Umwelt Lärmschutzwand: Schutz der Vögel geht vor

Die rotweißen Flatterbänder sollen baldmöglichst durch linierte Folien oder Werbung ersetzt werden, damit kein Vogel mehr gegen die gläserne Lärmschutzwand im Wiley fliegt.
Die rotweißen Flatterbänder sollen baldmöglichst durch linierte Folien oder Werbung ersetzt werden, damit kein Vogel mehr gegen die gläserne Lärmschutzwand im Wiley fliegt. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Neu-Ulm / Carolin Stüwe 14.11.2017
Gläserne Lärmschutzwand im Wiley wird nachgebessert. Private Bauherren treffen sich heute mit Michael Angerer von der Naturschutzbehörde.

Warum hängen an der gläsernen 150 Meter langen Lärmschutzwand im Wiley entlang der Memminger Straße plötzlich rotweiße Flatterbänder? Das fragt sich derzeit so mancher Autofahrer oder Wileybesucher. Die Bänder sind angebracht worden, damit keine Vögel mehr gegen die Glaselemente fliegen. „Das bringt aber nichts, die Vögel steuern an den Flatterbändern vorbei, da muss so schnell wie möglich nachgebessert werden“, sagt Michael Angerer, Fachbereichsleiter für Naturschutz und Landschaftsplanung am Neu-Ulmer Landratsamt.

Deshalb wird er sich heute Nachmittag mit den Bauherren treffen. Denn die Lärmschutzwand wurde nicht allein von der Stadt hingestellt, sondern – mit Bebauungsplan – vor allem von Firmen, die entlang der Memminger Straße zum Großteil Bürogebäude belegen. Diese Privatinitiative sei auch der Grund, weshalb bei der ganzen Aktion nicht automatisch der Naturschutz mit eingebunden war.

Angerer gibt zu bedenken: „Die Vögel fliegen von der Kastanienallee ins Wiley, da besteht ein Tötungsrisiko.“ Allerdings ist die artenschutzrechtliche Beurteilung nicht ganz einfach (siehe Infokasten). Jedoch sei klar, dass im vorliegenden Fall nicht mutwillig oder fahrlässig Vögel verletzt oder getötet werden. Ansonsten hätte die Behörde schon längst verlangt, dass die Lärmschutzwand entfernt wird.  Dieser Schallschutz aus Glaselementen und Stahlstützen besteht zwar nicht aus einer durchgängigen Wand, sondern füllt nur die Lücken zwischen den Gebäuden.

Jedoch ist Angerer überzeugt: „Wir müssen kurzfristig eine wirkungsvolle Maßnahme ergreifen.“ Und er ist sich sicher, dass die Bauherren mitmachen. Am liebsten wäre dem Naturschutzexperten, dass man auf die Glaswände durchsichtige Folien mit einer feinen Linienstruktur aufzieht. Diese erkennen die Vögel als Barriere. Im Gespräch sei wohl auch eine Werbe-Plakatierung seitens der Anlieger-Firmen, weiß er.

Alle zwei Meter schwarze Raubvogel-Silhouetten aufzukleben, wie es bei großflächigen Fensterscheiben üblich ist, wäre zu aufwendig. Allerdings befürchtet Angerer, dass die angedachte Lösung mit der linierten Folie etwas Zeit braucht: Die Folie muss für die enorme Fläche von 150 Metern Länge und fünf Metern Höhe erst einmal bestellt werden und dann ist noch fraglich, ob man die Folie bei den derzeit geringen Temperaturen überhaupt aufziehen kann. „Wahrscheinlich müssen wir für die Übergangszeit noch ein paar Flatterbänder mehr anbringen.“ Wenngleich im Herbst und Winter nicht so viele Vögel unterwegs sind wie im Sommer.

Als Hindernis erkannt

Zu den Vorschlägen meint Diplombiologe Ralf Schreiber, Pressesprecher der Kreisgruppe Neu-Ulm des Landesbundes für Vogelschutz: „Wäre die Naturschutzbehörde rechtzeitig einbezogen worden, hätte das Glas ohne Markierungen erst gar nicht montiert werden dürfen.“ Sinnvoller wäre es gewesen, die Folie vor dem Aufstellen der Schutzwand aufzuziehen oder gleich Glas zu verwenden, in das die feine Linienstruktur eingeätzt wurde. „Das geht nicht mehr ab, kostet aber mehr.“  Schreiber hat vor Ort bereits tote Vögel, abgebrochene Federn und Anprall-Flecken auf den Scheiben gefunden. Als Mitglied im Bürgerverein Wiley kann er bestätigen, dass der Verein ebenfalls für die Nachbesserung der Schutzwand ist.

Und Schreiber vermutet, dass bewusst vorab keine Folie angebracht wurde. Die Anlieger-Firmen hätten über Werbung nachgedacht, wie sie großflächig auf Busse aufgeklebt wird. Von außen zieht sich die Werbung sogar über die Fensterscheiben, jedoch können die Fahrgäste ungehindert hinausschauen. Wenn diese Werbefolie groß genug aufgerastert ist, werde sie von Vögeln beiderseitig als Hindernis erkannt.

Gesetz: Hinnehmbares Tötungsrisiko

Monitoring Ob an einem umstrittenen Hindernis wie der Lärmschutzwand ein „signifikant erhöhtes Tötungsrisiko“ für Vögel besteht und damit ein Verstoß gegen das Artenschutzgesetz, muss erst über ein Monitoring ermittelt werden. Diese Beobachtung kann ein Jahr dauern und würde etliche Vogelleben kosten.

Normalität Demgegenüber steht das „normale, hinnehmbare Tötungsrisiko“, etwa an einer neu gebauten Autobahn, wo die Vögel dann auf ihrer gewohnten Route gegen Autos und Lastwagen fliegen, erklärt Michael Angerer, Naturschutzexperte beim Landratsamt.