An einem eiskalten Januartag stehe ich in einem 2500-Seelendorf im Raum Ulm und brülle ein Kleinkind an. Dabei trage ich eine schwere, handgeschnitzte Holzmaske. „Hilma!“ „Hilma!“ presse ich den Narrenruf gedämpft durch den kleinen Luftschlitz. Dazu wedle ich dem Fünfjährigen mit einem Bonbon vor der Nase herum. Entweder ist dem Kleinen im Plüschkostüm nicht klar, was ich von ihm will, oder er ist in der Trotzphase. Stur hält er mir die geöffnete Patschhand hin und presst die Lippen aufeinander. Gegenleistung Fehlanzeige. Der Mutter indes wird die Situation sichtlich unangenehm. „Sag ‚Hexa‘“ raunt sie ihrem Sohn ins Ohr. Der gehorcht. Zur Belohnung gibt es was Süßes. Ich bin keine böse Hexe. Noch einmal rufe ich „Hilma – Hexa“, dann hüpfe ich den anderen Narren hinterher.

Fasnet, Fasching, Karneval – für mich dasselbe

Mit der schwäbisch-alemannischen Fasnacht kann ich nichts anfangen, obwohl ich in der Region aufgewachsen bin.

Fasnet, Fasching, Karneval – für mich dasselbe. Bisher habe ich damit nur unangenehme Vorstellungen von erfrorenen Füßen, Betrunkenen, die maskiert noch enthemmter sind, stickigen Festzelten, grässlicher Musik und seltsamen Zunftregeln verbunden.

Narrenverbände schätzen, dass etwa 250­­ 000 Menschen im Südwesten in einer Zunft aktiv sind. Ich will wissen, warum. Also begleite ich die „Hilmahexa“ aus Dornstadt auf einen Umzug. Für einen Tag werde ich zur Hexe mit Rüschenhosen, Riesenzinken und Überbiss.

Petra Schreiner, seit Jahren mit ihren Kindern, ihrer Schwester und Cousine in der Zunft, besorgt mir ein Leihkostüm. „Versuch niemals, Fasching zu sagen, und es heißt ‚Häs‘ und nicht Kostüm“, schreibt sie per WhatsApp. Ein Fettnäpfchen, in das ich noch oft treten werde.

Häs und Maske probiere ich zuerst daheim an. Ein bisschen albern komme ich mir schon vor. Zeit, eine zweite Meinung einzuholen. Ich pirsche mich an meinen nichtsahnenden Freund heran. Natürlich erkennt er mich nicht und schreit auf, als stünde die Hexe aus dem Film „Blair Witch Project“ vor ihm. Vielleicht ist Fasnet doch lustig, denke ich.

100-Prozent Hexen und Passivbesen

Ein paar Tage später ist es soweit. Ich warte, gekleidet im Häs, auf den Bus, der mich zum Narrensprung bringt. Mehrere Autos fahren hupend vorbei. An der Haltestelle lerne ich Sabine und ihren Verlobten kennen. „Es hilft, wenn der Partner auch in der Zunft ist“, erfahre ich. Kein Wunder, bei 28 Veranstaltungen von Dreikönig bis Aschermittwoch. „Ich bin eine 100-Prozent-Hexe“, sagt die junge Frau stolz. Zuerst halte ich das für eine Metapher, später erfahre ich, dass jedes Mitglied vor dem Umzug einen Knips in seine Karte erhält: Ist diese am Ende der Saison voll, darf man sich eine 100-Prozent-Hexe nennen. Mit meinem ersten Umzug stehe ich immerhin bei 3,57 Prozent. Ich fühle mich ein bisschen wie die kleine Hexe von Otfried Preußler, die sich auf den Blocksberg schleicht, minderjährig und ohne ihre Zaubersprüche gelernt zu haben.

Das Gefühl verfliegt sofort, als ich in den von den Hilmahexa gemieteten Bus einsteige. Eine warme Wolke aus Sektgeruch, Schlagermusik und Gelächter schlägt mir entgegen. Ich bekomme einen vollen Becher gereicht, über die Sprechanlage stellt Petra mich allen vor. Meiner Hexenwerdung fehlt nur noch der Besen.

Den bekomme ich, am Ziel angekommen, es ist ein sogenannter Passivbesen. Diese Bezeichnung sagt nichts über seine Flugfähigkeit aus, sondern meint einen Leihbesen, der normalerweise an passive Mitglieder ausgegeben wird, die keinen eigenen haben. Eine Ladung weißer Papierschnitzel ins Haar gibt es noch dazu. Eigentlich herrscht beim heutigen Umzug Konfettiverbot, aber ein bisschen Anarchie muss sein.

