Wer gern ins Kino geht und dabei auch noch den Kitzel des Ungewissen spüren will, landet früher oder später wohl in einer Sneak Preview (frei übersetzt: Vorschau zum Reinschleichen). Das Konzept ist bei Fans beliebt: Zuschauer kaufen eine Karte, setzen sich in den Saal – und lassen sich vom Film überraschen, der jedes Mal ein anderer ist; in der Regel vor dem offiziellen Kinostart.

Vorerst gibt es keine Sneak Preview mehr in der Lichtburg Ulm

Ulm ist seit Kurzem um eine Sneak ärmer, denn in der Lichtburg gibt es vorerst keinen Überraschungsfilm mehr. „Wir hatten das schon lange im Kopf“, sagt Sebastian Schmid, Geschäftsführer des Neu-Ulmer Dietrich-Theaters, zu dem auch die Ulmer Kinos Lichtburg, Mephisto und Obscura gehören. Etwa ein Jahr lang sei die Sorge um die Lichtburg-Sneak stetig gewachsen. „Da stirbt eine kleine Tradition“, bedauert Schmid. Zuletzt habe sich das Konzept einfach nicht mehr getragen: Im Schnitt seien maximal 30 Besucher pro Vorstellung gekommen. Im Kino-Business dürfe man nicht alles nach harten Zahlen entscheiden, sagt Schmid. „Man muss ein bisschen leiden können. Aber irgendwann muss auch mal eine Entscheidung fallen.“

Kinoleiter Sebastian Schmid: „Das Publikum verlangt nach Tipps“

Diese Entscheidung habe einige treue Besucher der Lichtburg-Sneak enttäuscht. Und die Previews seien nicht mehr das, was sie einmal gewesen seien: „Wir merken, dass das Publikum nicht mehr so experimentierfreudig ist.“ Ein bisschen seien die Kinobetreiber daran aber auch selbst schuld: Inzwischen gibt es häufig einen Tipp, der vorab veröffentlicht wird. „Da haben wir unser Publikum auch selbst miterzogen“, gibt Schmid zu. Sobald es einmal keinen Tipp gebe, zeige sich das prompt an den Zuschauerzahlen.

Dabei sei doch gerade das Unbekannte spannend, findet er. „Die schönsten Sneak-Geschichten erlebt man, wenn man Gefallen an einem Film findet, den man sich ansonsten nie angeschaut hätte.“ Außerdem gebe es ein großes Missverständnis beim Publikum: „Eine Sneak ist keine Plattform zur Präsentation von Blockbustern.“

Noch im Mai 2019 hatte die „Süddeutsche Zeitung“ geschrieben, dass sich Sneaks trotz Streamingdiensten wie Netflix und Co. weiterhin großer Beliebtheit erfreuen. Schmid spricht hingegen von einem Sneak-Sterben, zu dem auch die recht späten Vorstellungszeiten unter der Woche beitragen. Davon lassen sich Clemens Einsiedel und seine Freunde nicht abschrecken. Die Sneak im Xinedome etwa beginnt um 22 Uhr, also so spät, dass das Publikum je nach Filmlänge auch mal bis nach Mitternacht im Kinosessel sitzt. Die Gruppe besucht regelmäßig Previews, sowohl im Xinedome als auch im Dietrich. Früher habe er sich im Vorfeld informiert, welcher Film in der Sneak laufen könnte, inzwischen lasse er sich lieber komplett überraschen: „Ändern kann man es ja eh nicht.“

Im Xinedome Ulm kommen die Fans

Ob die Sneaks tatsächlich schleichend von der Bildfläche verschwinden, lässt sich zumindest für Ulm vorerst verneinen. „Von einem Sneak-Sterben kann ich zumindest für unser Haus nicht sprechen“, meint Julia Uchtmann von der Theaterleitung des Xinedome am Bahnhof. Zwar erlebe auch das Xinedome stark schwankende Zuschauerzahlen von 30 bis zu mehr als 100 Personen, aber je nach Vorab-Tipp seien die Vorstellungen sehr gut besucht: „Ich hatte auch schon ausverkaufte Sneaks.“ Rund 80 Prozent der Zuschauer seien Studierende, sagt Uchtmann.

Seit etwa sieben Jahren gibt es montags die Xinedome-Sneak. Sollte sie ausnahmsweise  ausfallen, gebe es auf den Social-Media-Kanälen schnell Nachrichten, ob sie nächste Woche wieder laufe. Und sollte sie einmal mit dem Tipp trödeln, kämen spätestens mittags die Anfragen, berichtet die Theaterleiterin. „Wir merken, dass die Leute das noch wollen.“

Neue Mitmach-App im Dietrich-Theater


Auch wenn für die Lichtburg-Sneak der Vorhang gefallen ist, bleibt die Sneak im Dietrich-Theater weiter bestehen. Sebastian Schmid vom Dietrich-Theater, zu dem auch die Lichtburg gehört, feilt derzeit an neuen Konzepten. Mit der Cineamo-App wagt er ein Experiment. Zuschauer können ihr eigenes Kino-Event auf die Beine stellen und Filme vorschlagen. Noch hat sich allerdings niemand mit einem Vorschlag gemeldet. Schmid ist sicher: „Da kann viel draus entstehen.“