Seit Jahrzehnten wird der Arzneistoff Ambroxol, weithin unter dem Handelsnamen Mucosolvan bekannt, weltweit bei Husten und festsitzendem Sekret in den Atemwegen eingesetzt. Bislang war lediglich klar, wie der Wirkstoff Schmerzen mindert. Forscher um Prof. Paul Dietl, Leiter des Instituts für Allgemeine Physiologie an der Uni Ulm, konnten nun aber erstmals den für die Schleimlösung verantwortlichen molekularen Mechanismus nachweisen: Ambroxol stimuliert mithilfe des Botenstoffs Kalzium die Ausschleusung von "Abfallprodukten" aus der Zelle.

Die Wissenschaftler haben damit nicht nur eine neue Arzneistoff-Spezies entdeckt, sondern auch mögliche neue Therapieansätze für Krankheiten wie Parkinson, bei denen der Abtransport von nervenschädigenden Ablagerungen gestört ist. Die Erkenntnisse des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts veröffentlichten die Wissenschaftler im Fachjournal "Cell Calcium".

Ambroxol wird künstlich aus Vasicin hergestellt, dem medizinischen Inhaltsstoff des Indischen Lungenkrauts. Während die schmerzlindernde Wirkung gut verstanden ist, stützten sich Wissenschaftler bislang nur auf Vermutungen, wie es Ambroxol gelingt, die Fließeigenschaften und die Beschaffenheit des Schleims zu verändern und damit die Selbstreinigung der Atemwege anzuregen. "Ambroxol wirkt als eine Art zelluläre Müllabfuhr", sagt Dietl. Bei diesem Vorgang verschmelzen Zellorganellen, die Lysosomen, mit der Plasmamembran der Zelle und initiieren so die Ausschleusung von "Zellabfall". Lysosomen, eine Art "Magen der Zelle", bauen mithilfe von Säure und Enzymen zelluläre Abfallprodukte wie etwa alte oder fehlgebildete Proteine ab. Dieser "Müll" wird dann mittels einer Art Stofftransport aus der Zelle befördert.

Der von den Wissenschaftlern um Dietl aufgeklärte Entsorgungsvorgang könnte sich auf neurodegenerative Erkrankungen positiv auswirken, bei denen Ablagerungen nicht mehr abgebaut werden. Hinweise in der Literatur deuten darauf hin, dass bei Parkinson oder bestimmten angeborenen Stoffwechselerkrankungen die gestörte Zell-Müllabfuhr reaktiviert werden könnte, um neue Therapien oder Prophylaxen zu ermöglichen.