Mit „Lutherischem Jubelgeschrey“ begann das Schwörkonzert im voll besetzten Münster, mit zwei Sätzen aus Michael Altenburgs „Gaudium Christianum“ von 1617 – auch damals hatten Reformationsfeierlichkeiten angestanden. Der thüringische Pfarrer und Kirchenmusiker bekannte 100 Jahre nach Luthers Thesenanschlag nicht nur seinen Glauben, sondern befehdete gleichermaßen Katholiken wie die protestantische Konkurrenz, die Calvinisten. Eine frühbarocke Festlichkeit mit Pauken und Trompeten, mächtig gesungen im 160-köpfigen Verbund von Motettenchor der Münsterkantorei und Ulmer Oratorienchor.

Ein „Jubelgeschrey“ also in einem Werk, das nur ein Jahr vor dem Dreißigjährigen (Glaubens-)Krieg entstanden war, der Deutschland in Schutt und Asche legte und in dem Altenburg seine Frau und zehn seiner 13 Kinder verlor. „Vielstimmige Reformation“ haben die Ulmer ihr „Reformationsgedenken 2017“ überschrieben. Das Programm des Schwörkonzerts passte ideal dazu, gerade an diesen Festtagen in der Bürgerkirche der Stadt, deren Rat 1530 für die evangelische Lehre gestimmt hatte.

Mendelssohns „Reformations-Sinfonie“, 1832 uraufgeführt, folgte: Es war eine beglückend romantische Aufführung mit dem vortrefflichen Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm unter Leitung Friedemann Johannes Wieland. Eine zarte, lichte, beseelte Musik – sphärisch erklang in der kathedralischen Kirche das „Dresdner Amen“, das Richard Wagner später im „Parsifal“ zum Gralsmotiv beförderte. Das Finale dann als mächtige Bekräftigung mit dem Choral „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Verdienter Zwischenapplaus und darauf die Choralkantate „Verleih uns Frieden gnädiglich“. Wieder lieferte die Geschichte den mitzuhörenden Kontext: Diese herzenswarme evangelische Musik des christlich getauften Protestanten Mendelssohn aus jüdischem Elternhaus war im Nationalsozialismus verboten; in jener Zeit, als der kriegerische Erzengel Michael im Münster als Mahnmal aufgestellt wurde.

Und noch einmal wurde gefeiert im Schwörkonzert, romantisch erhaben: mit Otto Nicolais kirchlicher Festouvertüre „Ein feste Burg ist unser Gott“, mit Choral, Fuge und eindringlichem Amen. Da war es in der Tat ein zur Besinnung mahnender Kontrapunkt, dass Jürgen Grözinger in seinem Auftragswerk „Nacht und Morgen“ den Luther-Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ als Leitthema gewählt hatte. Es gelang eine umjubelte, im halligen Kirchenraum klangspektakuläre Uraufführung: zwischen Percussion-Beben, ja Pauken-Detonationen, Glocken-Mysterium und eindringlichem Gesang.

Die vorzüglichen Chöre stellten sich gegenüber im Süd- und Nordschiff auf, nahe der Schlagzeug-Zentrale – so hatten jetzt die Zuhörer im mittleren Hauptschiff auch ein theatralisches Seh-Stück. „Parlando“ nennt Grözinger die Stellen des Chors, in denen die Akteure modern verfremdet Luthers 95 Thesen rezitieren – vorne, in den ersten Reihen vor dem Kreuzaltar tönte das wie ein brutaler Aufruhr.  „Nacht und Morgen“: Am Ende aber geht der Mensch zuversichtlich in hellem C-Dur in den neuen Tag.

Großer Applaus für eine mutige, wirkungsvolle Uraufführung unter Wielands Leitung. Die Partitur hatten der Münsterkantor und der Komponist schon vor dem Konzert an OB Czisch und Stadtarchiv-Leiter Wettengel übergeben. Vielleicht für das nächste Reformationsjubiläum in 100 Jahren?