Ulm / Harald John  Uhr
Mit einer Kampfabstimmung hat der Gemeinderat die Planungen für den 250. Geburtstag des „Schneiders von Ulm“ gestoppt. Die Mittel in Höhe von 1,4 Millionen Euro werden nicht freigegeben.

Am Ende stand das 20 zu 20 und mancher Gemeinderat wirkte ratlos: Mit dem Remis nach einer Kampfabstimmung sind die Pläne der Stadtverwaltung, in drei Jahren, also 2020, ein Themenjahr anlässlich des 250. Geburtstages von Albrecht Ludwig Berblinger zu feiern, auf Eis gelegt. Bürgermeisterin Iris Mann, die die Planungen vorangetrieben hat, will nun abwarten. „Das politische Gremium hat das Projekt abgelehnt, die Initiative, die Planungen wieder aufzunehmen, müsste auch wieder aus diesem Gremium kommen.“

Mann hatte für das Jubiläum des „Schneiders von Ulm“ und den Einsatz von 1,4 Millionen Euro für ein Themenjahr geworben: Die Geschichte des Tüftlers, der den Traum vom Fliegen lebte und in die Donau stürzte, sei eine starke Erzählung. „Berblinger kann stadtpolitische Identität herstellen“, so Mann, „eine Fußgängerzone wie die Hirschstraße dagegen gibt’s überall.“ Albrecht Berblinger sei eine Figur, die wie Albert Einstein für Kreativität, für innovative Brüche stehe. Deshalb sollte das Jubiläum auf drei Säulen stehen: Erstens die Person Berblinger. Zweitens solle – in Anknüpfung an die Wettbewerbe – die „Vision Donauflug“, bei der sich Flugzeuge ressourcenschonend durch die Luft bewegen, stattfinden. Und drittens könne Ulm als Wissenschafts- und Innovationsstandort in den Vordergrund gestellt werden.

Besonders dieser Punkt gefiel Erik Wischmann. Der Fraktionschef der FDP, die geschlossen für den Antrag stimmte, forderte, den Flug über die Donau von der Quelle bis zur Mündung zu visualisieren. Auf Leinwänden auf dem Münsterplatz könnten die aktuellen Positionen der Maschinen projiziert werden, auch die Bilder aus dem Cockpit zu übertragen, sei sicher reizvoll. Die Person Berblinger sei das richtige Symbol für die Mobilitätswende.

Rivoir will eine Brücke bauen

Martin Rivoir von der SPD begründete seine ablehnende Haltung mit Verweis auf die bestehenden Wettbewerbe, die in Laupheim und Friedrichshafen stattgefunden hätten: „Überall, aber nicht in Ulm.“ Das Thema Berblinger dürfe nicht auf Fliegen und Absturz reduziert werden, sondern müsse weiter gefasst werden. Rivoirs Vorschlag: Einen Innovationspreis Handwerk ausloben. Auch sei ihm die Idee einer Ausstellung im Stadthaus zu wenig nachhaltig. Rivoirs Vorschlag: „Bauen wir doch an der Stelle, an der Berblinger seinen Donauflug startete, eine Brücke über die Donau.“ Links und rechts könne dann eine Dauerausstellung gebaut werden.

 Gespalten zeigten sich die Grünen. Birgit Schäfer-Oelmayer argumentierte in einem Minderheitenvotum für das Jubiläum eines Visionärs, „der sich mit der Mobilität der Zukunft auseinandergesetzt hat“. Ulm als „heimliche Batteriehauptstadt Deutschlands“ sei der ideale Standort, um das geräuschlose, emissionsfreie Fliegen populär zu machen. Dagegen warnte Lena Schwelling für den größeren Teil der grünen Fraktion, sich nicht zu verzetteln. „Den Donauraum bewerben, die Uni auch, das Klima retten und auch noch ein Kulturevent feiern – mit so einem Projekt kann man schnell an den Erwartungen scheitern“, so Schwelling. Allerdings sei es wichtig, das Thema Scheitern zu thematisieren.

„Superspannende Geschichte“

CDU-Fraktionschef Thomas Kienle sah es gegenteilig. Das Thema des Luftfahrtpioniers erfülle alle Kriterien, als nächstes Stadtmarketingereignis nach dem Münsterjubiläum für Ulm zu werben. „Die Geschichte ist superspannend, Mobilität wird künftig in der Luft stattfinden.“ Seine Kolleginnen Karin Graf und Barbara Münch sahen dagegen die Kosten-Nutzen-Relation nicht gegeben und lehnten den Antrag der Stadt ab.

Die Freien Wähler stimmten nur in Teilen dem Antrag auf die Finanzierung mit 1,4 Millionen Euro zu, empfahlen aber, den Fokus mehr auf Ulm zu legen. „Wir sollten nicht nur über Budapest fliegen“, so Stadtrat Gerhard Bühler, „sondern auch in Ulm was machen.“ Und Helga Malischewski sah es ganz pragmatisch: „Erstmal muss der Baubürgermeister die Berblinger-Gedenkstelle am Donauufer vernünftig sanieren.“

Schneidermeister und Erfinder

Vita Albrecht Ludwig Berblinger wurde am 24. Juni 1770 als siebtes Kind des Amtsknechts Albrecht Ludwig Berblinger d.Ä. in Ulm geboren. Sein Vater starb, als Albrecht 13 Jahre alt war, daraufhin kam der Junge ins Waisenhaus. Von dort wechselte er später in eine Schneiderlehre, obwohl er mehr der Mechanik zugetan war. Mit 21 Jahren wurde Berblinger Schneidermeister. Seinen Erfindungsreichtum demonstrierte er schließlich, als er dem Stadtsoldaten Elias Schlumperger eine Fußprothese baute.

Vision Der Traum vom Fliegen begann mit der Erfindung des Hängegleiters. Berblinger übte heimlich in den Weinbergen des Michelsbergs, wo thermische Aufwinde herrschten. Vor dem bayerischen König sollte Berblinger seine Flugkünste vorstellen. Eigentlich wollte er vom Turm des Münsters fliegen, doch die Ratsherren verlangten den Start von der Adlerbastei aus. Jedoch: Bei ungünstigen Winden stürzte Berblinger in die Donau und wurde herausgefischt. Dem missratenen Flug folgte der soziale Absturz: Berblinger starb verarmt mit 58 Jahren in einem Hospital.