Gefängnis Schüler und Häftlinge gestalten Kunstwerk

Sie freuen sich, ihre Bilder jetzt als Gesamtwerk zu sehen: Lehrerin Anne Käßbohrer, Gefängnisseelsorgerin Annette Roser-Koepff und die Abiturientinnen Johanna Holm, Carlotta Hueske, Kerime Yildirim und Amelie Modrack (von links).
Sie freuen sich, ihre Bilder jetzt als Gesamtwerk zu sehen: Lehrerin Anne Käßbohrer, Gefängnisseelsorgerin Annette Roser-Koepff und die Abiturientinnen Johanna Holm, Carlotta Hueske, Kerime Yildirim und Amelie Modrack (von links). © Foto: Lars Schwerdtfeger
BIANCA FRIESS 13.06.2016
Schüler des Hans und Sophie Scholl-Gymnasiums und Strafgefangene haben zusammen ein Kunstwerk gestaltet. Die Bilder schmücken den Mehrweckraum des Gefängnisses.

Der Strafgefangene im Sakko ist eigentlich kein Künstler. „Ich habe einfach gemalt und nicht lange darüber nachgedacht“, erzählt er, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Herausgekommen ist ein quadratisches Bild. Darauf sind Notenschlüssel und ein Klavier zu sehen, denn er begeistert sich für Musik. Darüber hat er einen blauen Sternenhimmel gemalt.

Das Bild reiht sich in einen Bogen ein, der den Mehrzweckraum der Justizvollzugsanstalt (JVA) Ulm schmückt. Die Hälfte der einzelnen Bilder ist von Abiturienten des Hans und Sophie Scholl-Gymnasiums gestaltet worden, die fehlenden Teile von den Strafgefangenen der JVA. Von hellem Gelb an den Rändern verlaufen die Farben über Rot- und Blautöne zu Grün in der Mitte. Das war auch das Thema des Projekts: Übergang.

„Das kann den Übergang zwischen Gefängnis und Schule darstellen“, sagt Lehrerin Anne Käßbohrer, die das Projekt über mehrere Wochen begleitet hat. Man kann es aber auch anders interpretieren: Schließlich befinden sich alle Künstler in einem Übergang. „Die Abiturienten gehen jetzt in die freie Welt hinaus und auch die Inhaftierten kommen irgendwann nach draußen“, sagt Käßbohrer. Bisher haben die Schüler und Gefangenen ihre Teile getrennt von einander gestaltet. Zur Vernissage haben sie sich zum ersten Mal getroffen. „Es ist spannend zu sehen, was die Gefangenen aus unseren Bildern gemacht haben“, sagt Abiturientin Carlotta Hueske.

Im Gespräch erfahren die Schülerinnen viel, etwa vom Tagesablauf im Gefängnis. „Das war für uns etwas Unbekanntes“, erzählt Abiturientin Johanna Holm. Carolotta Hueske fügt hinzu: „Die Männer sind sehr offen. Sie haben auch keine Scheu zu erzählen, warum sie hier sind.“

Der Mann im Sakko hat sich  wegen eines Wirtschaftsdelikts selbst angezeigt und gestellt. Die Zeit während des Prozesses hat er in einem Kloster verbracht, jetzt ist er seit ungefähr fünf Monaten in der JVA Ulm. Hier war das Projekt eine „schöne Abwechslung vom tristen Alltag“, erzählt sein Mitgefangener, der ebenfalls eine Strafe für ein Wirtschaftsdelikt absitzen muss. Anfangs hatte er Hemmungen, die leere Leinwand zu füllen – das hat sich aber schnell gelegt. Er hat zwei Leinwände gestaltet: Auf einer ist eine blaue Welle zu sehen, auf die zweite hat er einen Fisch gemalt. „Es hat Spaß gemacht“, sagt er: „Und der Mehrzweckraum hat dadurch wirklich gewonnen.“

Das war auch die ursprüngliche Idee des Projekts. „Am Anfang war eine leere Wand“, sagt Gefängnisseelsorgerin und Pfarrerin Annette Roser-Koepff. Für sie symbolisiert diese Wand im Gefängnis die Trennung zwischen der Welt „draußen“ und innerhalb der Mauern. „Und es sollte doch möglich sein, diese Trennung wenigstens an einem Punkt aufzuheben“, ist sie überzeugt. Jetzt bilden die 31 einzelnen Bilder von Gefangenen und Schülern ein Gesamtwerk. „Was von wem ist, spielt keine Rolle mehr – damit wird die Wand durchlässiger“, sagt Roser-Koepff.

Bis er wirklich nach draußen darf, dauert es bei dem Gefangenen im Sakko noch ungefähr fünf Monate. Was er denn nach seiner Entlassung vorhat? „Da muss ich mal schauen“, sagt er. Momentan spielt er mit dem Gedanken, in ein Kloster einzutreten.

Offener Strafvollzug

JVA Ulm In der Hauptstelle der JVA  Ulm in der Talfinger Straße sind die Gefangenen im offenen Vollzug untergebracht. Hier gibt es 150 Plätze.

Einordnung Das System erfordert, dass die Insassen sich freiwillig einordnen. „Denn  die Anstalt ist gegen Entweichen wenig gesichert“, berichtet Anstaltsleiter Ulrich Schiefelbein. Es gibt keine Gitter vor den Fenstern und keinen Stacheldraht. Innerhalb des Geländes können sich die Inhaftierten frei bewegen, den Schüssel zu ihren Zellen haben sie selbst in der Tasche.Sie dürfen auch ihre eigene Kleidung tragen.

Integration Der offene Vollzug bereitet intensiv auf die Entlassung vor. Schrittweise werden den Gefangenen Freigänge nach draußen genehmigt. Während ihrer Zeit in Haft müssen sie arbeiten. Ganz am Ende der Haft, als Freigänger, arbeiten viele Gefangene auch außerhalb der JVA in einem Betrieb. „Im Idealfall können sie den Arbeitsplatz sogar behalten“, sagt Gefängnisleiter Schiefelbein.