Lyrik Starke Bildsprache von Christine Langer

Die Neu-Ulmer Lyrikerin Christine Langer.
Die Neu-Ulmer Lyrikerin Christine Langer. © Foto: Gerald Zörner
Ulm / Claudia Reicherter 13.09.2018

Windmusik. Windspiel. Windgefährten. Windschlag, der sich überholt. Winkelschluchten des Geästs. Wolken, die der Himmel verlost. Worte, ineinandergelegt. Widerspruch. Und „wundgeküßte“ Lippen – ganz bewusst und durchgehend in Christine Langers neuem Gedichtband noch in der alten Rechtschreibung mit ß geschrieben. Worte mit „W“ durchziehen nahezu organisch die 94 in fünf Gruppen gefassten Gedichte. Aber nicht nur das.

Da blitzt auch immer wieder ein rotes Kleid durch, ein blaues Hemd, eine Hand greift dazwischen. „Eine Margerite im Knopfloch bündelt die Wiesen.“ Monde. Die werden in der oftmals haikugleich kompakten und zugleich offenen, äußerst rhythmisch komponierten Lyrik der in Ulm geborenen Neu-Ulmerin auch mal nonchalant über die Schulter geworfen. Zum Ich gesellt sich hie und da ein Du, das aber – wie in einem stummen Zwiegespräch – auch wieder das Ich sein kann.

Tausendjähriges Haar. Überhelles Schweben. Zwiegespräche im Gezwitscher/Verworfener Ziele. Eine aufgeknöpfte Nacht. Und der „Speichelspeicher der Ekstase“  in „Kirschenessen“ – die 51-Jährige findet überraschende Wendungen und Wortkombinationen, um Assoziationsräume zu öffnen und die subtilsten Gefühlszustände und Regungen zu spiegeln. Apropos: Auch der Spiegel kommt immer wieder. Genauso wie Zittern, Wimpern, Silben.

 „Körper­alphabet“ heißt der wie ihre jüngsten Publikationen  „Jazz in den Wolken“ (2015), „Findelgesichter“ (2010) und „Lichtrisse“ (2007) in gewohnt schöner Aufmachung im Tübinger Klöpfer & Meyer Verlag erschienene, schmale Band. Das Cover zeigt einen Ausschnitt aus einem Bild des Tübinger Künstlers Dieter Löchle, der wie geschaffen  ist zur Illustration von Christine Langers „Schichten von Blau zwischen den Wolkendecken“ und „Begegnungen zwischen Blau und Blau“, die ein ums andere Mal auf eine Krähe treffen.

So etwa im letzten Gedicht des Buchs, „Warmbronns Krähe“, das auf eine Begegnung im Geburtshaus des Dichters Christian Wagner zurückgeht. Das heiße aber nicht, dass sie in den überaus produktiven vergangenen dreieinhalb Jahren, in denen die Gedichte entstanden, das Werk des vor 100 Jahren verstorbenen Leonberger Kollegen begleitet hätte, sagt Christine Langer. Vielmehr hat die tierliebe Pferde- und Katzenhalterin eine Anekdote vom tierischen Freund des Mannes tief berührt. Ähnliches gilt in diesem Buch für die anderen literarischen Anspielungen: „Sommernachtstraum“, „Er ist’s“ und „Ansichten eines Clowns“ sind kaum als Hommage an große Vorgänger zu lesen. Eher schon als ein zeitgemäßes Echo auf Motive, die nun mal auch Shakespeare, Mörike und Böll verwendet haben.

„Der Tag entrollt seine Reserven“ zwangsläufig oft in ländlichen Begriffswelten, doch gerät er auch „Zwischen Asphalt und Gewölk“, wo ein rollender Zug „den langatmigen Schrei der Gleise“ überholt und sich die Straßenlaterne gleich einer „fliehenden Geliebten“ im Bach spiegelt.

Wenn es in „Lilien“ jedoch heißt, „Wir wachsen uns zu“ und in „Einmal“ „Wuchs eine Blüte/Sich selbst zu“, so ist das weder romantisierende Natur- noch schlichte Liebeslyrik, sondern „Bildsprache“ im ganz grundlegenden, wunderbaren Sinn. Christine Langer will damit das Beziehungsgeflecht zwischen  Körper und Natur sowie Sprache und Natur ausloten. Und „auf einer sinnlichen Ebene als poetologisches Konzept den Körper mit Sprache verbinden“, erklärt die Dichterin und Chefredakteurin der Literaturzeitschrift „Konzepte“. Das ist ihr gelungen. Eine Kostprobe bietet etwa „Zenit“:

Die Schenkel der Grasnarben

Sind verdeckt von

Roten Trompeten des Buschs

Wohin die Hand greift

Beim Pflücken der Früchte

Erlöst sich ihr eigener Schatten

Kommende Termine: Rezitation und Lesung

Rosskultur Zur Kulturnacht am Samstag rezitiert Christine Langer am Brunnen auf dem Münsterplatz zwischen 15.30 und 18.30 Uhr von ihrem Pferd herab Gedichte.

Buchpremiere Ihren neuen Gedichtband stellt sie am 30. Oktober, 19.30 Uhr, in der Ulmer Stadtbibliothek vor.

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