Ein blass-trüber Samstag im Alten Friedhof. Das Wetter hat sich entschieden, Frühlingsverweigerer zu werden. Eingepackt in warme Mäntel erwarten eine Reporterin und ein Fotograf mit Spannung, was gleich passiert. Tobias Basler aka „Tobi“ trägt kurze Trainingshosen und ein Shirt. Würde die Sonne scheinen – Tobis Strahlen wäre heller. Man merkt: Der Mann ist in seinem Element. Er setzt sich auf das schmale Band, das jetzt auf anderthalb Metern Höhe zwischen zwei Bäumen gespannt ist. Er ­beginnt, auf und ab zu wippen und schwingt sich nach oben. Die Line steht unter Spannung, Tobi tänzelt und wippt. „Was soll ich jetzt machen ...? Ein paar Figuren? Sowas wie Yoga? Zeigt mir die Figuren, ich versuche mein Glück ...!“

Die Slackline: der rote Faden in seinem Leben

Es ist die Slackline, die gleich einem roten Faden sein Leben seit 2013 bestimmt. An einem sonnigen Tag im August steht Tobi zum ersten Mal auf einer dieser Lines, die aussehen wie Lkw-Spanngurte. Sein bester Freund Rafi hat es vorgeschlagen. Eigentlich spielen sie zusammen in der Tischkicker-Bundesliga – sogar gar nicht mal schlecht. Doch an diesem Tag probieren sie im Geislinger Stadtpark etwas Neues aus. Noch bevor der Nachmittag zu Ende geht, hat Tobi Feuer gefangen.
Ein ohrenbetäubendes Schwingen geht jetzt von der Trick­line im Alten Friedhof aus, fast wie das langgezogene Hämmern eines Spechts. Tobi setzt zum Salto an. Die koordinierten Bewegungsabläufe hat er früher täglich, Schritt für Schritt, auf dem Trampolin einstudiert. Flink wie ein Seiltänzer turnt er über die Line, lächelt, macht kehrt. Nicht ganz ernst gemeinte Regieanweisung des Fotografen: „Jetzt küss die Line ...“ Tobi geht in die Hocke, verharrt regungslos, richtet seinen Kopf nach unten, gibt der Slackline einen Schmatz, strahlt und springt wieder auf.
„Wusstest du, dass du beim Slacklinen gut sein würdest?“ Diese Frage drängt sich unweigerlich auf. „Ganz und gar nicht! Am Anfang konnte ich nicht einmal ruhig aufrecht stehen ... Ich habe bei der Arbeit auf Nachtschicht umgestellt, um tagsüber üben zu können. Täglich mindestens sechs Stunden und am Wochenende durchgehend.“ Ohne das Gleichgewicht zu verlieren, verharrt er während des Interviews auf dem Seil. „Im Internet hab ich mir Videos von Slacklinern angeschaut. Dann kam ich zum Tricklining.“ Dabei wird die Line fester gespannt – das ermöglicht akrobatisch gewagte Sprünge wie Saltos, Back Bounces und Drehungen (Spins). „Ich ging auf Shows und unterhielt mich mit den Slacklinern, fragte manchmal, wie die das so machen.“ Schnell ist Tobi in der nach wie vor überschaubaren Szene bekannt und baut
sich seine eigene Crew auf. „Wir fuhren auf Contests nach Spanien, waren in Andorra, Tschechien und Holland.“ In Geislingen ließ der Bürgermeister einen Slackpark für die „Slackerjunkies“ errichten. „Gibbon Slacklines“ machte Tobi zum Botschafter und schickte ihn nach Katar. Dort stand er für die Tochter des Königs auf der Line – unter strenger Geheimhaltung. „Mit verbundenen Augen ging es mit dem Jeep durch die Wüste.“
„Hattest du Vorbilder?“ Tobi zögert. „Klar, doch irgendwann wurden meine Vorbilder zu Freunden und wir haben zusammen geübt.“ Mit Giovanna aus Brasilien oder Andy Lewis (USA), dem ersten Weltmeister im Slacklining im Jahr 2008. Am liebsten hat Tobi die „Back Bounces“, Sprungkombinationen, bei denen man auf dem Rücken landet. Er, der nie davor geturnt hat, macht bei drei Meter hohen Sprüngen und der Landung auf einem gerade einmal 50 mm breiten Band eine gute Figur.
2015. Mit seiner Crew tritt Tobi in Saarbrücken an. Acht Mann, ein eigener DJ für den Sound („schnell muss es sein, elektronisch, am besten Drum ’n’ Base“). „Die Meisterschaften fanden in einer Chill-Out-Lounge statt. An dem Abend war ohnehin bereits Party, unglaublich viele Leute, die meisten waren verkleidet.“
Tobi schafft die Kombinationen, ist in Gedanken bereits beim nächsten Bounce, die Menge tobt. Tobias Basler wird Deutscher Meister. „Nachdem das Ergebnis feststand, feierten wir in dem Club bis in die frühen Morgenstunden.“
Im gleichen Jahr wird Tobi Vater. Zunächst zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Doch schnell ist klar: Die Slackline wird immer ein Teil seines Lebens sein. „Gerade in schwierigen Zeiten schafft das Slacklinen einen wunderbaren Ausgleich. Ich empfehle jedem, der sich jetzt angesprochen fühlt, es mal zu probieren. Wenn die ersten Meter auf der Line geschafft sind, stellt sich schnell ein Erfolg ein, für den es sich lohnt, weiterzumachen.“ Ein letzter Trick, sein Favorit, der Buttflip, ehe das Interview zu Ende geht. „Slacklinen schafft nicht nur einen körperlichen, sondern auch einen psychischen Ausgleich.“ Wer Lust hat, sich auf die Line zu wagen, kann sich direkt an Tobi wenden, der wahrscheinlich niemals aufgehört hat, ein Botschafter für einen Sport zu sein, der, wie er sagt „so fair ist wie kein anderer. Wir sind eine große Familie – weltweit.“

LET’S SLACK TOGETHER..!


Die Ulmer Slackline-Szene trifft man oft im Alten Friedhof. „Auch in der Friedrichsau gibt es schöne Plätzchen“, sagt Eli Neuser (31), Vereinsgründerin der Ulmer Slackliner. Wichtig sei es, die Bäume immer mit einem Schutz zu umwickeln. „Da reicht auch ein altes Handtuch“, so Eli, die ihre Disziplin im High­linen (30 Meter aufwärts) vor vier Jahren entdeckt hat. „Die Bäume sollten nicht zu schmal sein. Wenn man den Baum gerade so umarmen kann, dann ist er optimal dafür geeignet.“

Wer ein bisschen Mut und Geduld mitbringt, ist auch bei den Geislinger Slacklinern im Park beim oberen Biergarten bestens aufgehoben. Hier gibt‘s meisterliche Tricks von Tobi persönlich.

Slackline Ulm

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Tobias Basler

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