Ulm/Barcelona Sagrada Familia in Barcelona wird Ulm die Weltspitze nehmen

Ulm/Barcelona / VERENA SCHÜHLY 28.05.2015
Seit 133 Jahren wird an der Sagrada Familia in Barcelona gebaut. Wenn sie dereinst fertig ist, wird sie 172,50 Meter hoch – und das Ulmer Münster um elf Meter überragen.

Antonio Gaudi ist seit 89 Jahren tot, dennoch gibt er für den aktuellen Chefarchitekten der Sagrada Familia in Barcelona die Leitlinien vor. „Wir arbeiten mit Gaudi zusammen“, sagt Jordi Fauli. „Das heißt: Wir folgen den Ideen, die Gaudi in seinen Modellen hinterlassen hat, und interpretieren sie mit unseren heutigen technischen Möglichkeiten.“ Seit 133 Jahren wird an der Kirche gebaut. Wenn sie dereinst fertig ist, wird sie 172,50 Meter hoch – und das Ulmer Münster um elf Meter überragen.

Schon als Baustelle fasziniert die Sagrada Familia Menschen aus aller Welt. Gaudi (1852 bis 1926) hat seine Kirche in einer Formensprache entworfen, die einem den Atem verschlägt. Ihre Wurzeln liegen im Modernismus, wie die katalanische Variante des Jugendstils heißt. Außerdem hat der Katalane den großen Wurf gewagt: Die Sagrada Familia wird nicht einen Turm haben oder zwei – sondern 18 Stück. Die aufragenden Spitzen hat er angeordnet wie eine Pyramide, mit dem höchsten Turm im Zentrum.

Acht Türme sind inzwischen fertig. Jordi Fauli ist als Chefarchitekt Leiter des technischen Büros, in dem 40 Leute den Baufortschritt planen. Der 56-Jährige beschäftigt sich Zeit seines Berufslebens mit Gaudi und dessen Werk: Er hat seine Doktorarbeit über die Säulen und Gewölbe der Sagrada Familia geschrieben, ist im technischen Büro seit 1990 tätig und steht seit 2012 an der Spitze. Der eigenwillige Gaudi hat in seinen Entwürfen an vielen Stellen die konkrete Bauausführung ausdrücklich seinen Nachfolgern überlassen.

Seiner Zeit weit voraus war Gaudi auch in anderer Hinsicht. Die Sagrada Familia ist eine Sühnekirche, sie wird ausschließlich über Spenden und Eintrittsgelder finanziert – eine andere Form der Ulmer Bürgerkirche. Weder die Amtskirche noch der spanische Staat zahlen mit. Der offizielle Name lautet: Temple Expiatori de la Sagrada Familia, übersetzt Sühnekirche der Heiligen Familie.

Um die Menschen von seiner Idee zu begeistern, hat Gaudi einen ungewöhnlichen Weg gewählt. Er begann nicht einfach mit dem Gotteshaus, um am Schluss die Fassaden zu gestalten. Stattdessen hat er zuerst eine der drei Prachtfassaden hingestellt. So steht auf Fotos aus den 1920/30er Jahren die opulent gestaltete Geburts-Fassade mit ihren vier konisch zulaufenden Glockentürmen und mosaikgeschmückten Spitzen wie eine Filmkulisse mitten im Nichts, weil der Kirchenraum dahinter noch nicht existiert. Dieser wurde erst Mitte der 1980er Jahre begonnen und 2010 abgeschlossen.

Gegenüber der üppigen Ost-Fassade, in der sich Gaudis Faszination für die Natur und die Vielzahl ihrer Lebensformen ausdrückt, ist im Westen die Passions-Fassade. Sie bildet karg, herb und schnörkellos das Drama vom Leiden und Tod Jesu ab. Die Skulpturen stammen vom katalanischen Bildhauer Josep Maria Subirachs (1927 bis 2014).

An der Prachtfassade im Süden, von Gaudi der Herrlichkeit gewidmet, haben die Arbeiten noch nicht mal begonnen. Sie steht als nackte Betonwand da.

Vom technischen Büro angeleitet, ziehen rund 200 Arbeiter die Baustelle hoch. Weitere 70 fertigen in einer Werkstätte außerhalb Barcelonas einzelne Elemente vor. Fauli: „Wir können dort vorher prüfen, wie gut die Elemente zusammenpassen. Das macht die Arbeit an der Sagrada Familia sicherer und schneller.“ Vorgefertigt werden Teile aus Beton, aber auch aus Fiberglas und Polyester, beispielsweise für die Kuppeln des Dachgewölbes.

43 Jahre lang hat Antonio Gaudi an der Sagrada Familia gewirkt, die letzten zwölf Jahre hat er sogar auf der Baustelle gelebt. Er hat sämtliche Proportionen in einem Raster von 7,50 Metern entwickelt, was dem Innenraum eine wunderbare Harmonie gibt und an der höchsten Stelle zu himmelsstürmenden 75 Metern wird. Die Säulen verästeln sich wie die Zweige von Bäumen. Oberlichter lassen die Decke wie einen Blätterwald an einem sonnigen Tag wirken. Gaudi selbst wollte einen „Tempel des harmonischen Lichts“ schaffen, sagt Fauli.

