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Stuttgart 21
Ulm / Harald John  Uhr

Um 12.15 Uhr krachte es mehrfach laut unterm Michelsberg, Staubfontänen wirbelten empor – dann war es geschafft. Nach mehr als acht Jahren Planung und Vorbereitung, nach neun Grußworten sowie einer siebenminütigen Lasershow sahen die 900 Besucher endlich Licht am Ende des Tunnels. An zwei Stellen hatten sich die riesigen Bohrmaschinen durch die letzten Meter des Gesteins gefressen, der Albabstiegstunnel ist offiziell durchschlagen.

Die 5940 Meter lange Doppelröhre, die zwischen Ulm und Dornstadt 90 Höhenmeter überwindet, kostete 250 Millionen Euro. Die prominenten Gäste, die aus Berlin, Stuttgart und aus der Region gekommen waren, spendeten beim entscheidenden Knall reichlich Beifall, ein Posaunenchor intonierte „Glück auf, der Steiger kommt.“ Und Gerlinde Kretschmann, Ehefrau des Ministerpräsidenten und rührige Tunnelpatin, musste ein leichtes Schluchzen unterdrücken: „Es ist heute wie  Kindergeburtstag.“ Wohl auch wegen dieser großen Liebe zum Projekt hatten die Verantwortlichen den Tunnel „Gerlinde-Tunnel“ getauft.

Europäische Dimension

Bahn-Chef Rüdiger Grube (65) war am Morgen mit bester Laune aus Berlin angereist. „Ich komme ausgesprochen gerne hierher, denn Ulm war schon immer für die Neubaustrecke.“ Daran erinnerte auch der bestens gelaunte Ulmer Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU), der Grube eine „Ja“-Tasche übergab und die Volksabstimmung erwähnte, bei der sich 69,1 Prozent der Ulmer für das Projekt „Stuttgart 21“ ausgesprochen hatten.

OB Czisch, der sich über einen „großen Tag für die Stadt und die Region“ freute und „dankbar und stolz“ eine Aufbruchstimmung beschrieb, die ihn an den Anschluss Ulms ans Eisenbahnnetz vor knapp 200 Jahren erinnerte, sicherte Grube Unterstützung zu. Mit Blick auf den Neubau des Bahnhofs hätte er aber auch „ein paar Wunschzettel in die Tasche gepackt.“

Im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE stellte Grube ein verstärktes Engagement der Deutschen Bahn für Ulm in Aussicht. „Bis 2018 wird der Bahnhof barrierefrei sein.“ Und auch zum Bahnhofsgebäude äußerte er sich: „Es geht jetzt schnell voran, sie werden sehen, dass Ulm einen schönen Bahnhof bekommen wird.“ Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE sind damit aber nur Renovierungsarbeiten wie ein neuer Anstrich gemeint.

Für die Württemberger und Ulmer Wirtschaft beschrieb IHK-Chef Peter Kulitz die wichtige Impulse der Neubaustrecke, die gleichzeitig mit Stuttgart 21 starten soll. „Nach der Hochschulstadt und der Wissenschaftsstadt markiert der heutige Tag einen weiteren wichtigen Beitrag für die Zukunft.“ Der Tunneldurchbruch zeige, dass es in Deutschland auch Mobilisierungseffekte für ein Projekt gebe – und nicht nur gegen etwas. Die Strecke Wendlingen-Ulm habe aber auch eine europäische Dimension, betonte Staatssekretär Norbert Barthle, der Grüße von Verkehrsminister Alexander Dobrindt überbrachte. Dieser Tunnel, so der CDU-Politiker, sei Teil der Magistrale Paris-Bratislava. „Wir sollten der ganzen Welt erzählen, dass dieses Projekt schneller als geplant umgesetzt wurde – und das auch noch im Kostenrahmen“, so Barthle mit Blick auf den Haupstadtflughafen und die Hamburger Elbphilharmonie.

Auch Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann betonte die „extreme Beschleunigung“ durch die neue Trasse, schließlich verkehrten die Züge künftig mit Tempo 250 zwischen Stuttgart und Ulm: „Die Menschen in Ulm und Oberschwaben profitieren am allermeisten von unseren Investitionen.“ Schließlich gebe Baden-Württemberg mehr Geld für Schienenverkehr aus als alle anderen zusammen.

Als sich der Staub langsam wieder legte, hatte Manfred Leger, Vorsitzender der Geschäftsführung der DB Projekt Stuttgart-Ulm, eine letzte gute Nachricht: „Von heute an ist es vorbei mit der nervigen Sprengerei unterm Michelsberg.“

Das Projekt in Zahlen

Neubaustrecke

Eine Gesamtstreckenlänge von 59,6 Kilometern hat die Neubaustrecke Ulm-Wendlingen. 30,4 Kilometer verlaufen in neun Tunneln (5 länger als 500 Meter), davon 27 Kilometer auf zwei eingleisigen Röhren.

ICE-Züge

Mit Tempo 250 fahren die Züge. Sie starten in Wendlingen am Neckar auf 271 Metern über Normalnull, höchster Streckenpunkt im Steinbühltunnel bei 746 Metern, Ende der Neubaustrecke in Ulm bei 478 Metern.

Baustellen

500 Arbeiter und Arbeiterinnen sind tätig, sie hoben 1,5 Millionen Kubikmeter Boden aus, verbauten 130 000 Kubikmeter Beton und 6500 Tonnen Stahl. Im Jahr 2021 soll die Strecke in Betrieb gehen.