Narren halten zusammen

Wir müssen noch mehr als eine Stunde im Freien warten, denn wir laufen erst an 65. Stelle von insgesamt 88 Zünften mit dem Umzug. Bis dahin wärmen wir erwachsenen Hexen uns mit Eierlikör. Trotzdem möchte niemand dem Klischee des trinkfesten Hästrägers entsprechen. „Alle glauben, wir machen das nur, um zu trinken“, sagt ein Mann mittleren Alters aus meiner Zunft. „Aber wir bewahren ein tausend Jahre altes Brauchtum. Den Winter vertreiben. Das machen wir nicht nur für uns.“

1000 Jahre alt sind die Hilmahexa nicht, aber 26. Sieben der Mitglieder sind von Anfang an dabei. Sie haben sich von den Doraweibla Dornstadt abgespalten, als die Narrenzunft zu groß wurde. Mehr als 50 Hilmahexa soll es nicht geben, damit „jeder jeden kennt“, wie mir erklärt wird.

Auf dem Sammelplatz springen hunderte Verkleidete durcheinander, Zünfte aus ganz Baden-Württemberg, Hexen, Dämonen und Wölfe fallen sich in die Arme, laute Guggenmusik ist zu hören. Überall wuseln Kinder im Miniatur-Häs‘ durch das Chaos. „Wir kriegen ständig neue Babys“, sagt Petra. „Narrensamen“ nennt man die kleinen Traditionsbewahrer.

Bis auf die Kleinkinder, die im Kinderwagen geschoben werden, kann ich zwar jedes seiner Zunft, aber kaum eines seinen Eltern zuordnen. Alles wirkt wie auf einer großen Familienfeier, auf der sich jeder um den Nachwuchs des anderen kümmert. „Manchmal hängt mir plötzlich ein fremdes Kleines am Rockzipfel, aber irgendwann finden wir schon raus, wo es hingehört. Uns geht kein Kind verloren“, sagt „der Coach“, den alle so nennen, weil er einmal die zunfteigene Fußballmannschaft trainiert hat.

Übrigens, Brauchtum bewahren, Häskultur und Hochprozentiges: Das alles scheint mir nach kurzer Zeit bei den Narren Nebensache zu sein. Jeden, den ich danach frage, warum er dabei ist, antwortet mir fast das Gleiche: Es ist das Gemeinschaftsgefühl, das die Faszination an der Fasnet ausmacht. „Man muss nichts wissen oder können, man darf einfach dabei sein“, sagt Jeanette, die zweite Zunftmeisterin. Ich fühle mich immer wohler und trinke noch einen Eierlikör mit.

Narrensamen können nicht überrannt werden

Drei Hexen zupfen nochmal fürsorglich mein Häs zurecht, binden mein Kopftuch über der Maske und verstecken den silbernen Becher unter der Schürze. Es geht endlich los. Ich sehe verschwommen durch die engen Augenschlitze, meine Brille musste ich ablegen, ich habe keine Ahnung, worauf ich trete. Ich habe Angst, eine der putzigen Mini-Hexen vor hunderten Zuschauern über den Haufen zu rennen. „Das geht uns ganz genau so“, beruhigt Petra mich. „Deswegen laufen die Kinder vorne.“

26 Jahre alt ist die Zunft „Hilmahexen Dornstadt“.
© Foto: Amrei Groß

Erleichtert laufe ich den anderen hinterher, an der Straße stehen junge Familien und bemalte Jugendliche. Ich fühle mich erstaunlich unbefangen, schließlich kann mich keiner erkennen. Ich hüpfe herum, gurre geheimnisvoll, rufe „Hilma – Hexa“ so laut ich kann und werfe mit Süßigkeiten wie eine gnädige Göttin. Nur wenn die Akrobatikhexen eine Menschenpyramide bauen, muss ich mich an den Straßenrand knien, ansonsten kann ich machen, was ich will. Ich gehe auf in der Rolle des wilden Zauberweibes, vielleicht entdecke ich gerade mein wahres Ich unter der Maske. Doch schon sind wir am Ende der Strecke angekommen. Ich bin vollkommen euphorisch und würde am liebsten noch einmal laufen.

Über Musikgeschmack lässt sich streiten

Zum Abschluss gehen wir ins Festzelt. Es ist stickig, es riecht nach Schweiß, aus den Lautsprechern plärrt „wo wir saufen, scheißegal“ in Endlosschleife. Meine neugewonnene Fasnets-Begeisterung erhält einen kleinen Dämpfer.

Ein Begleiter kommentiert verständnisvoll. „Ich mag auch eher Heavy Metal. Aber das gehört eben dazu.“

Wir können nicht lange bleiben, die Kinder sind müde. Ich auch. Trotzdem überkommt mich Wehmut, als ich mich von meinem geliehenen Passivbesen trennen muss. Ein Besen ohne Mensch ist immer noch ein Besen. Aber ein Mensch ohne Besen eben keine wilde Hexe.

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