Wie Pilze schießen derzeit integrative Theaterprojekte aus dem Boden. Mitwirkende sind Deutsche und Flüchtlinge verschiedener Nationalitäten. Ganz anders beim integrativen Heyoka Theater, das unter Gründerin und Regisseurin Eva Ellerkamp Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit und ohne Handicap die Möglichkeit gibt, ihre musisch-kreativen Fähigkeiten im Rampenlicht zu zeigen. Wobei die Mitwirkenden nicht ein vorgegebenes Stück einstudieren, sondern alles unter Anleitung selbst schreiben und erarbeiten. Bemerkenswert, wie dabei die Grenze zwischen  behinderten und nicht behinderten Akteuren, zwischen Laien und Schauspielprofis verschwimmt.

In der Ulmer Kulturszene hat das Heyoka Theater, das in der Gesellschaft Toleranz und Akzeptanz für Menschen mit Behinderung fördern will und den Deutschen Amateurtheaterpreis 2016 gewann, in Kooperation mit dem  Theater Ulm und dem Roxy seinen festen Platz. Und in der Sympathie des Publikums. Zum beliebten Aufführungsritual gehört der anschließende gesellige Plausch bei Häppchen. Wie auch jetzt im ausverkauften Podium bei der erfolgreichen Premiere der Heyoka-Produktion „Wurzeln – Eine Ahnenreise“, dem ersten Teil der Trilogie „Wurzeln, Stamm und Triebe“, die im November im Roxy fortgesetzt wird.

Mal berührend, mal amüsant

Im Zentrum steht die Frage nach den eigenen Wurzeln: Woher komme ich, wer und wie waren meine Ahnen? „Wie immer hoffen wir, dabei etwas herauszufinden über uns und das Leben“, sagt Schauspielerin und Musiktherapeutin Ellerkamp. Im Programmheft schreibt sie: „Wer wachsen will, braucht starke Wurzeln.“

Man ahnt es: Entstanden ist eine fesselnde, mal berührende, mal amüsante  Spurensuche, eine Reise in die Vergangenheit. Autobiografische Geschichten, die auch schmerzhafte Wunden („Ich wurde gezeugt, als mein Vater in Gefangenschaft war“) nicht aussparen. Erinnerungen, Träume  und Anekdoten über die Familie, Oma und  Opa („Schlitzohr und Schluckspecht“) fügen sich zu einem Bilderbogen aus redegewandten Solo-Auftritten (Martin Gah, Georg Metzenrat) und Spielszenen. Ein Höhepunkt ist die Suche nach dem verschwundenen 22-jährigen Paul mit Vater (Thomas Greulich), Feuerwehrmann, Arzt, Polizisten, Hund Jockel und Hubschrauber.

Kurzweilig umrahmt Musik, auch vom Grammophon, die 80-minütige Collage. Die Brasi­lianerin Rosiane Menezes steuert Gesang und Trommelklänge bei, Tine Kiefl faszinierenden Jodelgesang, Simon Reinold  (Gruppenleitung) greift bei seiner nachdenklichen Ballade zur Gitarre. Die offene Bühne des Podiums ist mit Näh- und Schreibmaschine, Kaffeetafel, Baum und Gebetsfahnen (Bühne/Kostüme: Monika Hapke) Spielort.

Mit Talent, Charme, Teamgeist und Herzblut erspielte sich das 20-köpfige Heyoka-Aufgebot, bei dem erstmals drei Theaterwissenschafts-Studenten der Uni Leipzig gastierten, verdient viel Premierenapplaus und Blumen. Vom fünfjährigen Theo Johannes Kiefl im Hundekostüm bis zur  73-jährigen Gisela Göser gingen alle mit Leidenschaft und Spaß in ihren Rollen auf.

Noch zweimal wird das Stück gespielt


Aufführungen Das Stück „Wurzeln – Eine Ahnenreise“ des Heyoka-Theaters wird im Podium noch zweimal gespielt: morgen, Dienstag, 19.30 Uhr, und am Mittwoch, dann aber bereits um 11 Uhr. Karten an der Theaterkasse, Telefon 0731/161 44 44 oder theaterkasse@ulm.de