Industrie Sparprogramm bei Evobus sorgt für Spannungen

Neu-Ulm / Frank König 02.06.2017
Bei Evobus laufen Verhandlungen über eine Neuordnung der Produktion am Setra-Standort Neu-Ulm. Das sorgt für Unruhe in der Belegschaft.

Im Zuge einer Neuaufstellung der Produktion bei Evobus, vieler Schließungstage im zweiten Halbjahr und außerdem Verhandlungen über eine Standortsicherung gibt es anscheinend erhebliche Spannungen im Werk in Neu-Ulm. Bei dem Omnibuswerk im Starkfeld handelt es sich um den größten Industriebetrieb der Region: mit rund 3900 Mitarbeitern. Im Zuge der Verhandlungen um Effizienzprogramme mit dem Management um Daimler-Buschef Hartmut Schick hatte es zuletzt auch mehrere Betriebsversammlungen gegeben, bei denen über die aktuelle Lage berichtet wurde. Die jüngste Verhandlungsrunde um eine so genannte Zielbild-Vereinbarung war unlängst spät in der Nacht gescheitert.

Was löst die Unruhe bei Evobus aus? Das Management stellt die Produktion auf nur noch eine einzige Fertigungslinie um, wie sie mit entsprechenden Taktungen auch in der Autoindustrie üblich ist. Bisher waren es zwei Linien, die aus Sicht Betroffener am Band mehr Flexibilität brachten und den Fertigungsverbund mit dem Daimler-Werk für Stadtbusse in Mannheim erlaubten: Wenn Mannheim, wie nun im Herbst, eher zu viele Aufträge und entsprechende Überstunden hat, konnten Citaro-Stadtbusse auch in Neu-Ulm gebaut wurden. Ohne diese Hilfe aus Mannheim fallen am Standort Neu-Ulm zwischen Juli und Dezember 46 Schließungstage an, wie Betriebsratsvorsitzender Friedrich Beck auf Anfrage bestätigte.

Es gibt darüber hinaus Befürchtungen in der Belegschaft, dass sich das Volumen der Schließungstage wegen sinkender Stückzahlen vergrößert und auf mehr als 60 steigt. An der grundsätzlichen Konstellation wird sich allerdings nichts mehr ändern: Neu-Ulm soll nach der neuen Daimler-Strategie zukünftig nur noch Reiseomnibusse der Marken Setra und Mercedes produzieren.

Für zusätzliche Verwerfungen sorgt, dass 300 Leiharbeiter, die für den Wechsel im Produktionssystem engagiert waren und sich vielleicht Hoffnungen auf einen dauerhaften Job gemacht hatten, das Werk nun sukzessive verlassen müssen. Danach werden die Stamm-Mitarbeiter in der Produktion neu zusammengewürfelt, man kann sich auch freiwillig auf neue Gruppen bewerben, berichtete Beck. Freilich werden dabei auch  Entgeltgruppen gemischt, was in den Teams nicht überall gut ankommen dürfte, Motto: Wenn Du 500 Euro mehr verdienst als ich, kannst Du auch mehr arbeiten. Ein Beschäftigter bei Evobus vermutet: „Das gibt noch Mord und Totschlag.“ Es stellt sich auch die Frage, ob die Qualität der Busse nicht früher oder später leidet. Bei Daimler will man dem Vernehmen nach in dieser neuen Effizienzrunde einen Spareffekt von 20 Prozent erzielen. Dazu muss man allerdings wissen: Buschef Schick ist ein gebranntes Kind. Er musste in einem konjunkturellen Abschwung 2012 horrende Verluste hinnehmen und schaffte die Wende damals mit seinem Sparprogramm „Globe“. Im ersten Quartal 2017 erzielte die Bussparte, für die Konzernchef Dieter Zetsche eine ambitionierte Umsatzrendite von sechs Prozent ausgegeben hat, sogar 7,2 Prozent und liegt damit fast schon auf Pkw-Niveau.

Sowohl Schick als auch Betriebsrat und IG Metall sehen die Lage im Werk Neu-Ulm nicht so dramatisch. Schick zeigt gleichwohl Verständnis für die Ängste in der Belegschaft: „Mir ist bewusst, dass so ein Veränderungsprozess wie die Umsetzung des Zukunftsbilds auch Sorgen in der Belegschaft auslöst. Dafür habe ich großes Verständnis.“ Ein weiteres von Daimler freigegebenes Zitat: „Dass es bei so einem großen Veränderungsprozess auch mal ruckelt, das gehört dazu.“

„Das ist ein No-Go“

Schick weist wie auch der Betriebsrat darauf hin, dass es bei Setra in Neu-Ulm 2016 ein Rekordjahr mit sehr hohen Stückzahlen gab. „Da kann nicht alles schlecht sein“, sagte Beck, der nächstes Jahr mit 61 per Alters­teilzeit in den Ruhestand geht.

Die Zukunftspläne für Setra sehen nach seiner Darstellung eine dauerhafte Auslastung der bisherigen Stammbelegschaft bei einer 35-Stunden-Woche und einer jährlichen Produktion von etwa 2200 Fahrzeugen vor: „Es gibt keine einzige Entlassung.“

Dabei kommt es durchaus zu Feinjustierungen. So wurde der Takt am Band von 36 auf 45 Minuten erhöht. Der Betriebsrat lehnt inzwischen auch kategorisch ab, dass Mitarbeiter für jährlich vier Weiterbildungstage freinehmen, sich dafür also 28 Stunden abziehen lassen. Beck: „Das ist ein No-Go, da verhandeln wir nicht weiter.“ Man will im Zuge der Verhandlungen auch die Leiharbeiter-Quote beschränken und vor allem einen längerfristigen Kündigungsschutz erreichen, der ansonsten 2018 ausläuft. „Das ist der Deal“, sagte dazu Michael Braun von der IG Metall Ulm. Die Gewerkschaft fordere von ihrer Seite aus sogar Veränderungsprozesse und Investitionen, wie sie bei Setra im Zuge der Umstellung der Produktion erfolgen.

Beide wollen keine Häufung von Qualitätsproblemen erkennen. Es sei vielmehr so, dass in der neuen Fertigung mit einer einzigen Montagelinie die Probleme unmittelbar zu Tage treten, weil die Fahrzeuge nicht aus dem Takt genommen werden können: „Das schlägt dann schneller auf.“

Auch das Daimler-Buswerk in der Türkei stellt aus Sicht Becks keine Gefahr für Neu-Ulm dar, obwohl dorthin gerade 150 Niederflurbusse aus dem Neu-Ulmer Kontingent abgewandert sind. Das liege im offiziellen Rahmen. Vor allem dieser Fahrzeugtyp hatte maßgeblich zur Auslastung bei Setra beigetragen. Beck weist darauf hin, dass im türkischen Werk wegen der schlechten Lage sogar ein Personalabbau ansteht.

3000 Busse liefen im Rekordjahr 2016 vom Band

Setra Daimler hatte Setra 1995 nach der Kässbohrer-Krise übernommen. 2016 war mit 3000 in Neu-Ulm hergestellten Setra-Reise- und Überlandbussen ein Rekordjahr, auch finanziell. Daimler produziert demnach als einziger Bushersteller noch im Inland. Neu-Ulm  war bisher auch zentraler Lackier-Standort für Reise- und Stadtbusse.