Industrie Kamag: Ulmer Hersteller von Schwertransportern baut Stellen ab

Die fahrende Plattform für schwere Lasten ist ein typisches Produkt von Kamag: Sie wurde im Donautal aufgeladen und an den Hamburger Hafen zur weiteren Verschickung transportiert.
Die fahrende Plattform für schwere Lasten ist ein typisches Produkt von Kamag: Sie wurde im Donautal aufgeladen und an den Hamburger Hafen zur weiteren Verschickung transportiert. © Foto: Maria Müssig
Ulm / Frank König 27.05.2017
Der Ulmer Hersteller von Schwertransportern baut jede vierte Stelle ab. Somit stehen rund 60 Jobs auf der Kippe. Es soll jedoch keine Kündigungen geben.

Drastischer Stellenabbau beim Ulmer Hersteller von Schwerlast-Fahrzeugen Kamag: Bei dem inzwischen zur Firmengruppe des Heilbronner Unternehmers Otto Rettenmaier gehörenden Betrieb soll etwa jeder vierte Arbeitsplatz wegfallen. Dies teilte das Management der Belegschaft an den Standorten Ulm-Donautal und Pfedelbach am Mittwoch bei Betriebsversammlungen mit. Beide Standorte gehören zur Transporter Industry International (TII, Heilbronn), die an den zwei deutschen Standorten mit insgesamt 750 Mitarbeitern rund 200 Stellen streichen will. Am Hauptstandort Pfedelbach sind derzeit 500 Menschen für die Gruppe tätig, in Ulm 250. Dazu kommen Werke in Frankreich und Indien, die jedoch demnach nicht von den Abbauplänen betroffen sind.

Für das früher zu Kögel gehörende Unternehmen Kamag stellt sich die Lage dagegen schwierig dar: Am Standort in der Liststraße könnten rein rechnerisch etwa 60 Arbeitsplätze verlorengehen. Der Stellenabbau dürfte sich allerdings prozentual nicht gleichmäßig auf Ulm und Pfedelbach verteilen, berichtete Pressesprecher Christopher Rimmele.

Vielmehr soll in beiden Werken vorrangig ausgelotet werden, wie viele Mitarbeiter vorzeitig in den Ruhenstand geschickt werden können. Es soll nach Rimmeles Worten möglichst keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Zu den Details des Stellenabbaus seien inzwischen Gespräche mit dem Betriebsrat und mit der IG Metall angelaufen. Das Sparprogramm werde vorausschauend geplant und solle bis zum Frühjahr 2018 wirksam werden.

Mittelfristig keine Trendwende

Der Sprecher begründete den Abbau mit der konjunkturellen Flaute in der Ölindustrie, den Überkapazitäten in der Stahlindustrie und der Werftenkrise. Für diese Branchen baut TII fahrende Plattformen, auf denen ganze Bohrinseln oder Schiffsteile bewegt werden können. Zum Programm gehören außerdem Schlackentransporter für Erzminen. Ein weiteres Anwendungsfeld für die Spezialtransporter ist die Luft- und Raumfahrt. So bewegt die TII-Gruppe, die sich als Weltmarktführer sieht, auch das Space Shuttle und Radioteleskope.

Vor allem in der Sparte der fahrbaren Transport-Plattformen habe man zuletzt noch „stark Kapazitäten aufgebaut“, berichtete der Sprecher. Sie seien im nachhinein überdimensioniert und müssten nach unten korrigiert werden. Die Unternehmensspitze mit Geschäftsführer Axel Müller glaubt aber an eine langfristige Erholung der Märkte, in denen man mit TII Technologieführer bleiben wolle. Dagegen sei „mittelfristig keine Trendwende in Sicht“, heißt es in einer im Donautal ausgehängten Mitteilung.

Daraus geht auch hervor, dass der Stellenabbau „alle Bereiche des Unternehmens erfasst“, also nicht nur die Produktion, sondern auch die Verwaltung. Man wolle für jeden Mitarbeiter eine gute Lösung finden. Einzelheiten könne man erst nach Abschluss der Gespräche mit dem Betriebsrat nennen. Bemerkenswert allemal: Inhaber Rettenmaier, der vergangenes Jahr seinen 90. Geburtstag feierte, war bei beiden Betriebsversammlungen selbst mit dabei.

Für die Belegschaft bei Kamag ist der Stellenabbau dennoch ein harter Schlag. Kamag war nach der ersten Kögel-Insolvenz 2004 an Rettenmaier verkauft worden und schien damit – auch angesichts der zweiten Kögel-Krise 2009 – rechtzeitig einen sicheren Hafen erreicht zu haben. Nun will die Firma allerdings wegen eines, wie es heißt, signifikanten Rückgangs bei den Aufträgen in tiefgreifender Weise „Kosten, Strukturen und Prozesse“ anpassen.

Daten und Fakten zur TII-Gruppe

Weltrekorde Die TII-Gruppe beschäftigt an vier Standorten in Deutschland, Frankreich und Indien 1000 Mitarbeiter. Sie erzielte vergangenes Jahr einen Umsatz von 250 Millionen Euro. Nach Angaben der Firma erfolgt global ein Großteil der Schwertransporte mit Fahrzeugen der TII-Marken Kamag, Scheuerle, Nicolas und „Tiiger“. Die Fahrzeuge halten mehrere Weltrekorde für den Transport schwerster Lasten wie Schiffs- oder Brückenteile.

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