Getöteter Motorradfahrer Spendenaktion endet mit bösen Anschuldigungen

Kerzen an der B10 erinnern an den tödlichen Motorradunfall
Kerzen an der B10 erinnern an den tödlichen Motorradunfall © Foto: Ralf Zwiebler
Ulm / Amrei Groß 22.07.2018
Was als gute Sache begann, hat am Wochenende ein unschönes Ende genommen: Alle Spender bekommen ihr Geld zurück.

Statt mit glücklichen Gesichtern endete die Spendenaktion zugunsten der Familie des auf der B10 getöteten Motorradfahrers mit schweren Anschuldigungen und Enttäuschung auf beiden Seiten.

„Die Spendenaktion wird mit sofortiger Wirkung gestoppt. Ich bin stinksauer.“ In der lokalen Facebook-Gruppe, in der am Freitag eine Spendenaktion zugunsten des auf der B10 getöteten Motorradfahrers angelaufen war, überschlugen sich gestern die Ereignisse. „Es ist alles schiefgelaufen“, sagt Raul Hesser, der die Initiative ins Leben gerufen hatte. Da sich die Familie des Verstorbenen eine Überführung in seine Heimat Rumänien und eine Beerdigung nicht leisten konnte, rief Hesser, selbst Rumäne, in den sozialen Medien zu einer Spendenaktion auf. Rund 4000 Euro kamen so bis zum Samstagabend zusammen. Hesser war begeistert: „Es gibt in und um Ulm so viele Menschen mit Herz“, sagt er. „Das freut mich sehr.“

Alle Spender erhalten ihr Geld zurück

Nun ist die Freude vergangen. Seit Samstagabend sind Hesser und seine Frau damit beschäftigt, allen Spendern das Geld zurück zu überweisen. Den Grund schildert der 37-Jährige in aller Kürze folgendermaßen:

Am Samstagabend habe er sich mit dem Bruder des Verstorbenen sowie einigen Freunden an der Unfallstelle getroffen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Der Termin habe ihm nicht gut gepasst, eigentlich habe er sich am Sonntag und zu Hause bei sich in Dornstadt mit der Familie in Ruhe zusammensetzen wollen. Auf Druck der Angehörigen habe er sich aber zu einem Termin am Samstagabend überreden lassen. Ein ruhiges Gespräch sei allerdings nicht möglich gewesen: „Wir brauchen das Geld sofort und in bar“, hätten die Freunde des Bruders des Toten gefordert. Mit dem Bruder selbst habe er nicht reden können.

Hesser lehnte eine Übergabe in bar ab. „Das ist nicht mein Geld, sondern das Geld aller Spender“, begründet er seine Entscheidung gegenüber unserer Zeitung. „Ich wollte alles sorgfältig dokumentieren.“ Sein Plan: Sämtliche Rechnungen für Überführung und Beerdigung zu übernehmen und von Deutschland aus zu begleichen. Einen eventuellen Rest der Spendensumme habe er der Familie danach direkt überweisen wollen. „Ich wollte beteiligt sein bis zuletzt“, sagt Hesser. Er sieht sich in der Verantwortung, dass das Geld der Spender dort ankommt, wo diese es sehen wollten. „Die Familie hätte alles bekommen – aber nicht einfach so und ohne Nachweis“, beteuert er.

Beleidigt und bedroht

Ein Freund des Bruders des Verstorbenen, schildert den Verlauf des Abends indes ganz anders. Er war beim Treffen an der Unfallstelle dabei. Im Gespräch mit uns beschreibt er seine Eindrücke:

Er habe sich gemeinsam mit dem Bruder des Verstorbenen und einigen Freunden mit Hesser an der Unfallstelle getroffen. „Er kam dort mit einigen gut gebauten Männern an, hat uns noch einmal sein Beileid ausgesprochen und dann den Bruder auf die Seite genommen.“ Er könne das Geld nicht einfach auszahlen, es gebe in Deutschland Regeln, habe Hesser erklärt. Als der Bruder auf einer Auszahlung bestanden habe, sei Hesser „wirklich aggressiv“ geworden: „Er hat uns beleidigt und bedroht.“ Grund genug, die Polizei zu alarmieren. Bis die Beamten vor Ort eingetroffen seien, sei Hesser allerdings längst wieder verschwunden gewesen.

Der Polizei liegen keine Erkenntnisse vor

Auf Nachfrage kann das Führungs- und Lagezentrum im Polizeipräsidium Ulm einen entsprechenden Einsatz in der Nacht zum Sonntag allerdings zumindest derzeit nicht bestätigen: „Uns liegen keine Erkenntnisse dazu vor“, heißt es auf Anfrage.

Vorwürfe und Anschuldigungen auf Facebook

Was dem Abend folgte, war ein wenig freundlicher Austausch beider Seiten in der Ulmer Facebook-Gruppe, in der alles begann.

Hesser wirft dort dem Bruder und den Freunden des Verstorbenen vor, sie wollten das Geld für „Alkohol, Drogen und Bordelle“ ausgeben. Der Freund dagegen schreibt von Betrug: „Hesser wollte das Geld für sich behalten“, glaubt er.

Rückzahlung läuft

Fest steht: Noch in der Nacht begannen Raul Hesser und seine Frau damit, allen Spendern ihr Geld zurückzubezahlen. Das kann der 37-Jährige belegen; entsprechende Screenshots liegen unserer Redaktion vor. „Jeder bekommt sein Geld zurück – bis zum letzten Cent“, verspricht Hesser. „Wir haben fast die ganze Nacht überwiesen.“ Da ihn jedoch zahlreiche Spender als Betrüger an PayPal gemeldet haben, wird sein Konto immer wieder gesperrt. „Das erschwert uns die Sache wirklich sehr.“ Er stehe mit PayPal in Kontakt, sagt Hesser, nach einer Schilderung des Sachverhalts habe er auch wieder Zugriff auf sein Konto.

Was bleibt, ist am Ende die Enttäuschung auf beiden Seiten. „Ich mache nie wieder so eine Aktion“, sagt Hesser.

Dieser Beitrag wird aktualisiert, sobald sich neue Erkenntnisse ergeben. Wir bleiben an der Sache dran.

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