Politik und Jugendbuch? Diese beiden Wörter werden nur selten von Autoren in einem Satz verwendet. Statt für realitätsbezogene, sozialkritische Literatur interessiert sich die Jugend meistens für das Gegenteil: Fantasiewelten mit hoch komplexen Handlungen, möglichst in nicht enden wollenden „Serien“ konzipiert, stehen und standen schon immer hoch im Kurs.

Mit dem Buch „Endland“, das der Autor Martin Schäuble beim Leseherbst der Klassen 9 und 10 im Schubart-Gymnasium in Ulm vorgestellt hat, hat dieser das genaue Gegenteil geschaffen: einen gut recherchierten, politischen Jugendthriller, der tagesaktueller nicht sein könnte.

Überraschende Wendungen

In einer düsteren Utopie stellt er sich die Frage, was wäre, wenn in Deutschland eine nationalistische Partei („Die nationale Alternative“) die Regierung stellen würde. Die Handlung geht von zwei Hauptpersonen aus: dem Deutschen Anton, der als wehrpflichtiger Grenzschützer Flüchtlinge davon abhalten soll, nach Deutschland zu kommen – und auf der anderen Seite des Grenzzauns der Äthiopierin Fana, die vor der großen Armut in ihrem Heimatland flieht. Natürlich verflechten sich die Schicksale und die Geschichte nimmt einige überraschende Wendungen, was sie nicht langweilig werden lässt.

Dem Inhalt entsprechend verlief die Lesung im Musiksaal anders als gewohnt – wenn man überhaupt von „Lesung“ sprechen kann, denn gelesen wurden nur drei kürzere Textstellen aus dem Roman. Den Großteil der 90 Minuten zeigte Martin Schäuble Fotos und erzählte von seiner Recherche in Äthiopien und Deutschland. Beteiligung der Schüler war erlaubt, sogar erwünscht. „Fragen nicht am Ende stellen, sondern sofort, wenn sie auftauchen!“, hieß es am Anfang. So wurde aus der erwarteten „Vorlesestunde“ eine rege politische Diskussion.

Das Faszinierende und zu gleich Erschreckende an dieser Utopie ist letztendlich, dass sie, 2016 fertiggestellt, durch zahlreiche in die Handlung eingebaute reale Ereignisse und durch einige Voraussagen, die in der Zwischenzeit – für so unwahrscheinlich man es halten möchte – wahr geworden sind, gar nicht mehr wie eine solche wirkt. Sie könnte vielmehr ein durchaus realistisches Szenario darstellen.

Alles in allem ist das Buch äußerst lesenswert – nicht nur für Leute, die sich für Politik interessieren. Es kostet 15 Euro und sollte in fast jedem Buchladen erhältlich sein.

Info Zum alljährlichen Leseherbst am Schubart-Gymnasium werden bekannte und weniger bekannte Autoren eingeladen, um vor einzelnen Klassenstufen aus ihren Werken vorzulesen.