Ulm / HANS-ULI MAYER  Uhr
Etwa 12 Millionen Flüchtlinge sind nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland gekommen. Deren Flucht und ihre Integration zeigt eine Ausstellung im Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM).

Kurt Masur ist ein Flüchtling, Siegfried Lenz war einer, der frühere Erzbischof Robert Zollitsch ist in Jugoslawien geboren, Udo Lattek war ein Ostpreuße und die Eltern von Volker Kauder (Jugoslawien) kamen wie die von Joschka Fischer (Ungarn) vom Balkan. Sie alle waren oder sind Flüchtlinge, die entweder selber oder deren Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer angestammten Heimat vertrieben wurden und nach Deutschland kamen.

"Angekommen" heißt eine neue Sonderausstellung im Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM), die den Untertitel "Die Integration der Vertriebenen in Deutschland" trägt. Immerhin zwölf Millionen Menschen waren nach dem Weltkrieg nach Deutschland gekommen. Menschen, zu denen die Vorgenannten gehören, die völlig traumatisiert in ein zerstörtes und selber traumatisiertes Land gekommen sind, wie Museumsdirektor Christian Glass sagt.

Etwa 250 000 dieser Flüchtlinge sind von 1945 bis 1952 nach Ulm (überwiegend aus dem Sudetenland und aus Ungarn) gebracht worden, wo mit der Kienlesbergkaserne das zweitgrößte Durchgangslager in ganz Baden-Württemberg stand. Ulm steht zwar nicht im Mittelpunkt der schon vor drei Jahren vom Zentrum gegen Vertreibung erstellten Ausstellung, aber Leni Perencevic vom DZM hat viel Material zur örtlichen Situation zusammengetragen und die Ausstellung entsprechend angereichert.

Am Beispiel der Ulmer Kunstlehrerin Elsbeth Reyhing zeigt sie beispielsweise, wie schwierig es war, nach dem Krieg eine Arbeit zu finden. Mit Hilfe von Inge Scholl hat die Lehrerin sofort nach dem Krieg eine Werkstatt aufgebaut, in der vorwiegend Flüchtlinge praktische Dinge aus Maisstroh geflochten haben wie etwa Kinderschuhe, deren Sohlen mit alten Fahrradschläuchen verstärkt wurden.

Nachgestellt wird auch die Fluchtgeschichte einer Familie, die am 17. September 1944 im rumänischen Banat beginnt und nach 1300 Kilometer erst am 20. Mai 1945 in Passau endet. Oder das Leben eines Landwirts, der über Ulm nach Langenau kam, wo er aber kein Stück Land zum Bewirtschaften fand und sich deshalb als Maurer selbstständig machte und an vielen Häusern anderer Vertriebenen mitbaute.

Über die Einzelschicksale hinaus wird aber auch das große Ganze dargestellt. Beispielsweise wie unterschiedlich mit den Flüchtlingen in den verschiedenen Sektoren umgegangen wurde. Ulm lag in der US-amerikanischen Zone und erlangte an der Grenze zum französischen Besatzungsgebiet große Bedeutung, weil die Franzosen anfangs keine Flüchtlinge aufnahmen.

Auf Schautafeln dargestellt sind aber beispielsweise auch die politischen Reaktionen wie das Lastenausgleichsgesetz, das Bundesvertriebenen-Gesetz oder die Arbeit des Suchdienstes, der bis 1949 immerhin sieben Millionen Schicksale aufklären konnte.

Geöffnet ist Dienstag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr. Montag Ruhetag.

Angebot an Schulen

Führungen Für Schulklassen werden spezielle Führungen und zusätzlich museumspädagogische Aktionen angeboten. So können sich Schüler beispielsweise über Aussagen von Zeitzeugen mit dem Thema Flucht und Vertreibung auseinandersetzen und sich selbst die Frage stellen, was es für sie bedeuten würde, die Heimat verlassen zu müssen. Informationen zum Angebot gibt es unter Tel. (0731) 96 25 41 05.