Manchmal reicht gesunder Menschenverstand aus, um komplexe Forschungsvorhaben anzustoßen. "Schwer traumatisierte Menschen sehen oft viel älter aus als sie tatsächlich sind." Dieser Gedanke war Iris-Tatjana Kolassa in ihrer Zeit als Wissenschaftlerin an der Uni Konstanz gekommen. Daraufhin tat sie sich mit der universitären Arbeitsgruppe Molekulare Toxikologie zusammen, die sich mit Biomarkern für Alterungsprozesse beschäftigt - von 2009 bis 2010 leitete Kolassa dort eine interdisziplinär angelegte Therapiestudie mit Kriegsflüchtlingen und Folteropfern.

Mittlerweile Professorin an der Uni Ulm, sieht sie den Zusammenhang zwischen traumatischem Stress und einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionskrankheiten, Autoimmunerkrankungen sowie dem vorzeitigen Beginn altersbedingter Erkrankungen wie Krebs oder Diabetes als erwiesen an. Die Leiterin der Abteilung für Klinische und Biologische Psychologie hat erstmals belegt, dass extremer Stress zu einer vorzeitigen Alterung des Immunsystems führt. Die Konsequenz: Man ist anfälliger für Krankheiten.

Für die kürzlich in der Zeitschrift "Psychotherapy and Psychosomatics" veröffentlichte Studie hatten Kolassa und ihre Kollegen traumatisierte Flüchtlinge auf DNA-Schäden in den Blutzellen untersucht. 34 Flüchtlinge litten unter schwerer Posttraumatischer Belastungsstörung: Alpträume, immer wiederkehrende Erinnerungen an das Erlebte, Schlafstörungen, extreme Reizbarkeit und übertriebene Wachsamkeit. Sie hatten Folter, Vergewaltigung und andere Schrecken durchlebt. Eine zweite Gruppe mit 31 Flüchtlingen war ebenfalls traumatisiert, jedoch nicht schwer, so dass die Menschen nicht die Kriterien für eine Posttraumatische Störung erfüllten. Schließlich gab es noch eine 20-köpfige Kontrollgruppe: Menschen ohne Horror-Erlebnisse, sie kamen aber ebenso wie die Mitglieder der anderen Gruppen aus Flüchtlingsländern wie Afghanistan, dem Balkan oder dem Nahen Osten. Ergebnis: Bei den beiden Gruppen mit Traumatisierten konnten die Forscher eine erhöhte Schädigung des Erbgutträgers DNA in den Immunzellen nachweisen. "Das war auch für uns überraschend", sagt Kolassa. Sie räumt ein, die Schäden könnten auch durch ungesunde Ernährung sowie mangelnde körperliche Aktivität mitverursacht worden sein. Jedoch habe sich gezeigt, dass Psychotherapie - ob sie nun einen direkten Effekt auf den Zellstress oder einen indirekten durch die Veränderungen der Lebensgewohnheiten hat - das Ausmaß der DNA-Schädigung normalisierte.

Die Flüchtlinge wurden mit zwölf Sitzungen Kurzzeittherapie psychotherapeutisch behandelt. Vier Monate nach Therapiebeginn sei nicht nur die Posttraumatische Belastungsstörung schwächer geworden. Auch die DNA-Schädigung - sichtbar an der Anzahl der Strangbrüche - sei nur noch so hoch gewesen wie bei der nicht-traumatisierten Gruppe. Ein nachhaltiger Prozess? Ja, betont die Forscherin. Eine Folgeuntersuchung nach einem Jahr habe gezeigt, dass Alpträume, Schlafstörungen und Übererregbarkeit weiter abnahmen.

Die so genannte Narrative Expositionstherapie wurde an der Universität Konstanz für Gewaltopfer entwickelt. Mit Hilfe eines Therapeuten erzählt und dokumentiert der Patient seine vollständige Lebensgeschichte und arbeitet seine traumatischen Erfahrungen dabei mit ein. Das Ziel: Vereinzelte, mit stark negativen Gefühlen behaftete Erinnerungssplitter sollen mit der eigenen Biografie verknüpft werden, die Angst bei der Erinnerung an das Erlebte durch wiederholtes Darübersprechen reduziert werden. Auch geschulte Laien können diese Therapie leiten, sagt Kolassa. "Man kann sie auch unter Bedingungen anwenden, in denen die Anzahl zur Verfügung stehender Traumatherapeuten nicht ausreicht, zum Beispiel in einem Flüchtlingslager."

Welche Schlussfolgerung die Professorin aus der Studie zieht, liegt angesichts der hohen Therapie-Erfolgsquote auf der Hand. "Traumatisierte Menschen sollten rasch Zugang zu einer geeigneten Psychotherapie haben." Die Realität - und das gelte nicht nur für Kriegsflüchtlinge und Folteropfer - sehe leider auch in Deutschland anders aus: "Die Wartezeiten für Psychotherapie sind immer noch viel zu lang."

Auch deshalb liegt ihr die für April 2015 geplante Einrichtung einer Psychotherapeutischen Hochschulambulanz an der Uni Ulm besonders am Herzen. Zehn approbierte Psychologen sollen sich dort um Patienten kümmern, Schwerpunkte sind die Behandlung von Traumata, Depressionen und Essstörungen. Mit ihrer neu gegründeten Arbeitsgruppe zur Molekularen Psychotraumatologie will Kolassa zudem die Mechanismen der Therapie-Wirkung auf die körperliche Gesundheit klären.

Zur Person vom 11. November 2014

Stress und Altern Seit 2010 leitet Prof. Iris-Tatjana Kolassa die Abteilung für Klinische und Biologische Psychologie an der Uni Ulm. Sie forscht an der Schnittstelle von Verhaltenswissenschaften und Biomedizin, ihre Schwerpunkte liegen in der Stress- und der Alternsforschung. Wie sich traumatischer Stress auf Psyche, Gehirn und Immunsystem auswirkt, ist dabei eine zentrale Frage. In der Alternsforschung widmet sich die Psychologin Veränderungen im Gehirn von gesunden und demenzkranken Senioren. Übergeordnetes Forschungsziel: eine Verzögerung des geistigen Abbaus. Kolassa hat in Konstanz studiert und in Jena promoviert. Die zweifache Mutter leitete eine Nachwuchsgruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und hat bereits zahlreiche internationale Auszeichnungen erhalten, zuletzt - 2012 - den Wissenschaftspreis der Stadt Ulm.

SWP