Ulm Regionalleiter der Caritas Ulm geht in den Ruhestand

Immer schon morgens um 6 Uhr sitzt der "notorische Frühaufsteher" Wolfgang Pohl am Schreibtisch. Die viele Zeit, die er bislang in sozialpolitischen Gremien absitzt, wird er im Ruhestand anders nutzen. Foto: Lars Schwerdtfeger
Immer schon morgens um 6 Uhr sitzt der "notorische Frühaufsteher" Wolfgang Pohl am Schreibtisch. Die viele Zeit, die er bislang in sozialpolitischen Gremien absitzt, wird er im Ruhestand anders nutzen. Foto: Lars Schwerdtfeger
VERENA SCHÜHLY 26.10.2013
Die Gesellschaft entsolidarisiert sich: Die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen, hat abgenommen." Wolfgang Pohl kann es beurteilen: Er ist Regionalleiter der Caritas Ulm und seit 32 Jahren im Amt. Jetzt ist er 65, und seine Dienstzeit geht zu Ende.

Die Gesellschaft entsolidarisiert sich: Die Bereitschaft, Verantwortung für andere zu übernehmen, hat abgenommen." Wolfgang Pohl kann es beurteilen: Er ist Regionalleiter der Caritas Ulm und seit 32 Jahren im Amt. Jetzt ist er 65, und seine Dienstzeit geht zu Ende. Mit dem Wandel der Gesellschaft haben sich die Arbeitsfelder der Caritas verschoben: von der Sorge um die Gesundheit der Kinder in der Nachkriegszeit über das Betreuen von Gastarbeitern, Blindenhilfe, Altenarbeit, psychologische und Suchtberatung, Hilfe für Schwangere in Not- und Konfliktsituationen, das Betreuen Schwerstbehinderter hin zur Sozialarbeit mit Obdachlosen und Flüchtlingen.

Seit gut zehn Jahren liegt ein Schwerpunkt auf Beschäftigungsprojekten. Für Pohl ist die Arbeitslosigkeit, insbesondere für junge Menschen, eines der drängendsten sozialen Probleme. Ein anderes sieht er in den Kindern aus armen Familien, die Bildungschancen und Freizeitmöglichkeiten brauchen. "Sie können ja nichts dafür, also müssen wir ihnen Perspektiven eröffnen."

Mit dem operativen Geschäft allerdings hat der gebürtige Oberpfälzer, dessen bayerischer Zungenschlag auch nach vier Jahrzehnten in Ulm unverkennbar ist, wenig zu tun. Pohl ist mehr für die sozialpolitische Komponente zuständig, das heißt: Gremienarbeit. Dabei geht es darum, "auch in Zeiten knapper Kassen die Entscheider dafür sensibel zu machen, dass es Menschen gibt, die soziale Hilfe brauchen".

Wie viel Zeit er in Sitzungen verbracht hat, kann er nicht quantifizieren. Man brauche Stehvermögen, einen langen Atem und müsse akzeptieren, dass es andere Ansprüche gebe und die Finanzmittel beschränkt seien. Oft braucht es den Abstand um zu erkennen, dass sich doch manches bewegt hat.

Pohl hat erst Kaufmann gelernt, und dann Sozialarbeit/-pädagogik studiert. Bereits während des Studiums heiratete er, bald war auch der erste Sohn da. Die jungen Eltern mussten beide Studium, Kinderbetreuung und Jobs unter einen Hut bringen. "Es war alles andere als einfach, aber leistbar", erinnert sich Pohl. Daher kann er die Schwierigkeiten mancher Klienten gut nachvollziehen.

Weil seine Frau Neu-Ulmerin ist, kam die junge Familie an die Donau. Pohl begann 1973 bei der Stadt als Leiter der Amtsvormundschaft für Volljährige - heute heißt das Betreuer. Nach acht Jahren wechselte er zum 1. April 1981 zur Caritas. Die Familie - zu der mittlerweile zwei weitere Söhne gehörten - zog nach Lehr, wo sich Pohl viele Jahre im Ortschaftsrat und im Gesang- und Theaterverein engagiert hat.

Eine der ersten Aufgaben für den neuen Caritas-Leiter war es, die vorher autonomen Dienste - Erziehungs-, Sucht-, Schwangeren- und allgemeine Sozialberatung - unter einem Dach zusammenzufassen und gemeinsam zu organisieren. Anfangs war er Chef von 21 Beschäftigten, inzwischen sind es knapp 500 - davon rund 80 Hauptamtliche, der Rest sind Honorarkräfte und Ehrenamtliche. Auch finanziell dreht Pohl immer größere Räder: Der Etat seiner ersten Jahre betrug eine Million Mark, im vergangenen Jahr waren es 5,5 Millionen Euro.

"Wir haben absolute Kostentransparenz", betont er im Hinblick auf die "verheerenden Vorgänge" in Limburg. Die ihn ärgern, weil so alle kirchlichen Einrichtungen "unter Generalverdacht geraten". Bis zu drei Finanzprüfungen im Jahr finden bei der Caritas statt. "Ich finde das in Ordnung, wir gehen ja mit Steuergeldern um und übernehmen Aufgaben des Staats. Da darf es keine Mauscheleien geben."

All die Jahre hat der Mann mit dem dichten grauen Bürstenhaarschnitt immer schon um 6 Uhr am Schreibtisch gesessen. An den kurzen Nächten wird sich auch im Ruhestand nichts ändern: "Ich bin ein notorischer Frühaufsteher, ich schlafe kurz und intensiv." Er freut sich darauf, nicht mehr von Terminen fremdbestimmt zu sein. "Nach rund 40 Jahren im Sozialbereich bin ich jetzt an einem Punkt, wo ich auch mal privat sein will." Seine Gefühle zum Abschied sind trotzdem ambivalent: Es macht ihn wehmütig, Menschen zurückzulassen, mit denen er über viele Jahre gut zusammengearbeitet hat. Aber jetzt will Pohl erst mal Urlaub machen, seinen Hobbys als leidenschaftlicher Gärtner und Heimwerker frönen, ausgiebig lesen und kochen. Außerdem gibt es die vier Enkel: "Opa zu sein, ist ein Traumjob."

Aber ehe Wolfgang Pohl den Platz am Steuerrad für seine Nachfolgerin Alexandra Stork frei macht, möchte er ein Projekt abschließen, das ihm wichtig ist. "In der sozialen Arbeit reicht es nicht, Gutmensch zu sein - man muss auch qualifiziert arbeiten", sagt er. Darum hat er sich mit den Mitarbeitern in den vergangenen vier Jahren auf den Weg des Qualitätsmanagements gemacht. Im November kommen die Prüfer für die Iso- Zertifizierung. Er, der nach eigener Aussage "kein Sozialromantiker" ist, will sicherstellen, dass die Caritas weiterhin Menschen, die es nötig haben, durch Hilfe und Solidarität unterstützt. Info Verabschiedet wird der Caritas-Regionalleiter Wolfgang Pohl als Regionalleiter am kommenden Montag, 28. Oktober: Um 18 Uhr beginnt der Gottesdienst in der Wengenkirche, um 19.30 Uhr der Festakt im Kottmann-Saal der Handwerkskammer Ulm.