Trauer Schauspieler Jörg-Heinrich Benthien vom Theater Ulm ist tot

Er liebte das Theaterspielen: Jörg-Heinrich Benthien.
Er liebte das Theaterspielen: Jörg-Heinrich Benthien. © Foto: Theater Ulm
MAGDI ABOUL-KHEIR 12.07.2016
Völlig unerwartet ist am Theater Ulm der Schauspieler Jörg-Heinrich Benthien im Alter von nur 56 Jahren verstorben.

Fassungslosigkeit. Es ist das einzige Wort, das passt. Der Schock saß am Dienstag allen Menschen im Theater Ulm in den Gliedern, er war in allen Gängen des Hauses zum Greifen: Völlig überraschend war der so leidenschaftliche und wie beliebte Schauspieler Jörg-Heinrich Benthien am Vorabend gestorben.

Das Ensemble steckt dieser Tage in den Vorproben zu „Platonow“, Tschechows Drama soll die erste Schauspielpremiere der kommenden Spielzeit werden. Benthien war als Landarzt Nikolai Iwanowitsch besetzt und näherte sich der Figur mit der ihm eigenen Lust und Neugierde an. Und dann starb er während einer Probenpause, mit nur 56 Jahren. Am Donnerstag und Freitag hätte er wieder im Publikumserfolg „Wie im Himmel“ auf der Bühne stehen sollen, als Dirigent Daniel Daréus. Dass er in dieser Rolle in jeder Vorstellung auf der Bühne starb – ein schrecklicher Gedanke.

„Seine Kolleginnen und Kollegen sind fassungslos über die Lücke, die er hinterlässt“, sagt Pressesprecherin Susanne Lemke. Für Intendant Andreas von Studnitz war Benthien „ein langjähriger Weggefährte und ein Freund“. Verwaltungsdirektorin Angela Weißhardt ergänzt: „Es ist künstlerisch wie menschlich ein unfassbarer Verlust für uns.“

Benthien wurde 1960 in Hamburg geboren, er hat an der dortigen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studiert und in Saarbrücken und Lübeck Theater gespielt. In Ulm war er nun schon zum dritten Mal tätig: Er spielte 1993/94 unter Bernd Wilms, war dann im ersten Studnitz-Jahr 2006/07 in der „Orestie“ und in „Sweeney Todd“ zu sehen und nun seit 2012 erneut Ensemblemitglied. „Irgendwie war ich hier noch nicht fertig“, erzählte er, als er vor drei Jahren auf der Wilhelmsburg den Voigt in „Der Hauptmann von Köpenick“ gab. Und er mochte das Theater Ulm wirklich, „diesen Theaterklotz, der aussieht, als ob er vom Saturn gefallen wäre“.

Ganz eigene Blickwinkel, originelle Metaphern und individuelle Gedankenwege – das war typisch für Benthien, der auch ein sehr guter Musiker war. Er dachte gern in größeren Zusammenhängen, befragte und hinterfragte seine Umgebung, war diskutierfreudig, dabei aber charmant, gewinnend, zugewandt, humorvoll. „Jörg-Heinrich Benthien steht als Schauspieler und Mensch auf wunderbare Weise über den täglichen Kleinfrustanwandlungen“, sagte Andreas von Studnitz einmal. Das gefiel Benthien, aber: „Manchmal kann ich mich gut aus Sachen raushalten, manchmal gar nicht.“ Meinungsstark war er durchaus. Und hatte eine enorme Präsenz.

Intensiv wird er auch dem Ulmer Publikum in Erinnerung bleiben: etwa als Voigt, als Sweeney Todd, als Danton. Doch waren es nicht nur die Hauptrollen, in denen er glänzte. Der Mann mit den kurzgeschorenen grauen Haaren hängte sich rein – egal, wie groß oder klein die Rolle war. Er konnte frösteln machen und Seelen wärmen, er konnte irritieren und einfach spaßig sein. Und berühren: etwa in „Ghetto“, wo er den Bibliothekar Kruk als um Integrität ringenden, zugleich verlorenen Mann zeigte; oder als Autist in „Der gute Tod“. Als blinder Seher in „Die Bakchen“ zeigte er die Lust am Spiel im Spiel. Benthien hatte auch keine Angst vor Komödie und Klamotte, da holte er sich in „Herrengedeck“ die Lacher ab, zeigte in „Der nackte Wahnsinn“ feines Timing.

Seine Vielseitigkeit war in der aktuellen Saison erneut zu erleben, Benthien spielte in „Im Namen von“, „The Black Rider“, „Charleys Tante“, „Kasimir und Karoline“ und eben „Wie im Himmel“. Er ließ die Figuren, die Bühnencharaktere an sich heran. „Er stellt mir seine Blankheit zur Verfügung, und ich schenke ihm meine Fähigkeit zur Verwunderung“, sagte er etwa über den Voigt, „Wir beide haben uns mit der Zeit ganz gut kennengelernt.“

Ermüdet hat ihn die Theaterwelt nie, das Spielen war für ihn einfach „erfrischend“. Ja, auf der Bühne zu stehen, empfand Jörg-Heinrich Benthien sogar als befreiend. „Es ist doch nur Theater, mir kann nichts passieren!“, sagte er. „Wenn’s gutgeht, wird die Welt ein bisschen reicher, wenn nicht, macht es zumindest mich an Erfahrungen reicher.“

Für die Menschen am Theater Ulm und das Publikum aber ist die Welt nun ein Stück ärmer geworden.

„Wie im Himmel“ entfällt

Aufführungen Die beiden letzten Vorstellungen von „Wie im Himmel“ am Donnerstag und am Freitag, in denen Jörg-Heinrich Benthien die Hauptrolle gespielt hat, müssen ersatzlos entfallen. Wer Karten im freien Verkauf dafür erworben hat, kann sie an der Theaterkasse zurückgeben oder in einen Gutschein für einen Vorstellungsbesuch in der kommenden Spielzeit eintauschen.