Studium Raus aus dem Elfenbeinturm

Neu-Ulm / Kathrin Konyen 31.07.2018

Klar, an der Hochschule wird gelehrt und geforscht. Doch gehen die Aktivitäten an Hochschulen weit über das klassische Studieren hinaus: Teil ihres Selbstverständnisses ist es vielerorts, auch gesellschaftliche Wirkung zu entfalten. „Wir wollen raus aus dem Elfenbeinturm“, sagt auch Julia Kormann, Vizepräsidentin der Hochschule Neu-Ulm (HNU).

Die Studierenden sollen ihre Kenntnisse nicht nur theoretisch erweitern, sondern sie im wirklichen Leben anwenden. Umgekehrt soll aber auch die Gesellschaft in der Stadt und in der Region von der Hochschule profitieren. Fachleute sprechen bei dieser zusätzlichen Aufgabe von der „Dritten Mission“.

Unterwegs in der Dritten Mission sind Studierende der HNU zum Beispiel in ein Flüchtlingsheim gegangen, haben die Bedürfnisse der Bewohner erfragt und daraufhin einen Stadtplan speziell für Flüchtlinge entwickelt.  Als „Service Learning“ wird eine solche Form des gesellschaftlichen Engagements bezeichnet. „Ich gehe in eine mir unvertraute Umgebung, und wende an, was ich gelernt habe“, erklärt Kormann.

Neben dem reinen Wissenstransfer soll mit den gesellschaftlichen Projekten an der HNU aber auch etwas zur Persönlichkeitsbildung der Studierenden beigetragen werden. „Wir haben uns als Mensch verändert und neue Sichtweisen entwickelt“, bekommt Kormann öfters als Rückmeldung von den Studierenden. Eine Studentin, die sich an einem Integrationsprojekt beteiligt hat, resümierte: „Bisher war mein Migrationshintergrund eher von Nachteil und ich habe ihn versteckt. Hier ist er ein Vorteil, hier sind meine Erfahrungen gefragt.“

Wesentlicher Punkt im Konzept der Dritten Mission ist es, dass die hochschulischen Aktivitäten Teil einer Austauschbeziehung sind, ein Geben und Nehmen. Doch kommt das Engagement auch in der Stadt und in der Region an? Offenbar ja: Sowohl Oberbürgermeister Gerold Noerenberg als auch Landrat Thorsten Freudenberger fallen spontan etliche Beispiele ein, an denen sich die gesellschaftliche Wirkung der HNU zeigt. „Dass die HNU gesellschaftlich und regional stark vernetzt ist, ist nicht nur Teil von Sonntagsreden und Broschüren, sondern wird wirklich gelebt“, sagt Freudenberger.

„Die jungen Menschen bereichern die Gesellschaft mit ganz anderen Anregungen“, stellt Noerenberg fest. So wäre wahrscheinlich die Discgolf-Anlage im Wiley ohne entsprechende Hinweise der Studierenden nicht entstanden.

Bei so viel Licht gibt es auch Schatten: Vor allem intern gibt es an der HNU Kritik am Engagement im Rahmen der Dritte Mission. Einige Professoren sehen sich unter anderem in Bedrängnis, da sie angesichts ihres knappen Zeitbudgets befürchten, dass durch die gesellschaftlichen Aktivitäten die originären Aufgaben der Lehre und Forschung zu kurz kommen. Aber letztlich, sagt Julia Kormann, mache jeder solche Projekte, „weil er für sich einen Mehrwert sieht“.

Das liegt wohl daran, dass die HNU strategisch einen guten Weg eingeschlagen hat. Durch die Einrichtung eines Zentrums für interdisziplinäres, internationales und engagiertes Lernen (ZiieL) haben die gesellschaftlichen Aktivitäten ein institutionelles Dach bekommen – mitsamt einer unbefristeten Stelle. Die Bündelung des gesellschaftlichen Engagements beim ZiieL führt auch dazu, dass die Aktivitäten stärker wahrgenommen werden – raus aus dem Elfenbeinturm eben.

Gesellschaftliches Engagement im Freistaat auch politisch gewollt

Vereinbarung In der Zielvereinbarung, die die Hochschule Neu-Ulm mit dem bayerischen Staatministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst geschlossen hat, heißt es: „Die HNU versteht sich als Dienstleister der Region für Partner aus Wirtschaft, Politik und öffentlicher Verwaltung.“  Damit ist das gesellschaftliche Engagement der Hochschule auch politisch gewollt.

Finanzierung Bei der Finanzierung des gesellschaftlichen Engagements der HNU gilt der selbst auferlegte Grundsatz, von Drittmitteln unabhängig zu sein. Teilweise wird das Engagement an Pflichtveranstaltungen gekoppelt, so dass keine zusätzlichen Kosten entstehen. Eigenständige Aktivitäten werden über so genannte Studienzuschüsse finanziert. Dahinter stecken die ehemaligen Studiengebühren, für die es Kompensationszahlungen gibt und über deren Verwendung Studierende mitbestimmen.

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