Ulm / Magdi Aboul-Kheir  Uhr

Wir fuhren aufs Meer“, sagt der Pirat vor Gericht und beginnt mit seinem Bericht. Genau da fährt auch das Publikum los. Es wird bewegt: von der Geschichte, aber eben auch in ihr.

Andreas von Studnitz hat die Zuschauer in seiner letzten Inszenierung als Intendant des Theaters Ulms auf der Bühne des Großen Hauses platziert. Sie fahren, auf der Drehscheibe sitzend, durch den Abend, durch Wolfram Lotz’ „Die lächerliche Finsternis“. Gerade als Abschieds-Regiearbeit ist das sehens- und bedenkenswert. Denn nicht zuletzt geht es um theatrale Selbstreflexion.

Der Prolog: Ultimo Michael Pussi (Aglaja Stadelmann), ein „schwarzer Neger aus Somalia“,  erklärt vor Gericht, welche Umstände ihn Pirat werden ließen. Er spricht „der Einfachheit halber“ deutsch und schildert Drastisches. Geschmerzt fragt er: „Was soll man denn tun in dieser verdammten Welt?“

Den Hindukusch hinauf

Die Szenerie wechselt. Hauptfeldwebel Pellner (Stefan Maaß) und Unteroffizier Dorsch (Benedikt Paulun) fahren in Afghanistan den Hindukusch hinauf. Den Hindukusch? Ist das nicht ein Gebirge? Doch. Aber egal, im Stück ist es ein „langsam fließender, dunkler Strom“, und damit basta.

Die Bundeswehrler fahren also den Hindukusch hinauf, um den offenbar durchgeknallten Oberstleutnant Deutinger zu finden. Dabei machen sie merkwürdige Begegnungen, führen eigentümliche Dialoge.

Etwa mit UN-Kommandant Lodetti (Tänzerin Beatrice Panero). Der befehligt Soldaten im Krisengebiet, die aber vom Krieg nichts mitbekommen, „weil wir weder Fernsehen noch Internet haben“. Dafür mokiert sich Lodetti ausgiebig über die Toilettengewohnheiten der Einheimischen.

Pellner und Dorsch stoßen auf den dubiosen Händler Stojcovic (Christel Mayr), der ihnen vor allem seine schlimme Lebensgeschichte verkaufen will. Und Reverend Carter (Julia Baukus) mag auch nicht nur missionieren.

Es sind Menschen, die sich im Irgendwo, in der Finsternis, in ihren Erinnerungen und Traumata verlieren. Ja, das Stück ist eine Reise, aber ein Ankommen scheint kaum denkbar. Und in all der schattigen Groteske flackert totaler Ernst auf, der Text irrlichtert durch Irrealitäten und Realitäten der gewalttätigen Welt.

Immer wieder verflüchtigt sich die Ironie. Ganz ureigentlich werden Themen wie Tod und Trauer, Brutalität und Einsamkeit benannt. Das Theater als moralische Anstalt, da war doch mal was! Es geht um Ressourcen und Abhängigkeiten, um Religion und Krieg. Das alles reflektiert das Verhältnis von erster zu so genannter dritter Welt. Und diese Ungerechtigkeit, dieser Schrecken da draußen ist ja wahr, echt.

Das Publikum auf der Drehbühne zu platzieren, es durch den Abend zu bewegen, ist kein rasch verpuffender Gag, sondern eine tragfähige Idee. Die Bühne dreht sich, fährt vor und zurück, auf und ab. Immer nur ganz sachte, aber doch deutlich spürbar, was ein Gefühl des Unterwegsseins vermittelt, vielleicht auch eine leichte – zum Stück passende  – Verunsicherung auslöst.

Musik von „In The Air Tonight“ bis zu Doofschlagern erklingt. Auf Leinwände, die auch im Zuschauerraum hängen (Bühne, Kostüme: Mona Hapke), werden Bilder, Videos projiziert. Nie aber geht es um Naturalismus, das wäre anmaßend. Was wissen wir schon von diesen Orten?

Figuren und Text scheinen zuweilen zu delirieren, bewegen sich zwischen Meta-Theater und Hyper-Realität hin und her. Die Charaktere handeln und sprechen auf verschiedenen Erzählebenen, sind sich der Bühnensituation bewusst. „Das ist ja auch nur ein Text“, weiß Soldat Pellner. „Man darf das nicht verwechseln mit der Wirklichkeit. Aber das wissen Sie ja!“ Die vierte Wand müssen die Akteure sowieso nicht durchbrechen, das hat das Publikum ja dank der Bühnenplätze von Beginn an getan.

Sogar Autor Wolfram Lotz hat in Einspielern Auftritte, eine Figur befragt ihn nach ihrem Schicksal – Selbstreferenzialität im Quadrat. Schließlich erscheint Regisseur von Studnitz: per Video in Gestalt des gesuchten Oberstleutnants Deutinger. Er erinnert deutlich an Marlon Brando als Colonel Kurtz in „Apocalypse Now“.

Conrad und Coppola

Auch Deutinger hat eine Reise hinter sich: ins Innere, ins „Herz der Finsternis“. Überhaupt ist „Die lächerliche Finsternis“ eine Überschreibung von Joseph Conrads Roman und eine Theater-Paraphrase von Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“. Der war wiederum schon eine im Vietnamkrieg angesiedelte Kino-Adaption von Conrads Buch.

In von Studnitz’ sehenswerter Inszenierung ist alles im Fluss zwischen Fantasie und realem Albtraum. Das Ensemble trägt das eindrücklich spielerisch in seiner Mehrbödigkeit mit, etwa Aglaja Stadelmann mit schmerzender Intensität, Stefan Maaß mit scharfer Präzision, Benedikt Paulun mit berührender Verlorenheit. Aber jeder Auftritt ist stark.

Am Ende bringt sich der Prolog in Erinnerung. Antworten jedoch liefert das nicht mehr. Wir Menschen bewegen uns nun mal in der lächerlichen Finsternis, wir sehen und wissen nichts. Vielleicht können wir dem Umherirren, dem Dunkel, dem Wahnsinn nur das Fabulieren, das Theater entgegensetzen, nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Zehn Aufführungen, aber wenig Plätze

Termine Durch die Inszenierungs-­Idee, das Publikum auf der Bühne zu platzieren, fasst jede Aufführung von „Die lächerliche Finsternis“ nur 100 Zuschauer. Es gibt also nicht viele ­Tickets! Die nächsten Termine: 11., 13., 22. und 24. Januar, 4. und 10. Februar.