Mobilität So soll sich der Ulmer Radverkehr entwickeln

Ulm / Christine Liebhardt 10.01.2019

Ein Auto? Das hat Friederike Christian natürlich nicht. „Aber ich finde, das braucht man in Ulm auch nicht“, sagt die Fahrradbeauftragte der Stadt Ulm. Christian kommt aus Bonn und hat Stadtplanung und Geographie in Hamburg, Berlin und Frankfurt studiert. Seit zwei Jahren arbeitet die 30-Jährige im Team FahrRad. Beim Gespräch im Café Omar fällt der Blick auf den Radweg vor dem Fenster, auf dem ein Weihnachtsbaum liegt. Ärgerlich: „Der Baum kann ja noch nicht mal einen Strafzettel bezahlen“, sagt Christian und lacht.

Frau Christian, erreicht Ulm das selbstgesteckte Ziel, den Anteil des Radverkehrs am Gesamtverkehr bis 2020 auf 20 Prozent zu erhöhen?

Friederike Christian: Ich denke, wir sind auf einem guten Weg, dass wir die elf Prozent von 2011 deutlich steigern. Wie es 2020 aussieht, werden wir dann evaluieren. Wir haben in den letzten Jahren viel Infrastruktur auf- und ausgebaut und das Thema stark in die Öffentlichkeit gerückt.

Kann man Radverkehr signifikant verbessern, ohne anderen Verkehrsteilnehmern etwas wegzunehmen?

Es gibt Achsen, da kann man problemlos oder mit einfachen Mitteln einen Radweg schaffen. So ist etwa die Donautalstraße in Wiblingen (die Umwandlung der äußeren Spuren zur „Umweltspur“ für Busse und Radfahrer, Anm. d. Red.) entstanden. Die war vierspurig und nicht stark ausgelastet, so dass die Spurreduzierung möglich war. Aber das tut bei manchen Straßen mehr weh.

Macht man es sich nicht zu leicht, wenn man nur die einfachen Sachen angeht und sich an das, was wehtut, nicht rantraut?

Natürlich müssen auch an stark befahrenen Straßen, die für den Radverkehr wichtig sind, Radwege geschaffen werden. Entlang mancher Straßen sind zufrieden­stellende Lösungen für den Radverkehr nur durch eine Spurreduzierung zu erzielen. Das sind Projekte, die langen politischen Atem brauchen. Da muss man diskutieren und Kompromisse finden.

Wie kriegt man die Leute aufs Rad?

Es ist wichtig, dass wir nicht nur Fahrradwege bauen, sondern die Leute dazu motivieren, Fahrrad zu fahren. Man muss als Kommune Vorbild sein, deshalb haben viele städtische Einrichtungen schon Pedelecs statt eines Dienstautos, wir auch. Auch ein Lastenfahrrad haben wir als Kommune getestet, was insbesondere für den Baubetriebshof interessant sein könnte. Außerdem muss sich der Diskurs in der Gesellschaft verändern. Man denkt ja ganz oft immer noch das Auto zuerst. Ich wünsche mir, dass man da den Spieß umdreht und auch mal an andere Verkehrsmittel zuerst denkt.

Auch bei den meisten Radfahrern herrscht das Gefühl vor, dass die Autos Priorität haben.

Es gibt manche Achsen, die werden stärker von Radfahrern benutzt und manche, die werden stärker von Autofahrern benutzt. An der Kreuzung Heimstraße/Hafenbad dominiert das Rad.

Da ist es konsequent, den Radfahrern mit einer Fahrradstraße auch rechtlich den Vorrang zu geben. Das motiviert zudem mehr Leute, hier Rad zu fahren.

Ist das das also auch eine Anerkennung für Radfahrer?

Es geht darum, dezidierte Achsen für den Radverkehr zu schaffen. Das ist gerade in der Innenstadt wichtig, weil der Autoverkehr auf der Olgastraße und der Karlstraße stark ist. Daher haben wir die Zeitblomstraße und die Heimstraße als zentrale Ost-West-Verbindung für den Radverkehr ausgebaut, um hier eine gute Alternative zu stark befahrenen Straßen zu schaffen.