Dazu tragen auch die Kirchenfenster von Joan Vila-Grau bei. Sie erzeugen intensive, farbsatte, fast magische Lichtstimmungen und Reflexe auf den unterschiedlichen Oberflächen der Säulen, die manchmal anmuten wie unter Wasser.

Gaudi plante 18 Türme: Jede der drei Fassaden hat vier Glockentürme, von denen die mittleren höher sind (98 und 112 Meter) – macht zwölf Türme. Weitere vier entstehen an den Ecken der Kreuzung von Längs- und Querschiff, sie werden den Aposteln gewidmet (135 Meter). In deren Mitte wird sich der Jesus-Turm mit 172,50 Metern und einem vierarmigen Kreuz erheben. Über der Apsis soll der Turm der Gottesmutter Maria (135 Meter) aufragen. Dessen Beton-Fuß wirkt derzeit wie der Kühlturm eines Kraftwerks. Später wird davon nichts mehr zu sehen sein: Alle Betonteile werden mit Naturstein, Ziegel oder Mosaiken aus Murano-Glas verkleidet.

Das Sühne-System funktioniert, berichtet Fauli: So hat beispielsweise ein Mann aus Mexico, dessen Großvater aus Katalonien stammte, einen der Glockentürme der Passions-Fassade gespendet. Auch die Besucher bringen Geld: 2014 kamen 3,2 Millionen Besucher. Der Jahresetat betrug 25 Millionen Euro. Das sieht Fauli im Sinne Gaudis: „Die Sagrada Familia ist das Werk der Menschen für die Menschen.“ Alles ist zur selben Zeit möglich: Bauarbeiten, Besichtigungen und Gottesdienste.

Laut Fauli sind aktuell 65 Prozent der Kirche fertig. Gelbe Baukrane überragen die acht fertigen Türme. Allenthalben ertönt Baulärm, an vielen Stellen sperren Gerüste und Netze Bereiche ab. Im Lauf von dieses Jahres möchte das technische Büro die Passions-Fassade und die westliche Sakristei fertigstellen. Dann könnten sie 2016 mit den zentralen Türmen beginnen. Offizieller Termin für die Fertigstellung ist 2026 – zum 100. Todestag Gaudis.

Wie realistisch ist das? „Das ist schwer zu sagen“, windet sich Fauli ein wenig. „Bei der derzeitigen Finanzlage wäre es möglich.“ Ziel ist es, bis 2026 zumindest die Türme zu vollenden. „Das Ensemble der 18 Türme wird atemberaubend“, davon ist der Chefarchitekt überzeugt. Und dann wird Ulm seine Spitzenposition des höchsten Kirchturms der Welt räumen müssen.

 

Meilensteine der Baugeschichte der Kirche

  • 1874 Josep M. Bocabella, Besitzer einer religiösen Buchhandlung in Barcelona, beschließt, in seiner Heimatstadt eine große, nur durch Spenden finanzierte Sühnekirche zu bauen.
  • 1882 Grundsteinlegung für eine dreischiffige neugotische Basilika, Beginn Bau der Krypta.
  • 1883 Nach einem Zerwürfnis mit dem bisherigen Planer übernimmt Architekt Antonio Gaudi im Alter von 31 Jahren die Verantwortung.
  • 1885 Gaudi legt ein neues Konzept für die Kirche vor mit nunmehr fünf Schiffen und 18 Türmen. Er rechnet mit einer Bauzeit von 200 Jahren.
  • 1892 Beginn Bau der Geburts-Fassade (Ostseite).
  • 1926 Tod Gaudis, nachdem der 73-Jährige auf dem Weg zur Baustelle von der Straßenbahn erfasst wurde. Er wird in der Krypta der Sagrada Familia beigesetzt.
  • 1935 Vollendung der Geburts-Fassade mit vier Glockentürmen.
  • 1936 Im spanischen Bürgerkrieg kommt es zu einem Brand in der Werkstatt, bei dem Gaudis Originalzeichnungen und Gipsmodelle schwer beschädigt und teilweise zerstört werden. Bis zu deren Rekonstruktion 1950 ruht die Baustelle.
  • 1954 Beginn Bau der Passions-Fassade (Westseite).
  • 1977 Vollendung Passions-Fassade mit vier Glockentürmen.
  • 1986 Die Fundamente für das Hauptschiff werden gelegt.
  • 1996 Beginn Bau der Gewölbe des Hauptschiffs.
  • 2005 Sagrada Familia wird in die Unesco-Weltkulturerbe-Liste aufgenommen.
  • 2010 Dach des Hauptschiffs wird geschlossen. Papst Benedikt weiht die Kirche.
  
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