten, Komponisten, Verlage und Instrumentenbauer. Dort gibt es Workshops zur Weiterbildung, aber auch so genannte Reading Sessions: Konzerte, in denen Dirigenten ihre neuen Werke vorstellen.

Versuchsballon Der Kongress in Neu-Ulm ist ein Versuchsballon. Sollte sich das Konzept bewähren, soll es künftig an wechselnden Orten alle zwei Jahre eine solche Veranstaltung auf Bundesebene geben, sagen die Veranstalter.