Mischehen Scheidung bedeutet den Tod

Ulm / ruk 12.07.2018

„Hitler ist ein Scheißkerl, weil er auf die Bolschewisten in Spanien hat schießen lassen.“ Hat Max Moritz Strauss diesen Satz am 1. Juni 1937 gesagt? Der Ulmer Handelsvertreter, der für die Möbelfabrik Metzger unterwegs war, bestritt, diese Äußerung bei einem Firmenbesuch in Radolfzell gemacht zu haben. Indes, die Geschäftsinhaberin, die ihn denunziert hatte, blieb bei dem Vorwurf. Um den geschichtlichen Hintergrund zu verstehen: Hitler hatte am 31. Mai 1937 als Vergeltungsmaßnahme für die Bombardierung des deutschen Panzerschiffes „Deutschland“ die südspanische Hafenstadt Almeria beschießen lassen. Wegen „heim­-
tückischer Angriffe auf Staat und Partei“ wurde Strauss im April 1938 vom Sondergericht Mannheim zu einem Jahr Haft verurteilt, aber schon nach wenigen Wochen ins KZ Dachau, im September 1938 dann ins KZ Buchenwald transportiert.

Strauss, 1884 als uneheliches Kind geboren, absolvierte eine Kaufmannslehre und diente vier Jahre an der Front. Mit der jüdischen Religion hatte er nichts am Hut. 1919 heiratete er die nicht-jüdische Kriegswitwe Else Rosa Flach in Ulm und gründete ein kleines Handelsunternehmen, das er 1933 aufgab. Der Grund ist unklar, sagt Mark Tritsch, der zu Strauss recherchiert hat.

Nach der Deportation ihres Mannes ins KZ ließ sich Else Strauss überreden, die Scheidung einzureichen, um weitere Benachteiligungen für sich und Tochter Erika zu vermeiden. Damit verlor Strauss den Schutz durch die Mischehe. Am 14. Juli 1941 wurde er in die NS-Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein transportiert und am selben Tag in der Gaskammer ermordet.

Seine Witwe stellte 1947 einen Antrag auf Wiedergutmachung. Der Vertreter des Landes fand dafür klare Worte: Frau Strauss habe damit rechnen müssen, dass die Scheidung ihren Mann das Leben kosten würde. Sie müsse als „Mörderin ihres Mannes“ angesehen werden. Der Antrag wurde abgelehnt.

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