Ulm Stadtpolitik ringt um besseren Schutz bei Starkregen

HANS-ULI THIERER 13.07.2016
Gegen solche Starkregen  wie unlängst, ist nichts auszurichten. Dennoch will die Ulmer Stadtpolitik nicht untätig bleiben. Sagen Stadtspitze und Rat.

Starkregen, wie er Ende Mai und Anfang Juni über Teilen von Ulm niederging, kommt eigentlich nur alle 50 Jahre vor.  Das Hochwasser des Einsinger Rötelbachs, das den halben Ort unter Wasser setzte, sogar nur alle 100 Jahre. Doch was nützt solche Statistik, wenn so was innerhalb einer Woche  gleich dreimal passiert? Und was kann dagegen vorsorglich unternommen werden?

Um diese Thematik drehte sich am Mittwochabend die Debatte im Ulmer Gemeinderat. Die Verwaltung  hatte einen ersten, ganz und gar unvollständigen  Bericht über die Unwetter und deren Folgen vorgelegt.

Fazit, wie Baubürgermeister Tim von Winning es zog und wie es mit diversen Anmerkungen die Fraktionen zur Kenntnis nahmen: Eine Stadt könne noch so viel in Schutzmaßnahmen und größere Kanalnetze stecken. Gegen die Gewalt der Natur, die immer häufiger sehr lokal ausbricht – der Starkregen traf Ende Mai vorwiegend Einsingen und die  Hochsträßdörfer Eggingen und  Ermingen, eine Woche später dann  den unweit entfernten Kuhberg –, ist wenig bis nichts auszurichten. Das aber ist kein   Grund, die Hände in den Schoss zu legen.

Der Reihe nach, wobei von Winning betonte, dass zu  vielen Einzelheiten noch keine endgültigen Aussagen getroffen werden könnten: Klar zu sein scheine aber, dass die Ursachen für mit Wasser vollgelaufene Keller und Wohnungen in Einsingen und am Hochsträß andere waren als am Kuhberg. In den einen Fällen habe Oberflächenwasser für die Überflutungen gesorgt, am Kuhberg habe wegen Rückstaus in der Kanalisation das Wasser von unten in die Keller gedrückt.

Das führte speziell dort zur Vermutung, dass ein Zusammenhang bestehen könnte mit der Großbaustelle für die Straßenbahnlinie 2. Der Baubürgermeister schloss dies aber so gut wie aus. Das Kanalnetz am Kuhberg sei an keiner Stelle verändert worden, auch nicht die Zuläufe. „Wir gehen zum jetzigen Zeitpunkt davon aus, dass die Baustelle keinen relevanten Einfluss hat.“ OB Gunter Czisch betonte in diesem Zusammenhang aber auch: Sollten die weiteren  Untersuchungen und Klärungen ergeben, dass die Stadt in der Pflicht stehe, „dann werden wir für Schäden auch gerade stehen.“

Was ist mit der Flächenversiegelung? Sie spiele, sagte von Winning, generell natürlich eine Rolle. In den speziellen Fällen am Hochsträß aber eine  untergeordnete. Dort seien die Felder, Wiesen und Wälder, die den Regen wie ein Schwamm aufsaugen können, durch die zuvor schon langanhaltende  Regenperiode nicht mehr aufnahmefähig gewesen. Das Wasser des Starkregens schoss sintflutartig in den Ort. Dort, im Übrigen, beschleunigt durch die Erschließung eines Neubaugebiets, wo Versickerungsflächen verloren gegangen seien, sagte von Winning.

Prinzipiell einig sind sich Stadtspitze und Gemeinderat darin, dass ein überdimensionierter Ausbau des Kanalnetzes und in Folge die Anpassung der Kläranlage Steinhäule an diese neuen Dimensionierungen – was leicht einen  dreistelligen Millionenaufwand verursachen würde – nicht in Frage kommen. Stattdessen sollen überall, wo möglich, Rückhalte-  und Retensionsflächen angelegt werden oder erhalten bleiben. Außerdem will man bei Bebauungsplanungen noch stärker als bisher danach trachten, dass nicht steile Satteldächer gebaut werden, sondern flache begrünte Dächer;  dass auf Privatgrundstücken auf Flächen geachtet wird, auf denen das Wasser versickern kann; dass verstärkt Zisternen angelegt werden.

Ferner will die Stadt  Sorge tragen, dass die im Baurecht vorgeschriebenen Rückstauklappen bei Hausanschlüssen ans Kanalnetz auch wirklich eingebaut werden. Dazu wird eine Informationsoffensive gestartet, weil solche Klappen nach Einschätzung von Winnings die wichtigste private Schutzmaßnahme gegen volllaufende Keller sind. Auf Einzelfälle, in denen finanzielle Unterstützung nötig sei, werde man großzügig reagieren, kündigte der OB an. Ein städtisches Rückstauklappen-Programm werde es aber nicht geben.

Eine Gesamt-Schadenssumme ist nicht erhoben. Das Regierungspräsidium hat in Ulm für Bedürftige eine Soforthilfe von 97.000 Euro eingerichtet, die noch bis Ende Juli läuft. Abgerufen sind bisher 82.000 Euro.

Die Unwetter in ein paar Zahlen

Zwei Tage Der 29. Mai und der 5. Juni bleiben vielen Ulmern mit Schrecken in Erinnerung. Es waren die beiden Tage der Starkregenfälle, wie sie sich statistisch gesehen nur alle 50 Jahre ereignen. Die Folgen waren bekanntlich vor allem in Einsingen, Eggingen, Ermingen  und am Kuhberg verheerend. Feuerwehr und Rettungsdienste hatten  500 Einsätze. Phasenweise waren über Stunden hinweg 350 Feuerwehrleute gleichzeitig im Einsatz. Mit 60 Fahrzeugen, wie aus einer Auflistung der Stadt hervorgeht. Da steht auch: Es wurden 500 Schläuche verlegt, 11.000 Sandsäcke abgefüllt. 35 Menschen mussten aus Gebäuden geholt werden, 14 aus Fahrzeugen. Eine vierköpfige portugiesische Familie in Einsingen war in Lebensgefahr, ihr Wohnzimmer füllte sich sekundenschnell bis zur Decke.