Sommer-Interview Raus aus der eigenen Komfortzone

Edwin Ruschitzka 09.08.2018

Gerade hat sie sich eine Auszeit genommen und ist aus Mossul nach Ulm zurückgekehrt, um wieder als Krankenschwester an der Uni-Klinik zu arbeiten. Seit 2014 ist die gebürtige Pfuhlerin Katrin Hitzler im Einsatz für Ärzte ohne Grenzen. Sie war im Südsudan, in Syrien und zuletzt im Irak.

Frau Hitzler, wo arbeiten Sie zurzeit?

Katrin Hitzler: Ich bin derzeit in der Uni-Klinik als Krankenschwester beschäftigt. Ich bin also zurück in meinen alten Beruf. Ich arbeite in einem Springerpool am Michelsberg, werde in mehreren Stationen eingesetzt.

Warum sind Sie nicht mehr bei Ärzte ohne Grenzen?

Weil ich mich im August vergangenen Jahres dazu entschieden habe, eine Pause zu machen. Ich hatte eine körperlich sehr anstrengende und auch sehr emotionale Zeit hinter mir. Ich brauchte wieder Zeit für mich, in der ich mich erholen kann.

Wie lange waren Sie denn zuvor bei Ärzte ohne Grenzen?

Es waren über drei Jahre von 2014 bis 2017.

Sie werden aber bei  Ärzte ohne Grenzen wieder anheuern?

Auf jeden Fall, weil es eine Arbeit ist, die mich begeistert, die vielfältig, abwechslungsreich und herausfordernd ist.  Aber ich werde ab Oktober wieder studieren und zwar mit dem Ziel, einen Master in Interkultureller Kommunikation zu machen. Dazwischen werde ich nur kurze Einsätze einschieben können.

Warum dieses Studium?

Ich habe gemerkt, dass das Medizinische und Pflegerische bei mir recht sattelfest ist. Aber die Arbeit in einer fremden Kultur ist sehr herausfordernd. Da habe ich noch Bedarf gesehen. Und deshalb studiere ich jetzt wieder.

Sind Sie eine mutige Frau?

Ich sehe mich gar nicht so mutig. Aber wenn ich das, was ich in den vergangenen drei Jahren alles gemacht und dabei erlebt habe, Revue passieren lassen, dann ja. Mut hat es erfordert, sich für diese Arbeit zu entscheiden, also den ersten Schritt zu tun. Wenn man dann mal drin ist, ist man im Kollegenteam einer von vielen. Dann empfindet man vieles wieder als relativ normal.

Was ist das Mutige an Ihrer Arbeit? Dass man permanent mit Not und Elend konfrontiert wird, dass man das aushalten muss?

Es gibt mehrere Gründe. Ich habe meine Arbeit und meine Wohnung kündigen müssen, ich habe meine Familie verlassen. Ich habe geregelte Arbeitszeiten und ein Stück Sicherheit aufgegeben. Das war schon ein Thema. Ich war nur in Kriegsgebieten, zuletzt in Mossul im Irak. Da war die Bedrohung wirklich täglich spürbar. Ein Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich jedes Mal aufs Neue ins Ungewisse zu wagen, jeden Tag aufzustehen und dort hinzugehen, wo es möglicherweise Selbstmordattentate gibt. Ich wusste ja, dass die Attentäter auch gezielt auf die Gesundheitszentren zugehen. Man muss damit rechnen, dass jemand neben einem steht, der sich in die Luft jagen will.

Ist die Situation in den Ländern so, wie wir es im Fernsehen sehen?

Nein, sie ist noch schlimmer. Direkt vor Ort bekommt man die Schicksale einzelner Menschen hautnah zu sehen. Schlimm ist es, mitzubekommen, zu was Menschen fähig sind.

Diese tägliche Gefahr war also ständig spürbar. Kann man das irgendwie wegknipsen?

Nein, das kann man nicht. Wegknipsen ging nicht, weil wir Krisensituationen im Team auch täglich analysiert haben. Würde ich die Gefahr verneinen,  würde ich mich und mein Team einem großen Sicherheitsrisiko aussetzen. Die Arbeit in Krisengebieten erfordert immer die volle Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Es gibt auch Anrufe, die einen auffordern, schnell alles zusammenzupacken und zurück in sichere Gebiete zu gehen. In solchen Situationen ist die Gefahr sehr präsent.

Schildern Sie uns doch mal eine Situation, in der Sie um Leib und Leben gebangt haben.

Im Südsudan, wo ich auch im Einsatz war, habe ich das nie so empfunden. In Syrien ja, weil wir ein Team waren, das nach langer Zeit wieder ins Land einreisen durfte. Dort wurde auch schon mal ein Team von Ärzte ohne Grenzen entführt. In Syrien sind wir durch viele Checkpoints gefahren. Man weiß, dass das Punkte für Anschläge sind. Bei der ersten Fahrt nach Syrien ins Land hinein war ich sehr angespannt. Und ich kann mich auch an eine Situation in Mossul im Irak erinnern, wo wir uns nur sehr begrenzt bewegen durften.

Was war da genau?

