Vor wenigen Wochen ist ein aus Ulm stammender Islamist in der Türkei festgenommen und an Deutschland ausgeliefert worden. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ will daraufhin eine Rückreisewelle aus Waziristan ausgemacht zu haben, jenem Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, das in den vergangenen Jahren für Gotteskrieger aller Länder zum Mekka für den bewaffneten Kampf gegen den Westen geworden war. Zumindest was die einstige Hochburg der Islamisten, die Region Ulm/Neu-Ulm anbelangt, ist vielmehr eine gegenteilige Bewegung feststellbar. Alle, die jemals unter besonderer Beobachtung der Polizei standen, sind nicht mehr da – weggezogen, abgetaucht, im Ausland oder im Gefängnis.

In den ersten Jahren nach den Terror-Anschlägen auf das World-Trade-Center und das Pentagon in den USA im September 2001 hatte sich in Ulm und Neu-Ulm eine gefährliche Islamisten-Szene ausgebildet. Das Multi-Kultur-Haus (MKH) in der Neu-Ulmer Zeppelinstraße und das Islamische Informations- Zentrum (IIZ) am Karlsplatz in Ulm waren Treffpunkte gewaltbereiter Islamisten und insoweit auch Beobachtungspunkte von Geheimdiensten mehrerer Länder wie etwa der USA oder Israel.

Jetzt ist es ruhig geworden in Ulm und Neu-Ulm, das noch bis vor zwei, drei Jahren als eines der Zentren salafistischer Umtriebe gegolten hatte – jene Vertreter eines extrem konservativen Islam, die aus dem Koran glauben herauslesen zu können, Ungläubige töten zu dürfen. Nach Erkenntnissen der Polizei gibt es derzeit niemanden, dem eine Führungsrolle zukommen könnte. „Es gibt keinen Verbund, keine Struktur und keine feste Szene mehr“, sagt ein ranghoher Polizist einer in Neu-Ulm angesiedelten Spezialeinheit. Und auch beim Verfassungsschutz in Baden-Württemberg weiß man: „Es gibt keine Leute von besonderer intellektueller Tiefe mehr.“

Ein solcher war der ägyptische Mediziner Dr. Yehia Yousif, der im Spätsommer 2000 von Freiburg nach Neu-Ulm wechselte und zumindest zeitweise mit dem Verfassungsschutz in Stuttgart zusammen arbeitete. Wer letztlich mehr von dieser Kooperation profitiert hat, bleibt dahin gestellt. Yousif jedenfalls war die große Führungsfigur in der Region, die heute fehlt: ein charismatischer Redner, intellektuell, und Vaterfigur für eine sinnsuchende Jugend.

Um ihn herum hatte sich ein großer Kreis gebildet, von dem gut 20 Personen im engeren Fokus der Polizei waren. So zum Beispiel die Sauerland-Gruppe um Fritz Gelowicz, die im Sommer 2007 Bombenanschläge auf US-amerikanische Einrichtungen in Süddeutschland vorbereitet hatte. Sie traf sich im Multi-Kultur-Haus (MKH) in Neu-Ulm und im Islamischen Informationszentrum (IIZ) in Ulm. Gelowicz hat noch einige Jahre Haft vor sich, seine Frau, Filiz, ist zwischenzeitlich nach Solingen verzogen.

Sie hatte, wie berichtet, Spenden für den bewaffneten Kampf gegen den Westen gesammelt und offen für den Heiligen Krieg aufgerufen, weswegen sie zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde. Noch im Gerichtssaal hatte sie ihren alten Plänen abgeschworen und Gewalt als Irrweg bezeichnet. Dass sie nach ihrer Entlassung nicht wie angekündigt in ihrer Heimatstadt Ulm blieb, sondern ausgerechnet ins nordrhein-westfälische Solingen übersiedelte, gibt der Polizei zu denken. Denn was Ulm/Neu-Ulm früher war, ist Solingen jetzt: Hochburg radikaler Salafisten in Deutschland.

Weggezogen ist auch Rani M., der frühere Vorsitzende des Multi-Kultur-Hauses. Er stand immer wieder im Mittelpunkt polizeilicher Ermittlungen, eine Anklage wegen Propaganda und Anwerbens von Kämpfern für den Heiligen Krieg wurde allerdings sang- und klanglos fallen gelassen. Die Polizei hielt den Ermittlungsdruck gegen ihn dennoch hoch, entzog ihm zeitweise die Papiere, die sie allerdings alsbald wegen fehlender Rechtsgrundlage wieder zurückgeben musste. Rani M. packte genervt seine Koffer und betreibt seinen Handel mit Gebrauchtwagen jetzt in England, wo es nach Darstellung der Sicherheitskräfte eine ausgeprägte Salafisten-Gemeinde gibt.

Die zwei aktuellen Beispiele aus diesem Sommer stehen exemplarisch für die Veränderungen in der Szene. Nur noch wenige der ehemaligen auffälligen Personen leben in der Region und verhalten sich nach Angaben der Polizei unauffällig. Andere sind nach Bonn umgezogen, das zwischenzeitlich ein Hochburg war, bevor es von Solingen abgelöst wurde. Viele aber sind ausgewiesen worden oder freiwillig ins Ausland gegangen – die meisten davon nach Ägypten oder Saudi Arabien, wo auch Dr. Yousif in der Hafenstadt Dschidda leben soll.

Nach Recherchen des SWR arbeitet er dort an einem privaten Medizin-College und fungiert als Verbindungsmann zur Uni Tübingen, die dorthin eine Kooperation aufbauen will. Dass er in Saudi Arabien bewusst seine ehemaligen Getreuen um sich schart, glauben die Sicherheitskräfte indes nicht. Die meisten anderen scheinen sich damit zu begnügen, Propagandaschriften und Koranstellen ins deutsche zu übersetzen. Hinweise auf religiös-politische Aktivitäten von Yousif haben die Behörden hierzulande nicht.

So ganz trauen die Sicherheitsbehörden der Ruhe aber nicht. Zum einen übten die salafistischen Wanderprediger nach wie vor eine große Anziehung auf ein bestimmtes Publikum aus. Zwar kämen sie nicht mehr wie früher nach Ulm oder Neu-Ulm, dafür würden die hier lebende und für derlei Ideen sensible Muslime nach Stuttgart oder München reisen, um dort Vorträge zu hören.

Und dann ist da noch ein Punkt, der dem Verfassungsschutz in Stuttgart so gar nicht gefällt. Es war der Versuch von Al Kaida im Maghreb, die Frau des Sauerland-Terroristen Fritz Gelowicz freizupressen. Nach Ansicht der Ermittler muss es eine Verbindung von Ulm zur Al Kaida in die afrikanische Region geben. Welcher Natur sie ist und welche Personen dahinterstehen, ist den Fahndern noch ein Rätsel. Ebenso, ob davon für die Zukunft eine Gefahr ausgeht.