Ulm/Neu-Ulm / CHIRIN KOLB  Uhr
Es sieht leicht aus und kostet doch so viel Kraft. Es wirkt lasziv oder einfach nur akrobatisch. Zuzana Fucikova beherrscht alles an der Stange. Davon können sich auch Theaterbesucher überzeugen. Mit Bildern der Pole Dancerin in Aktion.

Den drei Männern fallen schier die Augäpfel aus den Höhlen. Das Herz rast, den Atem stockt. Sie können den Blick nicht abwenden von der kaum bekleideten Schönen, die da an der Stange tanzt. Was heißt tanzt! Sie räkelt sich, windet sich, schwingt nach oben und hängt kopfüber nach unten, vollführt mit ihrem ganzen durchtrainierten Körper bizarre, akrobatische Posen, die der Schwerkraft trotzen. Atemberaubend!

Wie Don Alfonso, Guglielmo und Ferrando auf der Bühne geht es auch den Zuschauern im Theaterdunkel. Cosí fan tutte – so machen es alle Frauen. Machen sie natürlich nicht. Was Zuzana Fucikova auf der Bühne vollführt, schafft so schnell keine. Die professionelle Pole Dancerin, die in Neu-Ulm ihr eigenes Studio führt, ist als Gast am Theater Ulm, engagiert für Mozarts Oper um Liebe, Täuschung und Verführung. Die Zuschauer sind begeistert, es gibt Szenenapplaus.

Antje Schupp, die „Cosí fan tutte“ inszeniert hat, hatte Kontakt zu der Pole Dancerin aufgenommen. Zuzana Fucikova las sich in die Oper ein und begriff, was die Regisseurin wollte. „Ich habe sie nochmal angerufen und gefragt: Möchten Sie, dass ich ein bisschen sexy tanze?“ Genau das wollte Schupp, und genau das macht Fucikova.

Die 37-Jährige tritt häufig bei Veranstaltungen auf, bei Geburtstagspartys, Junggesellenabschieden, Jubiläumsfeiern. Aber auf einer Theaterbühne? Das ist etwas Besonderes, „ich war bei den ersten Auftritten aufgeregter als bei allen Meisterschaften“. Sie hat zum Beispiel 2011 bei einem deutschlandweiten Contest den Titel der Miss Pole Fitness gewonnen. Pole Dance ist für sie nicht nur ihr Job, „es ist mein Hobby. Ich liebe es! Und ich genieße es, die Kraft zu haben, an der Stange was zu machen“.

Ursprünglich hatte Zuzana Fucikova einen ganz anderen Beruf: In ihrer Heimat Tschechien war sie Gabelstaplerfahrerin. Ende 2001 kam sie nach Deutschland und fing in einem Table-Dance-Lokal an. Dass sie Talent hatte und tanzen konnte, zeigte sich schnell. Sie schaute sich einiges ab, brachte sich den Rest selbst bei. „Die Stange ist beim Tanzen wie ein Partner“, sagt sie. „Pole Dance ist meine Leidenschaft.“

Zu der gehört freilich nicht nur Hingabe, sondern vor allem Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit. Und das alles erreicht man nur mit Disziplin und hartem Training. Wenn Zuzana Fucikova ihre Muskeln anspannt, wächst ihr Bizeps, ist ihr Bauch ein einziger Sixpack.

In ihrem Studio in der Neu-Ulmer Innenstadt gibt die Pole Dancerin Kurse in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Die Einsteigerinnen im Level 1 seien meistens Frauen, die noch nie Sport gemacht haben. Ohnehin belegen fast ausschließlich Frauen die Kurse, „aber es waren auch schon mal Männer dabei“. Die Teilnehmerinnen seien „ganz normale Frauen“, die was für sich und ihren Körper tun wollen, die Spaß am Tanzen haben und, ja, auch „heiß sind auf sexy Pole“.

Da muss Zuzana Fucikova sie erst einmal enttäuschen. Denn vor „sexy Pole“ steht bei ihr „modern Pole“, also eine fitness-orientierte Variante des Tanzes an der Stange. Dabei geht es zunächst um die richtige Haltung, um die korrekte Ausführung der Bewegungen. Nur wer das drauf hat, kann laszive Hüftschwünge, verführerisches Streicheln und hingebungsvolle Kopfdrehungen einbauen – sexy Pole eben.

Die richtige Haltung ist wichtig, sagt Zuzana Fucikova. Nicht nur, weil es besser aussieht. Auch, weil es weniger weh tut. Pole Dance, das heißt anfangs meist: blaue Flecken. „Auf die Presspunkte achten“, empfiehlt Zuzana Fucikova ihren Schülerinnen. Auf die Stellen des Körpers also, die Kontakt zur Stange haben und die das Gewicht des Körpers halten müssen.

Die 37-Jährige empfiehlt den ambitionierten unter ihren Schülerinnen, außer dem Pole Dance auch Krafttraining zu machen, um Muskeldysbalancen, also einseitigen Belastungen, vorzubeugen. Oder eben Übungen an der Stange abwechselnd mit beiden Seiten auszuführen. Sie selbst hat drei Jahre lang geboxt, im Mekong Box Gym ihres Ehemannes Thomas Wiedemann. Doch ihre Leidenschaft gehört dem Pole Dance.

An der glatten Stange zunächst überhaupt Halt zu finden, scheint aussichtslos. Anfängerinnen reiben ihre Hände deshalb oft mit Bienenwachs ein oder benutzen Magnesia. Zuzana Fucikova braucht das nicht mehr. „Ich bin es gewohnt, ich mache das hauptsächlich mit Kraft.“ Sie gibt mittlerweile vor allem Fortgeschrittenenkurse – bis zum höchsten Level 12, „aber so weit ist noch niemand“. Für die Anfängerinnen beschäftigt sie auch Trainerinnen.

Für ihr eigenes Studio hat sie lang gespart. Das war in ihrer Table-Dance-Zeit, erzählt sie. „Ich war jung und wollte schnell Geld verdienen.“ Sie hat es beiseite gelegt und schließlich die Räume in der Kasernstraße angemietet, in denen sich auch ihr vierjähriger Jack-Russell-Terrier Sam wohlfühlt.

Wenn Zuzana Fucikova trainiert, muss er nebenan im Büro bleiben. Dann stellt er sich auf die Hinterbeine und schaut ihr durch die Glasscheibe der Tür zu. Sehnsüchtig, schmachtend. Ganz wie Don Alfonso, Guglielmo und Ferrando.