Skepsis bei den Italienern

HANS-ULI MAYER, VERENA SCHÜHLY, FRANK KÖNIG, EDWIN RUSCHITZKA 28.02.2013
Ist Italien nach der Wahl unregierbar geworden? In Ulm und Neu-Ulm lebende Italiener blicken voller Sorge in ihre Heimat. Und sie hoffen auf eine Einigung, glauben aber auch, dass es Neuwahlen geben wird.

E in Leben lang hat Paolo Pepe PCI gewählt, die italienischen Kommunisten. Am Wochenende ist er davon zum ersten Mal abgerückt und hat aus Protest gegen die politische Klasse in seinem Heimatland Beppe Grillo gewählt. Der sei aber kein Clown, wie er in Deutschland dargestellt werde, sondern ein "kluger Typ", ein "hervorragender Kabarettist", der derzeit mit dem Nobelpreisträger für Literatur Dario Fo zusammenarbeite. Pepe hat das Programm gelesen und ist zu dem Schluss gekommen, dass viele Elemente linker Politik enthalten sind. Der 65-Jährige hat viele Jahre die bestens bekannte Osteria da Paolo in der Keplerstraße geführt und beklagt das Chaos in seinem Land. An Neuwahlen geht aus seiner Sicht kein Weg vorbei. Warum so viele seiner Landsleute abermals Berlusconi die Stimme gegeben haben, versteht er nicht, darüber könne er verzweifeln, zumal Berlusconi das Land lächerlich gemacht habe. Pepe kann es sich allenfalls so erklären, dass die Italiener den lieben langen Tag über den Fernseher laufen lassen, und die meisten Kanäle eben Berlusconi gehören. "Das ist echt eine Tragik", sagt Pepe.

D ie Italiener müssen sich daran gewöhnen, dass sie Steuern zahlen. Nur so lässt sich die Krise in den Griff bekommen." Davon ist Michele Napolitano überzeugt. Der in Neapel Geborene, der in Ulm ein Café und ein ambulantes Restaurant betreibt, hat deshalb Mario Monti gewählt. "Die Italiener sind gut in der Industrie, beim Design, beim Essen und bei allem, was mit Lebensqualität zu tun hat - aber sie sind von der Mentalität her der europäischen Politik nicht gewachsen", sagt der 43-Jährige über seine Landsleute. Am Komiker Beppe Grillo findet Napolitano nur gut, dass er "gegen die korrupten Politiker vorgehen" möchte, aber ein von Inhalten geprägtes Programm fehlt ihm. Und Silvio Berlusconi findet der Wahl-Ulmer absolut indiskutabel: "Dem geht es doch nur um seine persönliche Eitelkeit."

D ie Lage in Italien nach der Wahl von Sonntag und Montag? "Wie immer chaotisch", sagt Claudio Nestola vom Eiscafé DallAsta an der Blau in der Ulmer Innenstadt. Er ist nach seinen eigenen Worten kein Politik-Fan, möchte aber Berlusconi auf keinen Fall wieder an der Macht sehen. Er habe die Italiener weltweit lächerlich gemacht. Während sie früher noch mit der Mafia assoziiert worden seien, würden sie heute nur noch mit "Bunga, Bunga" in Verbindung gebracht.

I m Café Piazza am Münsterplatz bedauert die Familie Rizzo ebenfalls, dass viele Italiener das Privatleben Berlusconis als nicht relevant für ihr Wahlverhalten betrachtet hätten. Sie bewerten das politische Patt als "sehr gefährlich", auch für wichtige politische Partner in Europa wie Deutschland und Frankreich. Vor allem das starke Abschneiden der tendenziell europa-kritischen Bewegung von Beppe Grillo sei überraschend und bedeute weitere Risiken für die europäische Gemeinschaft. Allerdings könne das politische Patt auch einen Vorteil haben: "Sie müssen sich jetzt einigen." Falls dies nicht gelingt, lautet die Prognose: Neuwahlen in sechs Monaten.

I m Restaurant San Remo ist das Wahlergebnis ebenfalls nicht gut aufgenommen worden. Es sei Anlass, um über das Beibehalten der italienischen Staatsbürgerschaft nachzudenken, meinte Luca Sanna: "Ich hätte mir mehr Stimmen für Monti gewünscht." Sein Bruder Pier bedauerte, dass Monti seine Reformen und die Sanierung der Finanzen zu schnell habe durchziehen wollen. Und die Mutter der sardischen Familie sieht Italien ebenfalls auf ein Chaos zusteuern. Die Mentalität sei anders als in Deutschland.

Im Haus von Antonio Meccariello und Agata Salis, beide aus Neu-Ulm, ist Stimmung angesagt, und es geht dabei auch zuweilen recht laut zu. Das Ehepaar war sich bei der Wahl teils einig, teils aber auch ziemlich uneinig. Beide haben ins Abgeordnetenhaus (Kammer) die Partei Rivoluzione Civile des Mafia-Richters Antonio Ingroia gewählt, der aber an der Vier-Prozent-Hürde gescheitert ist. In den Senat hat Antonio, Neapolitaner, 49 Jahre alt und Gastronom in Ulm, dann das Mitte-Links-Bündnis von Pier Luigi Bersani gewählt, "als kleineres Übel", wie er sagt. Agata, Sizilianerin, 48 Jahre alt und Sozialarbeiterin, hat ihre Stimme dort der Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo gegeben, "um ein Zeichen der Unzufriedenheit zu setzen". Und jetzt? "Für Italien ist das das zweitschlechteste Ergebnis", sagt Meccariello. Noch schlimmer wäre Silvio Berlusconi - "ein moderner Diktator"- an der Macht gewesen. Beide hoffen, dass sich Bersani, Grillo und die Partei des weit abgeschlagenen Mario Monti noch auf ein Bündnis einigen können, um Italien regierbar zu halten, aber auch um die umstrittenen und noch unter Berlusconi gefassten Wahlgesetze zu ändern.

Agata Salis war von Sonntag bis Dienstag als Wahlprüferin in Rom im Einsatz, zuständig fürs Auszählen der Stimmen ihrer in Deutschland lebenden Landsleute. Diese hätten mehrheitlich Bersani vor Monti und Berlusconi gewählt. Monti liege deshalb so weit vorne, "weil wir hier europäischer denken, also rationaler." In Italien werde dagegen emotional gewählt.