Diese Ost-West-Achsen funktionieren in der Innenstadt ganz gut, im Gegensatz zu den Nord-Süd-Achsen. Warum kommt der Ausbau dort so schleppend voran?

Eine der problematischsten Nord-Süd-Achsen ist sicher die Friedrich-Ebert-Straße, was dem Umbau am Bahnhof geschuldet ist. Aber die Baustelle führt ja auch zu etwas. In Zukunft werden wir dort beidseitig 1,85 Meter breite Radwege haben – ein Maß, bei dem zum Beispiel auch mit einem Lastenrad komfortabel fahren kann. Das wird deutlich besser als vorher.

Eine andere wichtige Nord-Süd-Verbindung ist das Hafenbad, in Verlängerung die Kramgasse.

Da bekomme ich oft Beschwerden, es wäre sehr eng. Aber man befindet sich in der Innenstadt, teils sogar in der Fußgängerzone. Da ist es legitim zu sagen: Fußverkehr hat hier Vorrang. Radfahrende sind erlaubt, sollten aber entsprechend umsichtig fahren.

Warum baut die Stadt nicht die parallel verlaufende Frauenstraße besser aus?

Wir werden dieses Jahr nochmal prüfen, ob man die Busspur in der Frauenstraße nicht doch freigeben kann. Diesen Wunsch gibt es vonseiten des Team FahrRad. Das Verhalten findet ja ohnehin statt. Allerdings ist der Übergang in die Neue Straße sehr knifflig. Wie leitet man die Radfahrenden dort sicher weiter in die Donaustraße und in die Neue Straße? Da muss man eventuell mehr machen als nur eine Markierung. Das ist mit Planungsaufwand verbunden. Die Ressourcen dafür haben in den letzten zwei Jahren aber die Großprojekte gebunden, so dass Dinge wie die Öffnung der Busspur nach hinten gestellt werden mussten.

Viele Radler ärgern sich über zugeparkte Radstreifen.

Das ist ein großes Problem. Wir kriegen sehr viele Anrufe von Leuten, die sich darüber beschweren. Das leiten wir direkt an den kommunalen Ordnungsdienst weiter. In der Magirusstraße etwa kontrolliert die Verkehrsüberwachung zweimal am Tag. Aber Strafzettel kosten in Deutschland sehr wenig im Vergleich zu anderen Ländern.

Wie kann man dieses Problem lösen?

Man kann Radwege auch mal so bauen, dass man gar nicht drauf parken kann. Das treibt allerdings dann häufig die Kosten immens in die Höhe.

Ganz generell: Wie kann man das Miteinander im Verkehr verbessern?

Durch eine gute Planung, die intuitiv ist und für alle Verkehrsteilnehmer gut funktioniert. Dann braucht man auch keine zusätzlichen Schilder, die erklären, wie man sich verhalten muss. Das ist aber teilweise sehr herausfordernd. Kampagnen können auch helfen.

Was halten Sie von der Zusammenlegung von Rad- und Fußwegen, wie sie etwa im Zuge der Donauufer-Umgestaltung im Gespräch sind?

Der Donauradweg ist einer der wichtigsten Radwege für das Pendeln, das ist wie eine Autobahn für Radfahrer. Es gibt Bereiche, wo man Abschnitte gemeinsam führen muss, aber generell sollte man das trennen. Einfach um Pendelnden die Möglichkeit zu geben, schnell zu fahren, und damit es breit genug ist für schnelle und langsame Radfahrer nebeneinander. Auch den Fußgängern muss  genug Platz einberaumt werden. Der Uferbereich ist aber schwierig, da müssen viele Interessen ausgeglichen werden: Es soll gut nutzbar sein, gut aussehen, gut für die Natur sein.

Wie ist eigentlich die Qualität der Ulmer Radwege?

Wir sind eigentlich ganz gut aufgestellt. Wir müssen aber viele veraltete, schmale Radwege umbauen, gerade die, die im Zweirichtungsverkehr geführt werden. Wir haben auch viele Radwege, beispielsweise im Donautal, wo der Belag schlecht ist. Da muss man was tun.

Was steht dieses Jahr an Maßnahmen an?

