Sport Erst rennen, dann denken: Schachpartie mit 16 Läufern

Christoph Mayer 08.05.2017

Neue Sportarten klingen gemeinhin cool,  heißen Kettleball oder Wakeboarding oder Speedminton.  Schach-Dauerlauf hört sich dagegen Asbach uralt an, riecht förmlich nach Turnvater Jahn. Ist aber falsch: Es ist die neueste Sportart weltweit  – dazu made in Ulm. Erfinder Elmar Braig, Jugendleiter beim Schachclub „Weiße Dame“ hat  zumindest vorher mordsmäßig gegoogelt. Er sagt, er hat nichts Vergleichbares gefunden auf dem Globus.

Ergo ist das, was da am Samstagnachmittag bei bestem Läuferwetter in der Friedrichsau abläuft,  eine brettharte Weltpremiere. Dauerlauf plus Schach im steten Wechsel. „Vielleicht gehen wir als die größten Spinner aller Zeiten in die Geschichte ein“, unkt Braig, als er kurz nach 14 Uhr das Startsignal gibt, worauf sich die 16 gemeldeten Teilnehmer aus Ulm und Umgebung – Startgebühr zwei Euro – zum ersten von insgesamt zehn 700-Meter-Läufen anschicken.

Das Reglement ist fix erklärt. Nach getaner Laufrunde  zum Ausee und zurück setzt sich der erste Ankömmling an einen der vier Biertische, auf denen insgesamt acht Schachbretter aufgebaut sind. Er darf sich die Farbe aussuchen. Der nächste Spieler, der ankommt, muss gegen ihn spielen. Und so weiter. Der Dritte gegen den Vierten, der Fünfte gegen den Sechsten . . .

Erst wenn beide Spieler am Brett sitzen und sich mit Handschlag begrüßt haben, wird die Schachuhr mit den beiden Zifferblättern gedrückt. Wer am Zug ist, dessen Zeiger tickt.  Die Blitzpartie, bei der jeder Spieler insgesamt fünf Minuten Bedenkzeit hat, läuft. Es geht Schlag auf Schlag. Johann Ilg vom Schachclub Dietmannsried etwa rochiert, sein schwarzes Pferd kickt den weißen Bauer seines Gegners Robert Mierzwa vom Feld. Der revanchiert sich mit einer Damenattacke. „Mit hängender Zunge wird nachgedacht“, kommentiert der Schiedsrichter am Mikrophon das Geschehen. Auch nebendran rauchen jetzt die Köpfe. Elmar Braig seufzt „Oh nein“. Er hat ausgerechnet das Vereinskäpsele Frank Fleischer als Gegner bekommen. Der hat zwar ein kleines Bäuchlein, auf der Rennstrecke ein Malus. Aber dafür Treibstoff im Gehirn. Nach einem Dutzend Zügen ist Sense: „Ich bin technisch tot“, sagt Braig und kapituliert.

Eine Partie ist entschieden, wenn einer Matt gesetzt ist. Oder aufgibt. Oder seine fünf Minuten verbraucht hat, während sein Gegner  noch ein bisschen was vom Zeitkontingent übrig hat. Das Gemeine: Der Sieger darf zur nächsten 700-Meter-Laufrunde durchstarten. Der Verlierer muss sitzen bleiben, das Spielbrett neu aufbauen, und warten, bis der nächste Mitspieler  eintrudelt. Gegen den er dann spielt.

Zumindest eines scheint zu diesem Zeitpunkt klar zu sein. Schach ist eben doch Sport. „Wir werden ja oft belächelt. Wir wollen zeigen, dass ein fitter Geist und ein fitter Körper sich nicht ausschließen“, sagt Vereinsvorsitzender Franz Schmid.

Vor allem geht es den Denksportlern aber um Spaß. Konzentriert sind alle, aber keiner nimmt die Sache zu bierernst. Dazu passt, dass die auf den Sportdress aufgeklebten Teilnehmernummern auf Zewa-Wisch-und-Weg-Papier geschrieben sind. Und als Siegprämie winken Essensgutscheine vom Biergarten Teutonia.

Gleichwohl hat es der Schach-Dauerlauf in sich. Man sieht die Anspannung den Teilnehmern nach jeder Runde ein bisschen mehr in ihren Gesichtern an.  „Schnell laufen, schnell beruhigen, schnell denken“, umreißt einer zwischen zwei Zügen, worauf es ankommt.

Am besten kann das offenkundig Peter Oesterle. Um 15.58 Uhr passiert er nach seiner zehnten Laufrunde die Ziellinie und ist damit amtierender Weltmeister im Schach-Dauerlauf. Der Hammer: Der Mann ist nicht mal Mitglied in einem Schachclub. Aber Anfang der 90er Jahre sei er immerhin Ulmer Schach-Stadtmeister gewesen, sagt der Ulmer Allgemeinmediziner, der auch passionierter Läufer ist. Was er am Schwierigsten fand? „Das Laufen immer wieder zu unterbrechen und neu durchzustarten.“