Ulm Ricardas unbeugsame Tochter

Kampf der Atomkraft: Jutta Schwerin (damals Oesterle-Schwerin) im Wahlkampf 1987 in Ulm. Foto: Archiv
Kampf der Atomkraft: Jutta Schwerin (damals Oesterle-Schwerin) im Wahlkampf 1987 in Ulm. Foto: Archiv
Ulm / HANS-ULI THIERER 18.08.2012
Sie lebt in Berlin, ist vielen Ulmern in Erinnerung: Jutta Schwerin. Ihre Autobiografie handelt vom Leben zwischen Israel und Deutschland.

Dass die CDU streitet über die steuerliche, letztlich also die finale gesellschaftliche Gleichstellung schwuler Lebensgemeinschaften, dürfte Jutta Schwerin mit Genugtuung erfüllen. War sie es doch in den späten 80er Jahren, die - damals noch unter ihrem Ehe-Doppelnamen Oesterle-Schwerin, aber längst als bekennende Homosexuelle - im Bundestag (West) mit einem Tabu brach: Unter reichlich konservativer Empörung führte sie die Begriffe "Schwule" und "Lesben" ein im hohen Haus.

Auch ihre im Lauf des Lebens veränderte Sexualität spielt eine Rolle in "Ricardas Tochter". So heißt ihre Autobiografie. Jutta Schwerin ist also selber die Titelfigur, Tochter von Heinz Schwerin und Ricarda Meltzer, jüdischen Studenten, die sich in Dessau kennen lernten, die auch die schon gewaltsamen ersten Nazi-Jahre in Deutschland durchmachten, die dann aber früh - 1935 - nach Palästina auswanderten und womöglich nur deshalb dem Holocaust entgingen. In Jerusalem kam 1941 Tochter Jutta auf die Welt.

"Ricardas Tochter" erzählt nüchtern in großen Zeitabschnitten aus dem "Leben zwischen Deutschland und Israel", wie der Untertitel heißt. Dieses Leben voller Brüche und Neuanfänge schildert sie unsentimental, vor allem ohne den anklagenden Ton, der einer Autorin wie ihr ja durchaus zustünde. Ordentlich Raum nimmt auf den unlarmoyanten, doch gerade deswegen charmanten 320 Seiten ihre Ulmer Zeit ein, in der Jutta Schwerin als Politikerin und Stadträtin erst für die SPD aktiv war, dann für die Grünen, schließlich als Bundestagsabgeordnete. Obwohl kaum vier Jahre im Bonner Parlament, wurde sie legendär wegen ihres Zwischenrufs anlässlich der missglückten Rede Philipp Jenningers zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht, über die der Bundestagspräsident fiel.

Unvergessen (Oesterle-) Schwerins unbeugsames Abschiedswort aus dem Ulmer Gemeinderat: Der damalige OB Ernst Ludwig hatte kurz zuvor erklärt, mit den Grünen sei kein Staat zu machen. Dies konterte die Grüne: "Der Staat kann mit uns in der Tat nicht alles machen."

Jutta Schwerin "Ricardas Tochter", Spector Books Leipzig, 320 Seiten mit 65 Fotografien, Leinen, 19,90 EUR.

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