Theater Ulm Sehenswert: „Zeit der Kannibalen“ im Podium

Die Kräfte des Markts greifen auf den Menschen über: Benedikt Paulun und Maurizio Micksch (rechts) als Unternehmensberater in „Zeit der Kannibalen“.
Die Kräfte des Markts greifen auf den Menschen über: Benedikt Paulun und Maurizio Micksch (rechts) als Unternehmensberater in „Zeit der Kannibalen“. © Foto: Martin Kaufhold
Ulm / Magdi Aboul-Kheir 14.01.2019

Der große Knall muss kommen. Er bringt der Welt den Kapitalismus, um sie kaputt zu machen – also um sie zu retten. Es ist ziemlich zynisch, wie der Unternehmensberater Kai Niederländer seinen Job definiert. Aber so kaputt wie am Ende hat er sich das doch nicht vorgestellt.

Wir leben ökonomisch, aber auch seelisch in einer „Zeit der Kannibalen“ – das Stück nach Johannes Nabers Film von 2014 feierte jetzt im Podium Premiere. Jasper Brandis’ Inszenierung bietet 75 Minuten konsequente Gesellschafts- und Systemkritik: manchmal vielleicht zum Lachen, gewiss zum Fürchten. Subtil geht es nicht zu, aber das wäre bei dem Thema paradox.

Kai Niederländer und Frank Öllers sind seit sechs Jahren als Berater-Team in Schwellen- und Entwicklungsländern am Werk, um im Auftrag ihrer Company die Gewinne ihrer Klienten zu maximieren. Sie profitieren vom Chaos in den Ländern („Pakistan gibt es jetzt im Sonderangebot“) und wollen Karriere machen. Doch an ihrer Stelle wird ihr bisheriger Teamkollege Hellinger in der Company zum Partner befördert.

Die Einschläge kommen näher

An Hellingers Stelle stößt Bianca März („ehemalige deutsche Meisterin in Powerpoint-Karaoke“) zu den beiden. Es kommt zu Machtspielchen, bei denen man sich auch mal gegenseitig an die Gurgel geht. Schließlich wird es für die Drei richtig ungemütlich: Die Scheinwelt der Berater bekommt Risse, durch die die reale Welt eindringt. Die Einschläge kommen immer näher.

Eigentlich spielt für die Berater kaum eine Rolle, wo auf der Erdkugel sie gerade agieren. Im Film sah man hinter Hotelfenstern schemenhaft Pappmaché-­Kulissenstädte, der Theaterraum ist noch abstrakter gehalten: eine grüne Spielwiese mit einem Drehsessel (Bühne und Kostüme: Petra Mollérus) – eine Arena fürs Kräftemessen. Dass die Zuschauer drum herum ebenso auf Drehstühlen mit grünem Bezug sitzen, signalisiert: Was hier verhandelt wird, hat auch mit uns zu tun.

Die Reisen von Standort zu Standort – Indien, China, Nigeria – werden als Rundlauf mit Koffer-­Tänzchen in Szene gesetzt; Bewegungen wie im Hamsterrad des globalisierten Kapitals. Und da die Berater wie eine Karawane weiterziehen, dient der Song „Caravan“ in diversen Cover-Versionen als Leitmotiv.

Es ist ein Leben in ewig gleichen Hotelkettenzimmern, „Musterbeispielen an Effizienz“. Ein starker Einfall der Inszenierung ist, die Hotel-Bediensteten per Puppenspiel (Fabian Gröber, Franziska Pößl) zu verkörpern – selbst diese Ebene bleibt abstrakt, es ist kein wahrhaftiger mitmenschlicher Kontakt.

Für Kontaktersatz sorgt das Handy. Es zeigt sich Entfremdung auf allen Ebenen: entfremdet von anderen Menschen, von der Umwelt, sogar von der eigenen, persönlichen Meinung.

Es braucht ein paar Minuten, bis die Inszenierung auf Betriebstemperatur kommt – doch nach einer ersten Eskalation, die manchen Zuschauer verblüffen dürfte, erreicht sie ein hohes Energielevel. Und die Intensität steigert sich dann noch weiter.

Zynismus und Neurosen

Dabei hilft es, dass die Hauptcharaktere zwar wie satirische Figuren angelegt sind, aber von den überzeugenden Darstellern nicht vorgeführt, nicht ausgestellt werden. Sie ergehen sich in Berater- und Selbstoptimierungssprech („Es ist nie zu spät, um zu gewinnen“, „Kritik ist positiv“), zelebrieren ihren Zynismus oder geben sich ihren Neurosen hin.

Benedikt Paulun zeigt Frank Öllers als Mann unter Druck, dem die Souveränität so entgleitet, wie im fernen Zuhause seine Familie zerbröckelt. Maurizio Micksch lässt als Kai Niederländer nicht nur dem Sarkasmus, sondern auch bald der Paranoia freien Lauf. Ist die Grenze zum Wahnsinn erreicht? Kein Wunder, das ganze System ist wahnwitzig. Nicola Schubert bringt als Bianca März Ambivalenz hinein. Ihr Moralkompass scheint zuweilen noch zu funktionieren, doch letztlich zeigt auch der nur in eine Richtung: Eigennutz.

Der große Knall muss kommen. Das Ende des Spiels ist fatal. Freilich zeigt ein böser Schluss, der über das Filmende hinausgeht: Das Spiel geht ja doch weiter. Langer Applaus.

Bis März im Podium

Das Stück „Zeit der Kannibalen“ wird noch sieben Mal im Podium des Theaters Ulm gespielt. Einige der Vorführungen sind bereits ausverkauft. Karten gibt es noch für die Aufführungen am 20. Januar, 9. und 16. Februar sowie am 3. und 8. März, je 19.30 Uhr.

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