Ulm Stadt fragt Bürger: Was soll sein an der Donau?

Blau auf Rot: Auf blauen Plakaten wird an der Stadtmauer getrommelt für den Bürgerworkshop zur Donauufergestaltung. Nachzulesen unten vom Ufer aus und oben auf der Mauer. Bürgermeister Tim von Winning, sein Referent Michael Müller und Grünflächenchef Christian Giers (von links) hoffen auf regen Zuspruch.    Besuch bei Bauer Theo Völk (für Seite Vier)
Blau auf Rot: Auf blauen Plakaten wird an der Stadtmauer getrommelt für den Bürgerworkshop zur Donauufergestaltung. Nachzulesen unten vom Ufer aus und oben auf der Mauer. Bürgermeister Tim von Winning, sein Referent Michael Müller und Grünflächenchef Christian Giers (von links) hoffen auf regen Zuspruch. Besuch bei Bauer Theo Völk (für Seite Vier) © Foto: Matthias Kessler
Ulm / HANS-ULI THIERER 03.06.2016
Wie soll das Ulmer Donauufer im zentralen Stadtbereich gestaltet sein? Was soll es bieten? Die Stadt ruft die Bürger auf, Antworten zu geben. <i>Mit Umfrage und einem Kommentar: Doppelstädtisches Versagen.</i>

Die Ulmer (und Neu-Ulmer) und ihr Fluss: Wie soll das Donauufer eigentlich aussehen? Gespräche zwischen Stadtpolitik und Stadtgesellschaft über diese Frage laufen seit Jahren. Zuletzt war diese Angelegenheit aus dem Dialog herausgenommen und in die Hände der Experten gelegt worden. In einer so genannten Mehrfachbeauftragung waren etliche Fachbüros gefragt, Ideen zu entwickeln und Vorschläge zu machen. Diese wurden im vergangenen Jahr auch in großer Bandbreite geliefert.

Anders als im Städtebau, so erläutert Baubürgermeister Tim von Winning, werde in diesem Fall aber nicht eine Arbeit Grundlage konkreter Planungen. Ziel sei es vielmehr, zu einem Konzept aus mehreren Bausteinen zu kommen. Maßgeblich daran mitwirken soll in der nächsten, der vorentscheidenden Stufe nun die Ulmer Öffentlichkeit. Womit auch die bayerischen Nachbarn, die ja mit dem Blick auf Ulm leben müssen, gemeint sind. Von Winning: „Auch die Neu-Ulmer dürfen mitmachen.“

Und zwar an einem Bürgerworkshop am Donnerstag, 9. Juni, der von 19 Uhr an in der direkt an der Donau am Ziegelländeweg liegenden Hochschule für Kommunikation und Gestaltung (HfK+G) stattfindet. Der Bürgermeister, sein Referent Michael Müller und der städtische Grünflächen-Chef Christian Giers erläuterten gestern Sinn und Zweck: und zwar auf der Donauwiese vor der Stadtmauer, an deren Ziegelstein-Rot auf strahlend blauen Plakaten für die Teilnahme an diesen Workshop geworben wird. Anmeldungen sind noch möglich bis Montag, 6. Juni.

Es soll an diesem nach dem Vorbild eines „Word-Cafés“ gestalteten Abend vor allem um die Entschärfung konfliktträchtiger Punkte gehen. Sie werden an verschiedenen Thementischen erörtert. Als da als Streitpunkte wären:

Zugang zum Wasser Sollen zwischen Weißem Turm nahe Bahnbrücke und Rotem Turm auf Höhe Maritim/Congress Centrum Ulm Zugänge ins Wasser geschaffen werden? Falls ja, wo? Oder soll die Donau der Tierwelt und den Wassersportlern vorbehalten bleiben?

Rad- und Fußwege Das nach Ansicht Müllers heißeste Eisen sind die Verkehrswege, wo der schlendernde Stadtbummler mit dem eiligen Jogger und dem rasanten Radler ins Gehege kommt. Vor allem an Engpässen wie etwa an der Adlerbastei. Wie entschärfen?

Gastro-Angebote Soll es im zentralen Bereich – Donauschwabenufer/Donauwiese – gastronomische Angebote geben? Wenn ja, welche? Man darf sich des Protests von Anwohnern im Fischerviertel sicher sein. Andererseits, so von Winning: „Gastronomie bedeutet auch soziale Kontrolle. Es sind Personen da, die ein Auge aufs Gelände werfen.“ Generelle Haltung des Bürgermeisters: Mit Offenheit in die vorgesehenen Rundgänge an den Tischen gehen. „Es gibt verschiedene Interessen von Menschen. Und wo Interessen vorliegen, ist zu reden.“

Ökologie Auch Fragen des Ruhebedürfnisses, von Flora und Fauna, vom Habitat sollen aufgetischt und in Dialogprozessen geklärt werden.

Ziel ist es, Workshop- und Online-Ergebnisse über den Sommer hinweg auszuwerten. Am 13. Oktober ist dann die zweite Veranstaltung für Bürger. Dann sicher nicht mehr mit großen Diskussionsbeiträgen, sagt von Winning. Dann gehe es darum, was dem Gemeinderat konkret vorgeschlagen werden soll.

