Psychologie Sprachstudie: Warum Narzissten keine Zahlen mögen

Er hält sich natürlich für den Besten: Wenn US-Präsident Donald Trump twittert, und das tut er täglich, schmeißt er zwar gerne mit Zahlen und Fakten um sich. Fragt sich nur, ob die stimmen.
Er hält sich natürlich für den Besten: Wenn US-Präsident Donald Trump twittert, und das tut er täglich, schmeißt er zwar gerne mit Zahlen und Fakten um sich. Fragt sich nur, ob die stimmen. © Foto: dpa
Ulm / Christoph Mayer 09.10.2018

So unterschiedlich Narzissten und Depressive sein mögen, eines eint die Selbstverliebten und die Selbsthasser: Sie kreisen stets um sich. Gibt es eine Möglichkeit, beide Gruppen anhand ihrer Äußerungen voneinander zu unterscheiden, spezielle Sprachmarker zu definieren? Diese Frage trieb Prof. Harald Baumeister und Eva-Maria Rathner von der Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie der Uni Ulm sowie ihre Kooperationspartner der Unis Wien, Heidelberg und Augsburg um.

Aus Online-Foren rekrutierten sie Menschen mit depressiven oder narzisstischen Persönlichkeitszügen und gewannen so 220 Testpersonen – überwiegend junge und gebildete Menschen – für eine Studie. Unter der vorgetäuschten Aufgabenstellung, man wolle ihr autobiographisches Gedächtnis testen, sollten die Probanden mittels Fragebogen schriftlich jeweils die zurückliegenden Monate in einer persönlichen Rückschau Revue passieren lassen und ihre Erwartungen für die kommenden Monate aufschreiben sowie Fragebögen ausfüllen. Dauer des Tests: etwa 30 Minuten.

Bloß nicht konkret werden

„Wir haben tatsächlich bemerkenswerte Unterschiede herausgefunden“, sagt Rathner. Narzissten seien vor allem durch ihr ausgeprägtes Vermeidungsverhalten aufgefallen. „Sie ließen gerne Worte aus, die Familie, Zukunft  und Ängste beschreiben. Außerdem vermeiden sie Zahlen und Nummern.“ Experimentell-wissenschaftliche Erklärungen dafür haben die Psychologen noch nicht, lediglich theoriebasierte Vermutungen.   Bekannt sei, dass sich narzisstisch veranlagte Menschen ungern auf konkrete Ziele festlegen. Falls sie diese nämlich nicht erreichen, wäre dieses „Scheitern“ mit ihrem Selbstbild unvereinbar. Der für Narzissten typische Mangel an Selbstkontrolle führe oft dazu, dass langfristige Erwartungen nicht erreicht werden können, daher werde das Thema Zukunft vermieden. „Narzissten wollen so wenig wie möglich greifbar sein.“

Zudem erschwere die Egozentrik zwischenmenschliche Beziehungen, weshalb das Thema Familie ausgeblendet werde, so gut es eben gehe. Auch die „Angst vor der Angst“ sei bei dieser Gruppe ausgeprägt. Denn das Selbstwertgefühl der Selbstverliebten sei charakteristischerweise niedrig.

Anders die Depressiven. Sie zeichneten sich erwartungsgemäß dadurch aus, dass sie negative persönliche Erlebnisse wie auch negative Erwartungen in den Vordergrund stellten. Zudem fiel den Forschern auf, dass sie häufiger negative Wortkonstruktionen verwendeten, also etwa „Das war nicht schlecht“ statt „Das war gut“ schrieben. Auch das Thema „Essen“ war ein bedeutsames. Rathner vermutet, dies könnte mit der Einnahme von Antidepressiva zu tun haben,  die bei Patienten oft zur Gewichtszunahme führe und gerade bei jungen Menschen oft mit Scham und Ekel verbunden sei.

Wie so häufig, wenn es um Grundlagenforschung geht, gilt auch in diesem Fall: Mit den Erkenntnissen der Psychologen lässt sich zunächst wenig Praxistaugliches anfangen, oder wie Rathner es formuliert: „Wir wissen jetzt zwar um die sprachlichen Unterschiede. Aber davon haben wir erst mal nichts.“ Allerdings sollen die Studienergebnisse nun in ein gemeinsames Forschungsprojekt mit der Uni Augsburg fließen, ein entsprechender Antrag um Fördermittel aus dem Topf der Deutschen Forschungsgemeinschaft werde in den kommenden Monaten gestellt.

Ziel ist die Entwicklung einer Software, die Veränderungen im schriftlichen Sprachgebrauch erkennt und diese umgehend zurückmeldet. Davon könnten speziell unter Depressionen leidende Menschen profitieren, sagt Rathner. Sie müssten sich in Zukunft lediglich freiwillig eine spezielle Spracherkennungs-App auf ihr Smartphone herunterladen. Diese überwacht dann all ihre Texteingaben sowie in sozialen Medien getätigten Äußerungen, filtert die entsprechenden linguistischen Marker heraus,  und schlägt Alarm, „wenn sich andeutet, dass man wieder in ein Tief schlittert“. Spätestens dann sei der Gang zum Arzt oder Psychotherapeuten angebracht. Denn genau jenen Fall ins Loch gelte es zu vermeiden, zumal die Gefahr, es dort nicht mehr herauszuschaffen, bei Depressiven von Mal zu Mal größer werde.

App schlägt Alarm

Dass die App die Nutzer zum Selbstbetrug anspornen würde, glaubt Rathner nicht. „Das ist wie mit einer Kamera, die auf einen gerichtet ist. Am Anfang ist es einem bewusst und man passt sein Verhalten an, nach zehn Minuten hat man es vergessen.“ Ob es auch mal eine App für Narzissten geben wird? Das hält Rathner dann doch für unwahrscheinlich. „Die Krankheitseinsicht ist bei dieser Personengruppe meistens nicht gegeben.“

Ins eigene Spiegelbild verliebt

Narzissmus Der Begriff „Narzissmus“ ist abgeleitet vom antiken Narziss-Mythos. In seinen Metamorphosen erzählt der römische Dichter Ovid (43 v. Chr.  bis 17 nach Chr.) die in der griechischen Mythologie angesiedelte Geschichte des Jünglings Narziss, der die Liebe einer Frau verschmäht und dafür mit unstillbarer Selbstliebe bestraft wird. Er verliebt sich in sein eigenes Spiegelbild, das er im Wasser einer Quelle sieht.

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