Schwörkonzert Schwörkonzert: Krönung in der Bürgerkirche

Beeindruckender Solist: Klaus Mertens.
Beeindruckender Solist: Klaus Mertens. © Foto: Oliver Schulz
Ulm / Jürgen Kanold 22.07.2018
„Very british?“ Philharmoniker und Motettenchor bieten beim Schwörkonzert im Ulmer Münster auf jeden Fall einen starken Abend.

„God save the King!“, hallte mächtig durchs Münster. Da wird auch der Oberbürgermeister Gunter Czisch, der heute vor den Ulmern schwören muss, den Reichen und Armen ein „gemeiner Mann“ zu sein, als Zuhörer etwas gestutzt haben. Aber nein, in der Bürgerkirche wurde niemand gekrönt, es war am Samstagabend das Schwörkonzert mit einem britischen Programm.

Wobei Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland eine Frage gestellt hatte: „Very british?“ Denn er wollte, gut europäisch, den deutschen Barockmeister Georg Friedrich Händel nach dem Brexit nicht einfach ganz den Briten überlassen. Allerdings hatte dieser seine vier „Coronation Anthems“ im Jahre 1727 als Auftragswerk für die Krönungszeremonien von George II. komponiert. Und die Hymnen erwuchsen mit Pauken und Trompeten zum Ritual: Zu „Zadok the Priest“ wurde 1953 auch Elisabeth II. zur Königin gesalbt.  Fußballfans kennen diese Klänge zudem: Tony Britten verarbeitete das Thema 1992 zur Erkennungsmelodie der Champions League.

Ob und wann es Prinz Charles gegönnt sein wird, die Krönungshymnen noch amtlich live zu erleben, sei dahingestellt, die Ulmer aber durften die majestätische Musik jetzt im Münster genießen, dargeboten von Motettenchor und Philharmonischem Orchester der Stadt Ulm. Zu sagen, dass diese Hymnen feierlich, jubilierend das Münster erfüllten, wäre eine ziemliche Untertreibung: Kraftvoll royal stimmten Chor und Orchester die Zuhörer aufs Bürgerfest ein.

Es folgte unbezweifelbar englische, wenngleich von Wagner und Brahms geprägte Spätromantik: Edward Elgars „Enigma-Variationen“ von 1899. Orchestersätze also, in denen der Komponist Freunde und Menschen aus seiner Umgebung porträtierte – aber geistreich als Rätsel verschlüsselt. Wer dahintersteckt, ist längst gelüftet, spielt auch keine Rolle mehr. Es ist wunderbare, elegische Sinfonik: zu Herzen gehend natürlich „Nimrod“, die bekannteste Variation, die den Erinnerungsschmerz einer ganzen Epoche in sich aufzunehmen scheint. Nicht weniger emotional die so feine Variation Nummer zwölf, Elgars Hommage an einen Amateur-Cellisten: Im Münster spielten die philharmonischen Cellisten wundervoll.

Überhaupt gelang Dirigent Wieland und dem Orchester mit getragenen Tempi, mit einer sehr ruhigen, wohlproportierten Klangentfaltung eine bewegende Aufführung. Was auch immer in der 40., 50. oder 60. Reihe des  Münsterhauptschiffs von dieser Musik angekommen ist, ganz vorne war es ein Erlebnis: als ob Elgars Romantik im Kirchenhall noch transzendierte.

Das war bei den 1911 uraufgeführten fünf „Mystical Songs“ von Ralph Vaughan Williams nicht anders. Es sind Gesänge und Lobpreisungen auf Gedichte aus dem 16. Jahrhundert: vor allem auch der Liebe in einem spätromantisch innerlichen Tonfall, für Bassbariton und Chor. Klaus Mertens, einem Grandseigneur unter  den Oratoriensängern, gelang als Solist eine herrlich volltönende, glaubhafte „Ansprache“ mit glanzvollem Melisma. Und am Ende bekräftigte der Chor: „Lass’ alle Welt in jedem Winkel singen, mein Gott und König!“ Was jetzt nicht mehr monarchistisch gemeint war, sondern weltumspannend. Großer Applaus für Wieland und alle Mitwirkenden.

„Very british?“ Es war natürlich ein britisches Konzert und ein Glücksfall. Nur dass dieser so menschlichen Musik die Politik, von der EU bis zum Brexit, völlig egal ist.

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