Ulm Sie wollen nur spielen

Ulm / ADRIENNE BILITZA 11.12.2012
Aus Berlin sind sie gekommen, um die Ulmer Theaterwelt aufzumischen: Nina Ender und Stefan Kolosko wollen mit ihren Aktionen die Welt der Geschichten wieder näher zu den Menschen bringen.

In uralten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, regierte die Fantasie über die Menschen. Die Alten und die Jungen saßen zusammen und erzählten sich Geschichten, sie spielten sie sich gegenseitig vor, und das Theater hatte einen festen Platz in jedem Zuhause. "Und was ist das Theater heute? Ein Betonklotz in der Stadt", sagt Nina Ender. Die 32-jährige Ulmer Autorin hat in Berlin Szenisches Schreiben studiert und gemeinsam mit dem Theater Ulm ein Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg erhalten. Mit dem Berliner Schauspieler Stefan Kolosko ist sie nach Ulm gekommen, um das Theater wieder als das zu beleben, was es eigentlich ist: "Theater ist spielen. Theater ist Gemeinschaft. Es ist offen für alle."

Zusammen mit dem Theaterdramaturgen Michael Sommer hat das Duo Projekte entwickelt, mit denen es in den nächsten Monaten auf Entdeckungsreise geht, um das Theater wieder unters Volk zu bringen.

Eines dieser Projekte ist die Veranstaltungsreihe "Gemeingut". Die soll das Theater einmal im Monat zu jenen tragen, die sonst wenig oder gar nichts damit zu haben: Menschen in Behindertenwohnheimen, in Seniorenheimen, Studenten an der Uni oder Azubis in einer Ulmer Firma. Als Auftakt haben Nina Ender und Stefan Kolosko bereits das Otto-Kässbohrer-Haus, eine Wohnstätte für Erwachsene mit Behinderung, besucht und gezeigt, dass es nur Papier, Buntstifte und ein paar Kostüme braucht, um das kreative Potenzial der Bewohner anzuzapfen: Schon befindet man sich nicht mehr im weihnachtlich geschmückten Gemeinschaftsraum, sondern mitten in einem spannenden Krimi: ein Mord bei einer Hochzeit! Wer hat dem allseits unbeliebten Bräutigam Gift ins Sektglas gemischt? Es ist bemerkenswert, mit welcher Freude und Selbstverständlichkeit die Bewohner ohne Zögern mitspielen. "Wir gehen da ohne Konzept ran", sagt Stefan Kolosko. "Es ist toll zu sehen, wie Theater auf Menschen wirkt und was es für Emotionen auslösen kann." Die Aktion funktioniert im Schneeballprinzip: Alle, die bei einer Veranstaltung mitgemacht haben, sind zu den folgenden eingeladen. Zum Abschluss wird im Juni ein Fest im Theater Ulm veranstaltet.

Wie würde Ulm aussehen, wenn die Kinder das Sagen hätten? Die Welt durch Kinderaugen sehen, spielen, entdecken, ausprobieren: Das steht im Vordergrund des zweiten Projektes "Tulmult". Auf der Wilhelmsburg wollen Nina Ender und Stefan Kolosko im Mai 2013 gemeinsam mit Ulmer Schulkindern eine Theaterstadt aufbauen: einen Ort zum Geschichtenerfinden.

Zuvor sind die beiden in Schulklassen unterwegs, basteln mit den Kindern aus Pappe die Häuser für die Theaterstadt, denken sich Geschichten aus, spielen. Nina Ender schreibt für jede Klasse einen individuellen Text im Rap-Stil, den sie mit den Kindern einübt. "Durch das rhythmische Sprechen im Chor entsteht eine ganz faszinierende Kraft, eine eigene Verständigungsebene für die Kinder, das ist ein tolles Erlebnis", sagt Stefan Kolosko. Man merkt: Er ist Schauspieler mit Leib und Seele. Und seine Begeisterung und Spielfreude überträgt sich auch auf die vierte Klasse der Astrid Lindgren-Grundschule, wie beim Tulmult-Gastspiel bei der Kinderbuchmesse im Stadthaus zu erleben war.

"Wir versuchen, sichtbar zu machen, was uns wirklich interessiert. Wir wollen niemandem etwas vormachen", sagt Nina Ender. Wenn man den beiden bei ihren Einsätzen zusieht, käme man nie auf den Gedanken, sie könnten irgendetwas vortäuschen. "Es geht darum, keine festen Vorstellungen zu haben", sagt Stefan Kolosko. "Man muss sich einlassen, gespannt sein - und jeder darf mitmachen, so, wie er ist."

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