Ulm Rockabilly: Es leben die 50er!

YASEMIN GÜRTANYEL TOMMY TUCKERS 13.07.2013
Coole Musik, schöne Kleider, schnelle Autos - das alles ist Rockabilly. Für viele Menschen ist er auch heute Lebensgefühl - auch wenn statt des Cadillacs schon mal ein Fahrrad herhalten muss.

"Put on your red dress, baby Lord, were goin out tonight . . . put on your high heel sneakers, wear your wig-hat on your head"

Schöne Kleider, hochhackige Schuhe, Perücken, Ausgehen und Tanzen - Tommy Tuckers Rockabilly-Klassiker "High Heel Sneakers" ist nicht umsonst zigfach gecovert worden von Musikern wie Jerry Lee Lewis, Elvis Presley, Carl Perkins, den Rolling Stones oder Chuck Berry. Denn er bringt auf den Punkt, worum es beim Rockabilly, einer Spielart des Rock n Roll, außer der Musik auch geht: das Lebensgefühl, den Style. Beides fasziniert heute noch genauso wie in den 50ern, als der Rockabilly aus einer Mischung aus Rhythm n Blues, Country und Pop in den Südstaaten der USA entstanden ist.

"Man fühlt sich ganz anders in so einem Kleid - schön und weiblich", sagt Elke Kastner, Inhaberin des Modelädchens "Der Rabe" und gleichzeitig großer Rockabilly-Fan. Wobei: "Ich bin keine Rockabella!", betont sie. Es gebe durchaus zahlreiche Menschen, die die Sache "Rockabilly" noch viel ernster nehmen als sie. "Die leben ihn richtig", sagt sie. Sprich: Sie tragen ein Kleid, wie es Elke Kastner gerade an hat - beiger, gestärkter Stoff, Blumenmuster, sexy -, nicht nur manchmal oder zu Anlässen wie dem "Rhythm Rumble", der gerade in Ulm stattfindet. Sondern immer. Beziehungsweise, die Männer haben immer Pomade im Haar und tragen Anzug, oder, je nach Auffassung, Lederjacke.

"Das wäre mir zu anstrengend", sagt Elke Kastner. "Außerdem bin ich viel zu wild, um so ein Kleid ständig zu tragen." Aber es ist auch nicht so, dass Rockabilly für sie nur eine Verkleidung ist, die sie hin und wieder anlegt. Seitdem sie vor rund fünf Jahren die Ulmer Band "Alley and the Gators" hört und Musik und Style sie restlos begeisterten, hat der Rockabilly auch von ihrem Leben Besitz ergriffen. Was sich nicht nur in dem Tattoo zeigt, das sie am Unterarm trägt.

Stolz führt Elke Kastner ihr Original-Fifties-Fahrrad vor: Es ist mit seinem Türkis-Metallic-Lack, Ledersattel und Windhund als Spoilerfigur sozusagen der Cadillac unter den Rädern. Gefunden hat sie es über Ebay: "Das hat der Oma der Familie gehört, die hat sich gefreut, dass es jemand weiter benutzt."

Auch ihre Wohnung ist mit Accessoires und Möbeln aus den 50ern gefüllt. Ein Schmuckstück ist die Küchenanrichte, die sie vor zwei Jahren aus dem Keller eines Bekannten "gerettet" hat. Daneben steht ein Servierwagen, den Elke Kastner auf einem Flohmarkt auf dem Rockabilly-Weekenders in Walldorf fand.

Solche Flohmärkte, wie es ihn auch morgen auf dem Ulmer Weekender gibt, sind für Rockabilly-Fans Fundgruben, um sich mit Kleidern, Schuhen, Möbeln einzudecken. Sebastian Swoboda, genannt Swob, hat einen Großteil der Einrichtung seiner Fifties-Bar "Swobsters" auf Flohmärkten zusammengesucht - einiges stammt aber auch wie bei Elke Kastner aus den Kellern von Großeltern Bekannter.

Nierentischchen, Sessel, Deko, sogar ein alter Plattenspieler und ein Radio - beides allerdings nicht mehr funktionstüchtig - geben der Bar Feeling, als seien die Fifties eben erst gewesen. Wobei Swob die Sache eher locker sieht: "Ich lege hier schon auch Platten auf, aber wenn viele Gäste da sind, schalte ich den Laptop an, das geht nicht anders." Zwischen die Original-Rockabilly-Songs kann sich dann auch mal ein Song von The Clash mischen. Wofür er allerdings von einigen Gästen auch Kritik ernte. Aber im Grunde sei die Szene sehr locker und entspannt, meint er. "Das finde ich ja auch so toll, die Leichtigkeit, das Gemeinschaftsgefühl."

Das Wichtigste ist und bleibt aber natürlich die Musik, schließlich sammelt Swob nicht nur Platten und CDs, sondern spielt auch Gitarre in der Rockabilly-Band "The Bombs". Zuvor hatte er "The Cash" mitbegründet, die sich allerdings auf Cover-Versionen von Rockabilly-Songs beschränkt hatten - was Herausforderung genug war, sagt Swob, denn was sich locker und leicht anhört, ist nicht unbedingt leicht zu spielen.

Und auch wenn weder Swob noch Elke Kastner "richtig tanzen können", wie sie einräumen - der Tanz gehört natürlich unabdingbar zur Musik dazu. "Meine Freundin und ich geben uns aber Mühe", sagt Swob. Elke Kastner beschränkt sich auf "Freestyle". "Echte Rockabellas bewahren ja immer Haltung und tanzen sogar in hochhackigen Schuhen", fügt sie hinzu. Ganz wie im Song "High Heel Sneakers", eben.