Es war zusammen mit einer Kollegin auf dem Weg von unserem Krankenhaus zurück in die Wohnung auf einer Wegstrecke von 150 Metern. Uns kamen zwei Frauen in Komplettverschleierung entgegen. Kurz bevor wir auf sie treffen konnten, scherten sie aus und gingen getrennt um uns herum. Was sehr auffällig war. Uns ist nichts passiert, aber die Situation war sehr untypisch. Frauen weichen normalerweise gemeinsam nach links oder rechts aus. Wir haben beide eine große Bedrohung empfunden, weil wir wussten, dass sich Selbstmordattentäter oft als Frauen verkleiden und den Sprengstoff unter den Kleidern am Körper tragen. Sie sehen dann aus wie schwangere Frauen. Wir wollten nach dieser Begebenheit einfach nur schnell nach Hause.

Woher nahmen Sie die Kraft, solche Situationen durchzustehen?

Ein gutes Team ist sehr wichtig. Ich hatte immer das Glück, in solchen Teams zu arbeiten. Man unterstützt sich, man springt füreinander ein.

Wie sieht so ein Team aus?

Ein Team besteht aus medizinischem und nicht-medizinischem Personal. Zum medizinischen Personal zählen Ärzte aus vielen Fachgebieten, Hebammen, Pflegekräfte, Labormitarbeiter. Zum nicht-medizinischen Personal gehören Architekten, Finanzspezialisten, Kfz-Experten, Logistiker, auch Wasser- und Sanitärfachleute, um nur ein paar Berufsgruppen aufzuzählen.

Wie groß sind die Teams?

Das hängt vom Einsatz ab. Mein kleinstes war mit vier Leuten besetzt, mein größtes mit 40. Und das aus allen möglichen Nationalitäten.

Kommen wir zurück auf die Kraft, aus der Sie schöpfen müssen.

Das Miteinander ist das Entscheidende. Wenn das nicht läuft, ist es schlecht. Wir hatten jeden Tag aber auch ein Highlight, sei es, weil wir einem Patienten helfen konnten. Die Menschen zeigen einem sehr deutlich ihre Dankbarkeit. Es gab Briefe von Kindern, die sich bedankten, weil wir der Mama das Leben gerettet haben. Es gibt Menschen, die einen umarmen. In Mossul hatten wir sehr viele mangelernährte Kinder. Wenn man sieht, wie sie sich erholen, an Gewicht zunehmen, wieder lebendig werden, dann sind das die Momente, wo man sich denkt: Dafür schwitze ich gerne und nehme es auch hin, schlecht zu schlafen.

Sie sind ledig. Geht der Einsatz bei Ärzte ohne Grenzen nur zulasten von Freundschaft, Partnerschaft oder Ehe?

Nein, überhaupt nicht. Die Arbeit könnte man auch mit Familie machen. Ärzte ohne Grenzen machen auch unterschiedliche Angebote. Man kann lange mitarbeiten oder über einen kürzeren Zeitraum. Es gibt Kollegen, die Familie mit Kindern haben. Die sind dann nur beispielsweise sechs Wochen dabei. Die Entfernung ist auch nicht das Entscheidende für Familie und Freunde.

Vermissen Sie Partnerschaft und Familie?

Natürlich vermisse ich das. Es lässt mich nicht kalt, wenn sich Freunde beklagen, dass ich bei ihren Geburtstagen nicht persönlich da war. Ich vermisse auch den Austausch mit ihnen. Aber das Team von Ärzte ohne Grenzen fängt vieles auf. Das ist für mich zuweilen schon so etwas wie ein Familienersatz.

Wie lange kann man den Job bei Ärzte ohne Grenzen machen?

Solange man Freude dabei empfindet. Das ist schier unbegrenzt. Es gibt auch nach oben kaum eine Altersbegrenzung. Wir haben Kollegen, die über 70 sind.

Sind dort nur mutige Idealisten am Werk?

Nein, der Großteil der Mitarbeiter arbeitet aus Überzeugung, der humanitären Hilfe und den Grundprinzipien von Ärzte ohne Grenzen wegen. Daneben gibt es neugierige Abenteurer, aber das dürfte eher der kleinste Teil sein. Für einige ist es ein Karrieresprungbrett. Viele tun es auch aus Gewohnheit.

Sind die Jobs bei Ärzte ohne Grenzen gut bezahlt?

Nein. Ich verdiene während eines Einsatzes nur einen Bruchteil von dem, was ich hier kriege. Deswegen haben wir auch Personalmangel, vor allem in höheren Positionen.

 Wie finanziert sich Ärzte ohne Grenzen?

Zu 96 Prozent über private Spenden. Der Rest sind andere Gelder.

Zur Person: Katrin Hitzler

Biografie Katrin Hitzler ist 40 Jahre alt, gebürtige Neu-Ulmerin, aufgewachsen in Pfuhl. Nach der Realschule ließ sie sich zur Krankenschwester ausbilden. Berufsbegleitend hat sie das Abitur gemacht. Es folgte ein Studium für Pflegepädagogik in Freiburg. Sie ist ledig, hat zwei Schwestern und drei Brüder. 2014 der erste Einsatz für Ärzte ohne Grenzen. Sie war zwei Mal im Südsudan im Einsatz, ein Jahr in Syrien und zuletzt im Irak.

Zur Serie

Mut Substantiv, maskulin: Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation seine Angst zu überwinden; Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte; grundsätzliche Bereitschaft, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält – so definiert es der Duden.

Interviews In unserer Sommer-Interviewreihe nähern wir uns dem Thema „Mut“ von unterschiedlichen Seiten: Es kommen unter anderem noch eine Herzchirurgin und ein Trainer für schwer erziehbare Hunde zu Wort.

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