Stadtplanung Scharfe Kritik an Plänen der Stadt für neuen Ulmer Busbahnhof

Die Stadt will den zentralen Busbahnhof (ZOB) auf elf Bussteige verkleinern.
Die Stadt will den zentralen Busbahnhof (ZOB) auf elf Bussteige verkleinern. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Frank König 05.10.2017
Baumeister-Knese erwartet „Chaos“ bei reduzierten Haltestellen. Das gehe voll zu Lasten des Regionalverkehrs. Das Rathaus hat Spielraum für einen Kompromiss.

Nun schlägt dem Rathaus mit Blick auf die Pläne für den Bahnhofsplatz auch seitens der Busunternehmer scharfe Kritik entgegen. Demnach will die Stadt den zentralen Busbahnhof (ZOB) auf elf Bussteige verkleinern, um auf Höhe Bahnhofssteg Platz für ein bisher nicht vorhandenes Gebäude in Anlehnung an den „Russischen Hof“ zu schaffen (wir berichteten). Die Busunternehmer, die mit der IHK ein eigenes Gutachterbüro eingeschaltet haben, kommen aber auf 23 notwendige Bussteige für täglich 20.000 Umsteigevorgänge. Allerdings könnte auch die Stadt 21 unterbringen.

Klaus Knese von Baumeister-Knese zeigte sich ratlos angesichts der erwarteten Reduktion des ZOB. Er rechnet bei der Umsetzung mit „Chaos, ganz einfach“. Er könne sich nicht vorstellen, wie das städtische Konzept funktioniert, das wegen der Knappheit der Bussteige ein „Slot Management“ einführen wolle – das also keine festen Bussteige für einzelne Linien mehr vorsieht, sondern den ankommenden Bussen entsprechende Plätze zuweist, ähnlich wie auf Flughäfen.

Der Geschäftsführer des Verbands baden-württembergischer Omnibusunternehmer, Witgar Weber, sagte im Haus der Wirtschaft: „Ich kenne ein solches System nirgendwo.“ Achim Reinalter vom gleichnamigen Busunternehmen in Laup­heim zweifelt das Konzept ebenfalls an: „Die Planung der Stadt wird nicht funktionieren, die Leidtragenden sind die Unternehmen und Fahrgäste.“ Reinalter fährt über die Holzstöcke und auch von Norden über die Alb nach Ulm. „Das trifft voll den Regionalverkehr.“

„Kreisklassen-Niveau“

Die Busunternehmer haben mit der IHK ein Gutachten beim Spezialbüro IGV in Stuttgart in Auftrag gegeben, das den ZOB ohne den Ersatzbau für den Russischen Hof konzipiert hat. Dabei sind also 23 Linien-Haltestellen für Busse verschiedener Längen herausgekommen plus vier zusätzliche Wartepositionen für Spitzenzeiten. IGV-Geschäftsführer Peter Sautter nannte das Slot Management „völlig unsinnig“. Er sagte, der ZOB werde nach den Plänen der Stadt kaum größer als in Geislingen und habe den Umfang des Busbahnhofs in Ditzingen mit 25 000 Einwohnern.

IHK-Verwaltungschef Otto Sälzle, der den Plänen der Stadt am Bahnhof insgesamt kritisch gegenüber steht, verdeutlichte die Dimension: „Das ist Kreisklassen-Niveau.“ Andere Städte konzipieren ihre Busbahnhöfe deutlich größer, für den Erhalt entsprechender Fördermittel sind nach den Worten Sautters zwingend Kapazitätsreserven erforderlich. So plant die IGV aktuell über 20 Haltestellen in Böblingen und etwa 30 für Ludwigsburg.

Sautter erwartet wesentlich mehr Nahverkehrsnutzer aus dem Ulmer Umland, wenn die schnelle ICE-Strecke erstmal in Betrieb ist und Berufstätige hier günstig wohnen und zum Arbeiten nach Stuttgart fahren. Sälzle rechnete vor, dass es regional bis 2030 etwa 30 000 Einwohner mehr gibt.

Seitens der Stadt ist Baubürgermeister Tim von Winning offen für den Endausbau des ZOB. Der Gemeinderat fällt zwar im November/Dezember eine Vorentscheidung über die Zufahrt auf das Gelände und somit auch die grundsätzliche Möglichkeit für den Neubau. Allerdings ändert sich die Fläche nicht. Bei einer etwas engeren Aufstellung der Halteplätze wären sogar 21 möglich. Das Slot Management wäre jedoch nur bei einer Minimallösung mit sieben Plätzen nötig, und außerdem digital. Letztlich werde der ZOB erst 2021 gebaut.

Seitens der Gegner sieht Sautter das Slot Management in jedem Fall kritisch, weil insbesondere ältere und behinderte Menschen feste Bahnsteige bevorzugen. Für den Experten isoliert das geplante neue Gebäude am Steg auch den ZOB und schafft vor allem nachts eine Gefühl der Unsicherheit. Weiterer Kritikpunkt, vor allem der Busunternehmer: Wenn die Busse in den ZOB einfahren, kreuzen sie den Weg der Busfahrgäste, die durch eine Passage im Neubau zum Bahnhof gehen. Das gebe Rückstaus in die dann außerdem auf eine Spur reduzierte Fahrbahn vom Zinglerberg her.

Auch die IHK Schwaben (Augsburg) wendet sich gegen das Ulmer Konzept, das aus Sicht von Peter Stöferle zur Unterbrechung von Busverkehren aus dem bayerischen Umland am ZUP in Neu-Ulm führen werde. Dies bewirke deutliche Fahrgastverluste.

1100 Busfahrten pro Tag

Gutachten Die alternative IGV-Studie zum ZOB Ulm wurde von den regionalen Busunternehmern, dem Verband Baden-Württembergischer Omnibusunternehmer (WBO, Böblingen), der IHK Ulm und der IHK Schwaben in Auftrag gegeben und im April bei einem Workshop erstmals der Stadtverwaltung vorgestellt – ergebnislos, wie Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle und Standortreferent Simon Pflüger erläuterten.

ZOB Anlass ist die von der Stadt geplante Verkleinerung des ZOB, um einen neuen Bahnhofsplatz herzustellen. Derzeit existiert der ZOB wegen der Baustellen nur als Provisorium. Früher hatte er 18 Halteplätze, 9 zusätzliche Ankunfts- und 4 Warteplätze, auch für Busfahrer, die alle vier Stunden zehn Minuten Pause machen müssen. Dafür könne man nicht zur Donauhalle runterfahren, sagte Bus­unternehmer Klaus Knese.

Haltestellen Knese und IGV-Experte Peter Schaffer betonten, dass zudem Halteplätze für den Schienenersatz-Verkehr vorgehalten werden müssen. So seien die elf von der Stadt geplanten Plätze deutlich zu wenig. Das Rathaus räume ein, dass es bei 15 Prozent der Abfahrten zu Konflikten bei der Haltestellen-Belegung kommt. Das geplante Slot-Management werde zu hohen Kosten führen – was die Stadt aber bestreitet.

Fahrten Am ZOB fahren täglich 550 Busse ein und aus, insgesamt also 1100 Fahrten. Vor allem in der Hauptverkehrszeit gegen 7.30 Uhr, in der viele Schüler in Ulm ankommen – und vielleicht auf einen Schlag 20 bis 30 Busse – muss es laut Knese über die Linien-Plätze hinaus zusätzliche Haltestellen geben. Nach den Worten Witgar Webers von Busverband werden 60 Prozent des ÖPNV per Bus abgewickelt.