Gesprächsabend Russlanddeutsche wollen raus aus der Isolation

OB Czisch im Bürgerzentrum Wiblingen im Gespräch mitrussischsprachige Ulmern.
OB Czisch im Bürgerzentrum Wiblingen im Gespräch mitrussischsprachige Ulmern. © Foto: Könneke
Ulm / Ulrike Schleicher 15.09.2017
Die Stadt will den Kontakt zu den Russlanddeutschen intensivieren und hat zu einem Gesprächsabend eingeladen. Dort wurde über Vorurteile und Probleme gesprochen.

Man kennt sich nicht. Obwohl die Menschen zum Teil schon vor Jahrzehnten eingewandert und ihre Kinder und Enkel hier geboren sind. Die Rede ist von den Deutschen aus russischsprachigen Ländern. Viele von ihnen leben in Wiblingen. Dort hat ihnen Oberbürgermeister Gunter Czisch zusammen mit drei Stadträten am Donnerstagabend einen Besuch abgestattet. Dekan Ulrich Kloos moderierte.

Das Treffen im Bürgerzentrum fand unter dem Motto „Wir sind für Sie da“ statt. Czisch sagte, er wolle den Slogan mit Inhalt füllen und sei keineswegs da, „weil jetzt Bundestagswahlen sind wie manche behaupten“. Damit bezog sich der OB auf die Ergebnisse der Landtagswahlen 2016. Wiblingen war dort mit 21,5 Prozent eine Hochburg der AfD.

Missverständnisse ausräumen

„Die Stadt will Heimat für alle sein.“, sagte Czisch. Dem Gemeinderat und ihm sei aufgefallen, dass man über die Menschen aus russischsprachigen Ländern nicht viel wisse. Das wolle man ändern. Aus mehreren Gründen: um gegenseitige Missverständnisse und Vorurteile auszuräumen, um „ihre Sorgen und Nöte zu hören“, aber auch, „um mehr Engagement und Teilhabe am Leben in der Stadt einzufordern“.

Was die Sorgen betrifft, so beklagte eine Frau sich bitterlich über den Zustand eines UWS-Gebäudes in der Biberacher Straße, das zwar renoviert worden sei. Dies aber denkbar schlecht. Neben anderen Problemen sei das „Haus durch und durch nass“. Wasser stehe auf den Treppen, an den Fenstern und wenn es regne innen im Eingangsbereich. Weil der Aufzug kaputt sei, müssten alte Menschen aus den obersten Stockwerken mitsamt Rollator auf den rutschigen Treppen nach unten: „Das ist unzumutbar.“

Kommunikationsprobleme?

„Wir wissen um die Probleme dort“, antwortete Stadträtin Dagmar Engels (SPD). Der Gemeinderat habe deshalb mit der UWS bereits Gespräche geführt. „Dass das so drastisch ist, ist allerdings neu.“ Offenbar lasse die Kommunikation mit der Wohnbaugesellschaft zu wünschen übrig – „da müssen wir wohl nochmal ran“.

Mehrere Mütter forderten eindringlich Renovierungsmaßnahmen an der Sägefeldschule. „Unsere Kinder müssen bei jedem Wetter nach draußen, wenn sie auf die Toilette müssen.“ Nicht nur Wind und Wetter, auch der lange Weg sei besonders für die Grundschüler eine große Hemmschwelle. Die ganze Schule sei seit Jahren dringend renovierungsbedürftig. Czisch verwies darauf, dass viele Schulen in die Jahre gekommen seien und man derzeit aus Kapazitätsgründen nicht dazu komme, „alles abzuarbeiten“. Das gelte auch für das Schulzentrum in Wiblingen.

Wunsch nach einem Treffpunkt

Im Zentrum des Gesprächs, das in dieser Form erstmals stattfand, stand jedoch der Wunsch der Menschen nach einem Treffpunkt. Säle für Veranstaltungen könne man in Wiblingen mieten, sagte Viktoria Burghardt, Vorsitzende der Deutschen Landsmannschaft, „aber wir brauchen dringend eine Anlaufstelle für Leute, die unsere Hilfe benötigen. Neuankömmlinge etwa.“ Auch Roman Pfeifle von der Bruderschaft Russland unterstrich das Bedürfnis, „hier seine Kultur in Form von Tänzen, Gesang und Religion zu leben“.

Eine junge Frau fragte, warum Gruppen wie Muslime oder die jüdische Gemeinde eigene Gemeindehäuser hätten – „und wir haben eine Minikirche und nichts weiter“. Die Stadt solle auch den Russlanddeutschen kostenlos einen Raum zur Verfügung stellen. „In Ulm bekommt kein Verein einen Raum kostenlos“, stellte Grünen-Stadtrat Michael Joukov, selbst mit russischen Wurzeln und in Wiblingen wohnhaft, klar. Und die Religionsgemeinschaften hätten ihre Gebetshäuser aus eigener Tasche finanziert.

Dass die Stadt bereit ist, die Menschen bei ihrem Anliegen zu unterstützen, machten Czisch und die Stadträte klar: „Kommen Sie mit Ihren Ideen zu uns.“ Erfülle man bestimmte Voraussetzungen, könne man Fördertöpfe anzapfen. Ändern wollen auch die Russlanddeutschen etwas. „Nach 27 Jahren Landsmannschaft in Ulm ist es an der Zeit, dass nächsten Schwörmontag ein Boot von uns auf der Donau mit schwimmt“, sagte Viktoria Burghardt und forderte alle auf, „künftig am Leben in der Stadt teilzunehmen“.

Auch eine Frage der Mentalität

Viele der Menschen aus Russland bleiben lieber unter sich. Deshalb tun sich einige schwer mit Deutsch. Dafür schämen sie sich, was dazu führt, dass sie erst recht nicht Deutsch sprechen, sagt Viktoria Kurnosenko von der Internationalen Stadt. „In Russland herrscht ein gewisser Perfektionismus. Wenn man eine Sprache nicht richtig beherrscht, hält man lieber den Mund.“