Das reicht von Kleinigkeiten in der Innenstadt bis hin zu Überlandstrecken. Wir wollen im unteren Bereich des Weinbergwegs Schutzstreifen markieren und in einem weiteren Schritt bis zur ehemaligen Hindenburgkaserne hoch planen. Dann gibt es Radwege außerorts, zum Beispiel in Gögglingen, die erneuert werden. Außerdem wollen wir den Umbau von bestehenden, veralteten Radwegen zu sicheren Wegen forcieren. Und wir bauen die Abstellanlagen aus, etwa in der Innenstadt und an Umsteigepunkten am Fuß von Bergstrecken, wie beispielsweise entlang der Linie 2.

Stichwort Stellplätze: Wird es neben den 60 Plätzen im Deutschhaus ein weiteres Fahrradparkhaus geben?

Der Bahnhof ist natürlich ein Thema. Wir wollen dort rund 1500 Stellplätze schaffen, davon 500 in der Schillerstraße. Einen Großteil davon würden wir gerne in einem Parkhaus unterbringen, das die Bahn dort gerade plant. Dazu kommen 500 Stück im Bereich Gleis 1/Post und weitere 500 zwischen Hauptbahnhof und ZOB. Falls ein Gebäude am ZOB kommt, wäre dort ein Fahrradparkhaus möglich.

Warum gibt es in Ulm eigentlich immer noch kein richtiges Fahrradverleihsystem?

Da muss sich etwas tun. Es gibt viele deutlich kleinere Städte, die das schon haben. Schön ist, dass das Thema seit letztem Jahr wieder auf der Agenda ist, es tut sich also was. Inzwischen sprechen auch die Stadtwerke mit potenziellen Betreibern. Zum Zeitlichen und zur Machbarkeit kann ich noch nichts sagen.

Zum Schluss: Wie ist Ihre Vision für den Ulmer Radverkehr 2030?

Ich hoffe, dass man dann eine große Masse an Radfahrern auf unseren Wegen sieht, wie es heutzutage beispielsweise in Kopenhagen schon der Fall ist. 2030 haben wir die Landesgartenschau, wo es auch darum geht, die Dominanz der großen Verkehrsachsen zu reduzieren. Ich hoffe, dass der Radverkehr deutlich mehr Raum bekommt.

Wie die Städte im Fahrradklima-Test des ADFC abschneiden

Zufriedenheits-Index Alle zwei Jahre befragt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) Radfahrer danach, wie zufrieden sie mit dem Fahrradklima in ihrer Stadt sind. Auf diesem Zufriedenheits-Index hat Ulm 2016 die Schulnote 3,6 bekommen und ist damit auf dem 8. Rang von 38 Städten mit 100 000 bis 200 000 Einwohnern gelandet. 319 Teilnehmer hatten den umfangreichen Fragebogen ausgefüllt. Am besten bewerteten die Ulmer die Erreichbarkeit des Stadtzentrums, für Radfahrer in Gegenrichtung geöffnete Einbahnstraßen sowie die Wegweisung. Verglichen mit anderen Städten bewerteten Ulmer Radler insbesondere den Spaß beim Fahren, die Fahrradförderung in jüngster Zeit und die Reinigung der Radwege positiver. Kritisch bewertet wurde die Führung an Baustellen vorbei und Kontrollen von Falschparkern auf Radwegen.

Neu-Ulm Auf der anderen Donauseite gab es nur 88 Teilnehmer, die der Stadt die Schulnote 3,9 gaben. Sie kam damit auf Rang 59 von 98 Städten mit 50 000 bis 100 000 Einwohnern. Auch die Neu-Ulmer lobten die Erreichbarkeit ihres Stadtzentrums, die Wegweisung und zügiges Radfahren. Im Vergleich zu anderen Städten steht Neu-Ulm in Sachen Winterdienst und Reinigung von Radwegen sowie deren Breite gut da. Schlecht bewertet wurde auch hier die Führung an Baustellen sowie die Ampelschaltung für Radfahrer. Die letzte Befragung fand vergangenes Jahr statt; ihre Ergebnisse veröffentlicht der ADFC im Frühjahr.

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