Ulm Schlüssel zum Autismus

Eine Erscheinungsform von Autismus: Beim Anheben der Mausmutanten zeigen diese eine auffällige "Bethaltung" der Hinterläufe. Wie kann diesen Mäusen geholfen werden? Daran forschen Böckers und Kollegen jetzt. Privatfoto
Eine Erscheinungsform von Autismus: Beim Anheben der Mausmutanten zeigen diese eine auffällige "Bethaltung" der Hinterläufe. Wie kann diesen Mäusen geholfen werden? Daran forschen Böckers und Kollegen jetzt. Privatfoto
Ulm / RUDI KÜBLER 15.05.2012
Gibt es in ein paar Jahren eine Therapie für Autismus? Eine international besetzte Gruppe von Wissenschaftlern um den Ulmer Tobias Böckers hat jetzt einen Gendefekt für die Krankheit ausfindig gemacht.

Wer von Autismus spricht, hat den Film "Rain Main" vor Augen. Gespielt von Dustin Hoffman, der dafür 1989 den Oscar für die beste Hauptrolle erhielt, kann der autistische Raymond Babbitt keine sozialen Beziehungen aufbauen; im Alltag benötigt er fremde Hilfe; droht sein Tagesablauf nur ein Jota vom Gewohnten abzuweichen, steht eine mittlere Katastrophe ins Haus. Aber: Raymond hat ein phänomenales Gedächtnis . . .

"Unser Bild von Autismus ist durch solche Filme geprägt", sagt Prof. Tobias Böckers. Das Problem: die Sonder- oder auch Inselbegabung, also Raymonds Gedächtnisleistung. Autismus könne mit einem so genannten Savant-Syndrom einhergehen, "das ist aber eher die Ausnahme". Die Krankheit zeichne sich nicht durch ein bestimmtes Krankheitsbild, sondern durch viele Verhaltensauffälligkeiten aus, die unterschiedlich ausgeprägt sein können, ergänzt der Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie an der Uni Ulm. Als da sind die Schwierigkeiten, mit der Umwelt zu kommunizieren. Kinder beispielsweise, die keinen Blickkontakt mit der Mutter aufnehmen. Auch treten häufig stereotype oder ritualisierte Verhaltensweisen auf oder auch die Vermeidung von Verhaltensweisen.

Böckers und sein Ulmer Kollege Dr. Michael Schmeißer haben jetzt einen Schlüssel in der Hand, um die Krankheit zu verstehen - und in der Folge zu therapieren. Doch das ist der zweite Schritt. Im ersten Schritt, der sich über einen Zeitraum von sechs, acht Jahren hinzog, haben die Forscher gemeinsam mit Kooperationspartnern festgestellt, dass es eindeutige, monogenetische Ursachen für einen Teil dieser Krankheit gibt. "Während meiner Studienzeit wäre man dafür ausgelacht worden", sagt der 47-Jährige. Früher sei die Medizin davon ausgegangen, dass neben vielfachen genetischen Faktoren auch externe Einflüsse wie Erziehung mitverantwortlich sind für Autismus. "Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre sind revolutionär für die Psychiatrie."

Wie hat man sich die Arbeit der Ulmer Wissenschaftler, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, vorzustellen? Böckers, Schmeißer und weitere Mitarbeiter aus dem Institut für Anatomie und Zellbiologie haben Mäuse genetisch modifiziert, das heißt: Bestimmte Moleküle an Synapsen im Gehirn, die für die Kommunikation zwischen Nervenzellen zuständig sind, wurden verändert oder gar entfernt. Die Tiere zeigten in der Folge extreme Hyperaktivität und vermehrtes Putzverhalten, sie interessierten sich weniger für ihre Sozialpartner und legten ein verändertes Sprechverhalten an den Tag. Sprechverhalten? Ja, sagt Böckers und bringt das Institut Pasteur in Paris ins Spiel. Die Kollegen dort hatten den Fokus auf die Kommunikation der "Knock-out-Tiere" gelegt, der Mäuse also, denen das Molekül völlig fehlte. Und dabei zeigte sich, dass die Kommunikation untereinander ebenfalls gestört war. "Das sind typische Anzeichen für Autismus."

Von der Maus zum Menschen sei es zwar ein weiter Weg, räumt er ein, "wenn wir aber wissen, was da genetisch passiert, dann können wir auch eine bessere Therapie anbieten". Wie gesagt: Das Verständnis ist der Schlüssel; ob die Tür sich öffnet, werden weitere Forschungen zeigen. Die Fragestellung lautet jetzt: Wie kann man die Kontakte zwischen den Synapsen wiederherstellen? Wie kann den Mäusen, die diesen Gendefekt aufweisen, geholfen werden? Eines Tages dürfte der Mensch von den Antworten profitieren, "eines Tages könnte die Reparatur dieses Defekts eventuell Grundlage einer Autismus-Therapie sein". Was vor allem für die Pharma-Industrie von Interesse sein dürfte.

Böckers sieht sein Projekt, an dem neben den Pariser Wissenschaftlern auch Kollegen von der Berliner Charité und vom Leibniz-Institut für Neurobiologie in Magdeburg beteiligt sind, ganz vorne mit dabei - in diesem Forschungsbereich, "der heiß umkämpft ist und in dem die US-Amerikaner, ausgestattet mit viel Spendengeld, den Ton angaben". Wann mit einer erfolgversprechenden Therapie zu rechnen ist, steht freilich in den Sternen. In welchen Zeitfenstern zu denken ist, zeigt ein kleiner Hinweis: Böckers hatte vor 14 Jahren begonnen, an diesen Molekülen zu arbeiten; damals wollte er deren Funktion wissen. "Der Ansatz war ein anderer. Das war reine Grundlagenforschung." Jetzt steht die Anwendung im Vordergrund.