Ausstellung Stadthaus-Ausstellung: „Die geraubten Mädchen“

„Agnes, 25, Marktfrau, Halbeschwester von Sakinah“ hat Andy Spyra dieses Porträt überschrieben, das in Yola, Nigeria, im Juli 2015 entstand.
„Agnes, 25, Marktfrau, Halbeschwester von Sakinah“ hat Andy Spyra dieses Porträt überschrieben, das in Yola, Nigeria, im Juli 2015 entstand. © Foto: ©Andy Spyra
Ulm / Claudia Reicherter 01.09.2018

Agnes blickt starr ins Leere, das Neugeborene wie ein Fremdkörper auf ihrem Schoß. Seit der Geburt drei Monate zuvor in einem Dorf in der Savanne, durch das die Nigerianerin auf der Flucht kam, leidet die 25-Jährige unter Schmerzen im Unterleib. Das ist aber nicht der Grund, weshalb die Christin, einstige Marktfrau und Mutter von drei weiteren Kindern, über den Jungen sagt: „Ich denke, ich muss doch was fühlen für dieses Kind. Aber ich fühle nichts. Ich hätte es töten sollen.“

Wenige Tage, nachdem Agnes aus ihrem Dorf bei Gulak entführt und ihr Ehemann getötet worden war, haben Kämpfer der islamistischen Terrororganisation Boko Haram sie gezwungen, einen der Killer zu heiraten. Sie hatte keine Wahl, sagt sie, denn in einem Schlachthof waren gerade vor ihren Augen 49 Frauen, die sich der Zwangsehe widersetzten, die Kehlen durchgeschnitten worden.

Das erzählt Agnes 2015 zwei deutschen Reportern, kurz nachdem sie auf ihrer mehrmonatigen Flucht in Yola, an der südlichen Grenze des von den Terroristen kontrollierten Gebiets im bitterarmen Nordosten Nigerias, angekommen ist. Der in Reutlingen lebende „Zeit“-Reporter Wolfgang Bauer und Fotograf Andy Spyra suchten entkommene Opfer von Boko Haram – übersetzt etwa „Westliche Bildung ist Sünde“ – auf. Ein Jahr zuvor war Nigeria durch die Entführung von 276 Schulmädchen aus dem Dorf Chibok und der darauf einsetzenden Kampagne #bringbackourgirls, unterstützt unter anderem von Michelle Obama, kurz weltweit in den Fokus gerückt.

Das Leid in der einstigen britischen Kolonie, die seit 1960 unabhängig ist, geht jedoch weiter. Durch einen Teufelskreis aus Angst, Gewalt und Gegengewalt. Daran wollten der in Tübingen ausgebildete Islamwissenschaftler und Historiker Bauer und der aus Hagen stammende Spyra durch Interviews und Fotografien erinnern. Bis heute sind daraus Magazinbeiträge, ein Buch (Suhrkamp, 190 Seiten, 19.99 Euro) und eine Ausstellung entstanden: „Die geraubten Mädchen – Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas“. Diese ästhetisch wie menschlich überwältigende Schau haben Stadthausleiterin Karla Nieraad und ihre Projektpartnerin Andrea Kreuzpointner jetzt nach Ulm geholt.

Agnes und ihr Junge sind das siebte Schwarz-Weiß-Porträt in der Ausstellung. Sie war die letzte, die es nach einem Militärschlag 2015 aus dem undurchdringlichen Sambisa-Wald, in den die islamistischen Schreckensherrscher unter Anführer Abubakar Shekau sie wie tausende andere Geiseln ein Jahr zuvor verschleppt hatten, nach Yola schaffte. Das letzte Opfer, mit dem Bauer und Spyra sprechen. Es wird das kürzeste ihrer Interviews, denn Agnes hat starke Schmerzen. Fieber, Krämpfe, „vielleicht eine Infektion“, schreibt der beim „Schwäbischen Tagblatt“ in Tübingen ausgebildete Journalist. Ihm und Spyra ist klar, „dass Agnes dringend zum Arzt muss“. So kurz das Zusammentreffen, so ikonenhaft das Bild, das der vielfach preisgekrönte Fotograf dabei einfängt.

Agnes erinnert an eine erstarrte Madonna, der ihr erschreckt blickendes Kind fast vom Schoß rutscht. Wie die Worte der Frau, die nach ihrer Zwangskonvertierung noch immer den Tschador trägt, lässt es den Betrachter nicht mehr los. Der Junge heißt Moussa. Nach einem Mann, der ihr bei der Geburt half. „Es ist mir egal, es ist ein Name wie jeder andere.“ Dass Agnes den Jungen gegen ihren Instinkt doch fütterte, dafür sorgten die Menschen im Dorf: „Versündige dich nicht gegen Gott“, sagten die. „Aber was für ein Mensch soll das werden?“

 Das ist nur eine der Geschichten, die diese keineswegs durch Schockbilder, sondern durch subtile Ästhetik wirkende Ausstellung erzählt. Neben der von Lydia, 17, der von Afiniki, acht Monate, und der des Boko-Haram-­Kämpfers, 30, dessen Freund­­-
lich­keit den 31-jährigen Fotografen fassungslos machte.

„Das Ende dieser Ausstellung ist kein Ende“, betonen Nieraad und Kreuzpointner analog zu einem der letzten Sätze des Buches. Rund 15 000 Boko-Haram-Angehörige töten, quälen und entführen weiter. 2,6 Millionen Menschen sind vor den Terroristen auf der Flucht. „Das Thema ist so komplex, so verfilzt wie der Wald in diesem Gebiet“, sagt Nieraad. „Ich weiß nicht, was Angela Merkel da in drei Stunden erreichen will und kann.“ Die Kanzlerin war gestern zu Besuch in Nigeria. Die Ausstellung ist brandaktuell.

Der Fotograf und der Autor im Gespräch

Die Ausstellung wird morgen, Sonntag, 11 Uhr, mit einem Podiumsgespräch im Stadthaus eröffnet. SÜDWEST-PRESSE-Politikredakteurin Elisabeth Zoll spricht mit Fotograf Andy Spyra und Autor Wolfgang Bauer über ihr Buch und die Ausstellung „Die geraubten Mädchen – Boko Haram und der Terror im Herzen Afrikas“. Die läuft bis 28. Oktober, Mo-Sa 10-18, Do 10-20, So 11-18 Uhr. Eintritt frei.

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