Der Bürgermeister geht davon aus, dass die besten Vorschläge bis zum späten Herbst in einen Rahmenplan gegossen werden können.

Dieses Konzept soll dann dem zuständigen Fachausschuss für Stadtentwicklung des Gemeinderats noch in diesem Jahr zur Beschlussfassung vorgelegt werden. Tim von Winnings Vorstellung ist eine Planung, die in mehreren Schritten von 2017 an über drei bis fünf Jahre hinweg realisiert wird.

Info
Die Termine: 9. Juni Bürgerworkshop in der HfK+G; Online-Beteiligung 10. Juni bis 10. Juli (donauufer@ulm.de); 13. Oktober zweite Bürgerveranstaltung in der HfK+G.


 

Eine kleine Umfrage: Stimmen zum Donauufer

„Ich finde das Donauufer gut so, wie es ist", sagt Ursula Bechtle. „Die Menschen, die herkommen, möchten doch den Blick auf die Donau und die Stadtkulisse.“ Ihrer Ansicht nach müsse die Erholung im Vordergrund stehen, auch die Ansiedelung von Cafés oder Biergärten hält sie nicht für nötig. „Da unten ist ja schon das Boot, und ein paar Schritte weiter oben gibt es genug Gastronomie.“

Jeanette Hoffmann und Steffen Krippner kennen sich mit dem Donauufer aus: Das Paar aus Chemnitz macht gerade eine zehntägige Radtour nach Passau. Mit der Ulmer Situation sind sie mehr als zufrieden: „Hier gibt es gar nichts zu meckern. Hier gibt es so viele schöne Rastplätze und Freizeitmöglichkeiten, das ist perfekt“, lobt Steffen Krippner. „Wir sind rundum begeistert und zufrieden.“ Den Bedarf von Attraktivitätsmaßnahmen sieht Jeanette Hoffmann nicht: „Wichtiger ist es die Natur so zu erhalten, wie sie ist.“

„Ein Café oder Kiosk hier an der Donaumauer“, wünscht sich Andrea Lohrmann. „Das fände ich richtig schön, wenn man sich etwas zu trinken holen kann. Es gibt so viel Möglichkeiten, sich zu setzen, aber das ist manchmal ein bisschen trocken.“ Das Bootshaus sei kein richtiges Café, merkt sie an, wobei es ihr nicht um den großen Trubel geht, sondern nur darum, sich tagsüber kurz mit Erfrischungen versorgen zu können.

„Ist das Donauufer nicht schon attraktiv im Gegensatz zu vor 20 Jahren?“, stellt Otto Aydin die Sinnfrage. „Also ich finde, es ist in der Zwischenzeit schon sehr attraktiv geworden.“ Der Pressereferent stammt aus Günzburg, war in seiner Kindheit oft hier zu Besuch und lebt mittlerweile ganz in Ulm. „Es hat sich bereits sehr viel verändert, und zwar zum positiven hin. Kinder können spielen, man kann ausgehen, flanieren und sich wohl fühlen.“ Zu wenig geboten sei aus seiner Sicht nicht. „Von hier bis zur Friedrichsau sind es knapp vier Kilometer, wo man High-Life hat, das ist doch schön.“ Und Gastronomie am Donauufer? „Das wäre ja irre. Stellen sie sich vor, das Wasser würde steigen, was wäre denn dann los?“ 

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Doppelstädtisches Versagen

Nächste Runde im Donau-Dialog. Jetzt aber, wenn nicht alles täuscht, die vorentscheidende. Im Bürgerworkshop am 9. Juni werden Weichen gestellt. Wer etwas zu sagen hat oder sagen möchte, sollte die Gelegenheit nutzen. Wer keine Zeit hat, kann sich online beteiligen. Also Ulmer, äußert Euch zum oberwichtigen und oberemotionalen Thema, was alles laufen soll am Flussufer und was nicht. Nichts zu sagen und hinterher zu maulen, gilt nicht.

So begrüßenswert das ganze Procedere ist, wie die Ulmer Lokalpolitik zu finalen Ergebnissen kommen möchte, so bedauerlich ist der grundlegende Konstruktionsfehler. Er zeigt sich dieser Tage wie unterm Brennglas, denn auch die Neu-Ulmer Seite doktert an der Frage herum, was an der Donau verbessert werden könnte. Schon vor Jahr und Tag hätten die kommunalen Akteure die Köpfe zusammenstecken müssen, um zu einem ganzheitlichen Konzept für beide Ufer am einen Fluss zu kommen. So aber feiert man zwar vom 1. Juli an das zehnte gemeinsame Donaufest. Die Planungen, wie die Donau abseits der Festivitäten im Alltag besser wahrgenommen werden kann, aber laufen aneinander vorbei. Ein Fall von doppelstädtischem Versagen.

Die ganze Sache ist aber jetzt den Bach hinunter. Nach dem kleinen Wettbewerbsverfahren im Vorjahr sind die Ulmer konzeptionell so weit enteilt, dass ein Zusammenführen von Ideen und Vorschlägen außer Reichweite geraten ist.

  

 

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel