Ulm Schwörkonzert im Münster mit Riesenaufgebot

Friedemann Johannes Wieland dirigierte beim Schwörkonzert im  Münster einen Riesenapparat.
Friedemann Johannes Wieland dirigierte beim Schwörkonzert im  Münster einen Riesenapparat. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / HELMUT PUSCH 17.07.2016
Dreimal Romantik im gotischen Münster. Beim Schwörkonzert erklangen Werke von Reger, Liszt und Schumann - gesungen von einem Riesenchor.

Der Schwörmontag ist das zentrale Fest der Stadtgesellschaft, dessen musikalisches Pendant ist das Schwörkonzert im Münster, in dieser mächtigen Bürgerkirche, das von der Münsterkantorei und deren Leiter ausgerichtet wird. Doch Friedemann Johannes Wieland, der seit 2010 der musikalische Chef der Kirche ist, hat diese Aufgabe schon länger sozialisiert, bereits vor Jahren das Philharmonische Orchester der Stadt eingebunden – und diesmal auch seine Kirchenmusik-Kollegen und deren Ensembles: die von Albrecht Schmid geleitete Wiblinger Kantorei und den von Oliver Scheffels geleiteten Petrus-Chor Neu-Ulm. Die hatten Sänger entsandt, die den Motettenchor der Münsterkantorei auf gewaltige 130 Stimmen wachsen ließ.

Die Kooperation der Chöre ist auch ein Ergebnis eines ehrgeizigen Projektes: Der ökumenische Kantorenkonvent Ulm und Neu-Ulm hat einen „Reger-Zyklus 2016“ organisiert, um das Werk des vor 100 Jahren gestorbenen Komponisten ins Bewusstsein eines großen Publikums zu rücken. Und der erste Programmpunkt des Schwörkonzertes war Teil dieses Zyklus’: Regers Orchesterlied „Der Einsiedler“. Das zeigte geradezu idealtypisch die Qualitäten dieses ebenso unmäßigen wie genialen Oberpfälzers, seine gewagte und  ausgefeilte Harmonik, seine schwebenden Klänge, seine Melodik, die die Spätromantik schon hinter sich lassend auf die Moderne verweist. Das klingt nicht nur komplex, das ist auch sehr schwierig aufzuführen, vor allem für ein Laienensemble wie dem erweiterten Motettenchor. Doch die Sängerinnen und Sänger meisterten das alles souverän, dynamisch fein abgestimmt, und auch in den Piano-Passagen wunderbar flächig den Solisten Sebastian Noack (Bariton) einbettend. Einfach traumhaft.

Als zentrales Werk hatte sich Münsterkantor Wieland Liszts „Graner Messe“ ausgesucht – wohl auch um den Riesen-Apparat zu nutzen, der ihm bei diesem Schwörkonzert zur Verfügung stand: ein repräsentatives Stück, das Liszt zur Einweihung der Graner (heute Esztergom) Kathedrale komponiert hatte. Liszt lässt da einiges auffahren, einen Chor, ein Solisten-Quartett, Bläser, Schlagzeug, Harfe und Orgel. Und die haben in diesem einstündigen Werk auch reichlich zu tun – vor allem die Vokalsolisten haben Gelegenheit, sich auszuzeichnen, was Julia Sophie Wagner mit ihrem wunderbar warm klingenden Sopran, Theresa Holzhauser mit ihrem expressiven Mezzo, André Khamasmie mit seinem brillanten Tenor und Sebastian Noack auch taten. Der Chor und das versierte Orchester waren ebenso stets auf dem Punkt, setzten die Affekte und Effekte Liszts akkurat um.

Das war staatstragend, virtuos gesetzt. Berühren kann dieses Werk aber kaum. Da werden Emotionen evoziert, aber nicht empfunden.

Ganz anders  Robert Schumanns „Nachtlied“. Dessen Vertonung des Hebbel-Gedichts ist die wunderbar schlüssige Umsetzung der Verse, die die Gefühlswelt eines Einschlafenden schildern, sein Bangen ebenso wie seinen Frieden. Auch hier wieder pure unangestrengte Klang, das gelassene und dennoch wohl artikulierte und dynamisch fein  abgezirkelte Miteinander des Chors, der Solisten und des Orchesters. Ein feiner friedlicher Ausklang des Schwörkonzertes, das vom Ulmer Publikum an diesem von schrecklichen Nachrichten geprägten Wochenende mit minutenlangem Applaus ausgiebig gefeiert wurde.


Alles rund um Schwörmontag und das Schwörwochenende finden Sie hier: www.swp.de/3868617

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel