Kunstvermittlung Sehbehindert im Museum

Larissa Ramscheid bringt Menschen mit Sehbehinderung Kunst nahe.
Larissa Ramscheid bringt Menschen mit Sehbehinderung Kunst nahe. © Foto: Oliver Schulz
Neu-Ulm / Tayná de Castro Stolz 15.06.2018
Barrierefreiheit einmal anders: Das Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museum bietet Führungen für Sehbehinderte und Blinde an.

Sie müssen normalerweise draußen bleiben. Doch diesmal waren Sarah und Amy, ein Labrador und ein Mischling, im Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Museum willkommen – als Begleiter ihrer blinden Herrchen. Das Neu-Ulmer Museum ist eines von 70 Häusern, das beim „Sehbehindertentag“ mitmachte. Den ruft jedes Jahr der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) aus. Dieses Jahr kooperierte der Verband mit dem Deutschen Museumsbund.

Blinde und Sehbehinderte im Museum? Sie brauchen andere Regeln als Sehende. Und diese gelten an diesem Tag im Scharff-Museum, das nach seiner Sanierung barrierefrei ist. Die Eingangstüre haben Sensoren, es gibt Leihrollstühle und Rollatoren, Gebärdensprachenvideos und Sitzgelegenheiten während der Führungen. „Wir haben die Zeit genutzt, um als städtisches Museum zu überlegen, wie wir noch gastlicher werden und praktisch auf bestimmten Bedürfnisse einige unserer Besucherinnen und Besucher eingehen können“, sagt die Museumsleiterin Helga Gutbrod.

Tastbare Museumspläne

Und auch an Sehbehinderte wurde gedacht: An der Kasse liegt ein tastbarer Museumsplan in Braille-Schrift aus. Doch an diesem Tag dürfen sich die Behinderten noch ganz anders den Exponaten nähern und tun, was ansonsten strengstens untersagt ist: die Kunst zu berühren.

Kunsthistorikerin Larissa Ramscheid fragt, wer Edwin Scharffs Kleinplastik „Liegende Frau“ betasten will. Die Interessenten bekommen ein Paar weiße Baumwoll-Handschuhe angezogen. Larissa Ramscheid führt die Hände und erläutert, was da zu fühlen ist. Zuerst wird der Kopf getastet, die Frisur, das Gesicht, die angedeuteten  Augen und die Nase. Dann kommen die Schulter, die Arme, der Oberkörper. Brüste, Bauch, Beine. Material und Struktur werden untersucht, der Gesichtsausdruck beschrieben.

Auch größere Skulpturen wie Scharffs überlebensgroße „Hockende“ werden so ertastet. Und wenn die Kunst für die Hände zu groß wird? Dann gibt es im Scharff-Museum so genannte Tastbroschüren. Das sind kontrastreiche Reliefs mit Texten auf Braille. Die gibt es etwa von der mächtigen Marienthaler Kirchentür, bei der Edwin Scharff Leitsätze des apostolischen Glaubensbekenntnisses in eine ausdruckstarke Bildersprache umgesetzt hat.

Auch das drei Meter lange Relief „Ruth und Boas“ kann mit Hilfe einer solchen Broschüren ertastet werden. „Menschen mit Einschränkungen sollen grundsätzlich nicht von kulturellen Angeboten ausgeschlossen werden. Das Recht auf kulturelles Teilhaben sollte überall und für Jedermann selbstverständlich sein“, sagt Claudia Böhme vom Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund. „Die Formulierung ,Für dich ist das nichts‘ wollen wir aus unserer Sprache streichen.“ Claudia Böhme ist freiberufliche Kulturvermittlerin und Autorin und hat das Edwin-Scharff-Museum beim Umbau hinsichtlich der Barrierefreiheit beraten. Claudia Böhme hat außerdem die Schulung für die Spezial-Führungen geleitet.

Das hieß vor allem „learning by doing“ und wenig Theorie. „Denn den ‚blinden Menschen’ an sich gibt es nicht. Sehbehinderungen sind ebenso individuell wie jeder Behinderte ein eigenes Individuum ist“, sagt Claudia Böhme. „Wir haben Umgangstipps bekommen“, erzählt etwa Kunsthistorikerin Larissa Ramscheid. Eine ansonsten übliche Formulierung wie „Dort sehen Sie“ ist ein No-Go. Außerdem muss alles detailliert beschrieben werden, auch der rücksichtsvolle Umgang mit körperlicher Nähe beim gemeinsamen Ertasten war Thema der Schulung. Im Scharff-Museum gab es für das neue Angebot jedenfalls positive Reaktionen.

Angebote auf Anfrage

Aktionstag Der „Sehbehindertentag“ wurde 1998 eingeführt, um auf besondere Bedürfnisse sehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen. Dabei steht jedes Jahr ein anderes Thema im Fokus: 2015 waren es Fitness-Studios, dieses Jahr waren es Museen, im kommenden Jahr sollen es Schwimmbäder sein.

Inklusion Die Zahl der Sehbehinderten und Blinden wird in Deutschland auf 1,2 Millionen Menschen geschätzt. 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Sie verpflichtet Einrichtungen zur Inklusion Behinderter.

Führungen Das Neu-Ulmer Scharff-Museum bietet auf Anfrage Führungen für Blinde und Sehbehinderte an. Anfragen per E-Mail unter esm@neu-ulm.de oder per Telefon unter 0731/7050-2520.