Menschenhandel Rotlichtmilieu entlang der Donau

Wie bekommt man Menschenhandel in den Griff? Darüber sprachen Experten, Betroffene und das Ulmer Frauenbüro.
Wie bekommt man Menschenhandel in den Griff? Darüber sprachen Experten, Betroffene und das Ulmer Frauenbüro. © Foto: dpa
Ulm / Giulia Papke 14.07.2018

Die Ware Mensch wächst ständig nach.“ Auf diese Aussage von Manfred Paulus, Erster Kriminalhauptkommissar a. D., folgte bei den Gästen völlige Stille. Mit seinem Vortrag zu Menschenhandel und Sexsklaverei entlang der Donau, leitete der Experte am Donnerstagabend in die Thematik der organisierten Kriminalität ein. Rund 200 Gäste nahmen an der Informationsveranstaltung des Frauenbüros der Stadt Ulm im Großen Saal der Volksbank teil, etwa doppelt so viele, wie erwartet.

Der große Andrang ist ein Zeichen dafür, dass das Thema im Rahmen des Donaufestes genau richtig positioniert ist. In Ulm gibt es 22 offiziell gemeldete Bordelle, ein Großteil der Prostituierten kommt aus osteuropäischen Ländern, wie auch die meisten Opfer von Menschenhandel. So genannte ‚Helfer’, die Kinder und Frauen aus Osteuropa nach Deutschland bringen, locken mit Jobs in der Gastronomie oder im Modelgeschäft.

„Die erste Lektion, die ihnen beigebracht wird ist die des Verrats. Wer sich schuldig fühlt, geht nicht zur Polizei“, sagt Paulus. Wie viel Einfluss die Polizei im Rotlichtmilieu hat und für wie viel Sicherheit sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten sorgt, wurde in der an den Vortrag anschließenden Diskussionsrunde zum großen Thema. „Es hilft nicht, wenn der Polizist, der die Kontrolle durchführt, vor 30 Minuten noch selbst als Freier bei einem war“, behauptet die Aussteigerin Susann Müller.

Gerade einmal 20 Jahre alt war sie, als sie sich aus einer finanziellen Notlage heraus prostituierte. „Es hilft vielen Frauen, wenn sie sehen, dass die Polizisten kein positives Verhältnis zu den Zuhältern pflegen. Ich kenne aber persönlich keine Prostituierte, die sich jemals an die Polizei gewendet hat. Oft wird ihnen zu viel Angst eingejagt.“

Fünf Jahre hat sie in verschiedenen deutschen Städten gearbeitet und dabei die Erfahrung gemacht, dass viele Frauen im Rotlichtmilieu – wie sie selbst auch – in ihrer Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erfahren haben. Heute ist die Aussteigerin für ELA – Beratung für Frauen in Prostitution – tätig und setzt sich gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution ein. Sie machte die Erfahrung, dass das Schwierigste am Ausstieg nicht das eigentliche Entkommen ist, sondern der Wiedereinstieg in das normale Leben. „Wenn man anfängt, wird einem die Hand gereicht und viel geholfen. Aber steigt man aus, wird man komplett ausgestoßen“, erklärt die Aktivistin. Zwangsprostituierte kämpfen zusätzlich mit der  sprachlichen Barriere, großen kulturellen Unterschieden und sind hierzulande allein. Bis sie einer Person ihre Lebensgeschichte anvertrauen und erzählen, dass sie unfreiwillig im Bordell arbeiten, braucht es ausreichend Zeit. Die Kontrolle der Anmeldepflicht und ein Rundgang durch das Haus bietet diese nicht.

Das Bordell Europas

Deutschland bietet nach den Worten von Paulus der organisierten Kriminalität eine Plattform, wie kein anderes westliches Land und hat europaweit das liberalste Prostitutionsgesetz, woran auch die Novellierung von 2017 nichts geändert hat. Heutzutage gebe es Anlaufstellen und Hilfsorganisationen, an die sich Prostituierte wenden können und die Polizei führe regelmäßige Kontrollen in den gemeldeten Bordellen durch, doch sei dem Menschenhandel und der organisierten Kriminalität noch lange nicht genügend der Kampf angesagt – vor allem auf bundesweiter Ebene. Ein mögliches Vorbild biete das seit 1999 in Schweden geltende „Nordische Modell“, nachdem der Sexkauf, also der Freier, für seine Taten bestraft wird und nicht die Prostituierte.

Das Ulmer Bündnis gegen Menschenhandel

Geschichte 2009 wurde das Ulmer Bündnis gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution gegründet und verfolgt mit seinen acht Mitgliedern seither das Ziel, dieses Thema auf mehreren Ebenen aufzugreifen. Das Bündnis engagiert sich auch vor Ort und sorgt dafür, dass sich die Politik entlang der Donau damit beschäftigt.

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