Wissenschaft Entdeckung im Münster: Schon Petrus trug Brille

Altersweitsichtigkeit im Münster: Das Glasfenster aus dem Jahr 1425, geschaffen von Hans Acker, zeigt den Apostel Petrus mit seiner Nietbrille.
Altersweitsichtigkeit im Münster: Das Glasfenster aus dem Jahr 1425, geschaffen von Hans Acker, zeigt den Apostel Petrus mit seiner Nietbrille. © Foto: Hans-Walter Roth
Roth 13.01.2018
Auf einem Glasfenster des Ulmer Münsters ist der Apostel mit Sehhilfe abgebildet. Der Augenarzt Hans-Walter Roth stellt diese Entdeckung in einen größeren medizinhistorischen Zusammenhang.

Die frühe Geschichte der Brille liegt im Dunkeln, wer sie erfunden oder gar als Erster getragen hat, ist unbekannt. Sicher ist nur, dass sich die älteste Abbildung einer Lesebrille in einem Fresko im Kloster San Nicoló von Treviso findet. Sie soll aus der Zeit um 1350 stammen. Die Nähe zu Venedig und der Insel Murano, im Mittelalter für die Produktion hochwertiger Gläser bekannt, lässt vermuten, dass dort die Geburtsstätte der optisch brechenden Gläser zu suchen ist. Funde aus den Pharaonengräbern in Ägypten lassen allerdings erahnen, dass die vergrößernden Eigenschaften sphärisch geschliffener Bergkristalle durchaus schon vor 3000 Jahren bekannt und genutzt waren.

Darstellungen früher Brillen sind sehr selten. Sie tauchen meist in Kirchen oder Klöstern auf, sie finden sich in Wandmalereien oder auf Altarbildern. Im Rahmen von Restaurierungsarbeiten konnten es jetzt neuere Untersuchungen bestätigen dass sich die wohl weltweit älteste Abbildung einer Brille in einem Glasfenster im Ulmer Münster befindet. Die Brille, die Petrus dort bei der Grablege Mariens trägt, stammt aus den Anfangsjahren der Augenoptik. Das Glasfenster entstand um 1425, Hans Acker soll es geschaffen haben.

Die Brille ist im Original nur 18 Millimeter groß, dennoch ist sie ein wichtiges Bindeglied für die Erforschung der Frühgeschichte der Optik. Es handelt es sich dabei um eine so genannte Nietbrille, auf der Vergrößerung ist der Nagel, ein plattgeschlagener Eisenstift, klar zu erkennen. Der dargestellte Typ entspricht weitgehend ihrer frühesten Form, die zwischen 1290 und 1420 entstand. Angedeutet zeigt sich allerdings schon der Übergang zum späteren Modell, die zuvor noch geradlinig verlaufenden Stiele sind bereits etwas gerundet, um sich bogenförmig gekrümmt dem Nasenrücken besser anzupassen. Dies bot wie der Zwicker der Neuzeit einen festeren Halt auf der Nase. Auf der ersten gedruckten Darstellung einer Brille von Anton Koberger aus dem Jahr 1493 ist dieser Bogen bereits gut zu erkennen.

Originale solcher Nietbrillen gibt es nur als fragmentarische Funde im Kloster Wienhausen, die um 1350 entstanden sein sollen. Sie entsprechen den wenigen erhaltenen Abbildungen der Zeit. Dabei wird die Brille fast immer dem Apostel Petrus zugeordnet, dem als ältester Prophet eine Sehhilfe zum Ausgleich der Altersweitsichtigkeit zugestanden wird.

Bei dem Material des Gestells handelt es sich um ein elastisches Holz, man vermutet vom Buchsbaum. Die Gläserstärken können nicht beurteilt werden, sie werden im Bild nicht besonders herausgearbeitet, in den Anfangsjahren waren sie meist aus dem grünlichen Waldglas gegossen oder mühsam geschliffen. Frühe Optiken bestehen statt aus Glas auch aus dem härteren Bergkristall, dem Beryll, aus dem später das Wort „Brille“ abgeleitet wurde.

Ursprünglich ist die Nietbrille aus zwei einzelnen Gläsern zusammengesetzt, die auch als Einglas, Lupe, oder Lorgnon bezeichnet werden. Sie besteht im Grunde genommen also aus zwei Lorgnons, die am unteren Stielende mit einem Eisenstift, dem Niet, miteinander verbunden waren.

Diese Brille ist wie alle frühen Brillendarstellungen der Zeit eigentlich zu klein, sie passt nicht so recht zum Gesicht. Die Länge der Stege entspricht anfangs dem Durchmesser der Gläserfassung. Sie werden erst später länger. Ab 1500 werden dann die ursprünglich hölzernen Nietbrillen durch Gestelle aus Kupfer, Eisen oder Leder ersetzt, sie bekommen jetzt einen elastischen Steg.

Der Petrus des Kirchenfensters leidet an einer Altersweitsichtigkeit. Dies ist einfach zu folgern, da es zur Entstehungszeit des Fensters andere Gläser, wie zum Ausgleich von Sehfehlern in der Ferne, etwa der Kurzsichtigkeit oder der Hornhautverkrümmung, noch nicht gab. Die Gläserstärken der wenigen frühen Funde liegen zwischen + 2.5 bis und + 3.5 Dioptrien, ein Wert, der auch heute noch dem einer Lesebrille im hohen Alter entspricht.

Nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten befindet sich das Glasfenster inzwischen wieder in der Besserer-Kapelle des Ulmer Münsters. Die Sammlung zur Geschichte von Auge und Sehen erhält eine originalgetreue Replik.

Hans-Walter Roth und die Sehhilfe des Felix Fabri

Entdeckung Hans-Walter Roth erkennt Brillen, wo andere nur den Abdruck einer Kaffeetasse sehen. Gemeint ist damit die Entdeckung, die der Augenarzt, Medizinhistoriker, CDU-Stadtrat und Besitzer der mit 3000 Exponaten größten Sammlung zum Thema „Auge und Sehen“ vor zwei Jahren gemacht hat. Der Abdruck einer Brille findet sich – „weltweit einmalig und ein wertvoller Beitrag zur Geschichte der Brille“ – im Original einer Ulmer Handschrift der „Sionpilgrin“ des Felix Fabri von 1492. Fabri (1441-1502), Dominikanermönch in Ulm, ist für seine Abhandlung über Ulm bekannt, eine der frühesten Stadtbeschreibungen überhaupt. Roth hat die Handschrift computergestützt unter die Lupe genommen, demnach handelt es sich bei Fabris Brille um eine frühe Lederbrille, von der nur wenige im Original erhalten sind. Sie dürfte um 1500 in Nürnberg hergestellt worden sein.