Ulm Wie böse bist du? Psychologen untersuchen die Persönlichkeit

Hoher Dunkelfaktor: Machtmenschen, Massenmörder und Selbstverliebte.
Hoher Dunkelfaktor: Machtmenschen, Massenmörder und Selbstverliebte. © Foto: Fotos: Universal History Archive/REX/Shutterstock; California Department of Corrections and Rehabilitation Office/AO/dpa; afp; shutterstock;
Ulm / Christoph Mayer 07.11.2018
Ulmer Forscher entdecken den dunklen Faktor der Persönlichkeit: Egoisten und Psychopathen haben mehr gemein, als sie trennt. Teste hier, wie böse du selbst bist.

Bösartigkeit hat viele Facetten. Massen mordende Diktatoren wie Adolf Hitler oder Killer-Psychopathen vom Schlage eines Charles Manson sind Extrembeispiele. Es geht natürlich auch ein paar Stufen niedriger. Machiavellismus gepaart mit Zynismus und Egoismus – schon ist man bei Trump, Erdogan und Co. Auch der Lehrer, der seine Schüler regelmäßig auf sadistische Weise herunterputzt oder der Ellenbogen-Kollege, der über Leichen geht, um die Karriereleiter hochzuklettern, gehören ohne jeden Zweifel in die Kategorie „Üble Zeitgenossen“.

Gibt es etwas, das all diese Typen eint? Dieser Frage sind Forscher der Universitäten Ulm, Koblenz-Landau und Kopenhagen über mehrere Jahre hinweg nachgegangen. Ihr Ergebnis, das sie vor wenigen Wochen in der internationalen Fachzeitschrift „Psychological Review“ veröffentlicht haben, lässt aufhorchen. Denn die Psychologen wollen herausgefunden haben, dass es einen „dunklen Faktor der Persönlichkeit“ gibt, der allen oben genannten Ausprägungen zugrunde liegt. Sie nennen ihn „dark factor“ oder „D-Faktor“.

Weitere Zutaten

Ob ein Mensch „nur“ als extremer Egoist durchs Leben geht oder womöglich sogar zum Verbrecher wird, liegt demnach lediglich an weiteren „Zutaten“. Ein Beispiel: Während der eiskalte Machtmensch stets planerisch-strategisch vorgeht, fehlt beim Psychopathen genau diese Impulskontrolle. Ansonsten aber ähneln sich beide Typen stark.

Einer der Autoren der Studie ist Prof. Morten Moshagen, Leiter der Abteilung psychologische Forschungsmethoden an der Uni Ulm. Zwei Kernprinzipien seien es, die dem D-Faktor zugrunde liegen, sagt der 39-Jährige. Zum einen übertriebener Egoismus. „Menschen mit hohem D-Faktor verfolgen ihre Ziele um jeden Preis, auch dann, wenn sie anderen Menschen dadurch Schaden zufügen. Sie haben unter Umständen sogar Spaß daran.“

Das zweites Kernprinzip sei ein Überzeugungsgerüst, das dazu diene, Schuldgefühle oder moralische Skrupel zu verhindern. Zum Beispiel: „Die Welt ist schlecht, also darf ich es auch sein.“ Oder ein permanentes Sich-selbst-zum-Opfer-Stilisieren. „Ich muss so handeln, um mich zu schützen.“ Sofort fällt einem die Nazi-Ideologie ein, in der Juden zu „Volksschädlingen“ erklärt wurden, derer man sich erwehren müsse.

Fehlende Empathie dagegen spielt bei der Erklärung des bösen Kerns nur eine untergeordnete Rolle. Sie sei lediglich ein zusätzlicher Faktor, sagt Moshagen, der zu bedenken gibt: „Auch ein Sadist muss ein gerüttelt Maß an Empathiefähigkeit mitbringen. Sonst hätte er ja keine Freude am Leid anderer.“

Wo beginnt das Böse?

Klar ist: Jeder Mensch hat dunkle Anteile, in jedem steckt auch ein Egoist. Und so stellt sich die Frage: Wo ist die Grenze, ab der es problematisch wird? Da muss Moshagen passen. „Wo das Böse beginnt, können wir genauso wenig definieren wie etwa die Trennlinie zwischen Intelligenz und Dummheit. Das ist immer auch eine Frage gesellschaftlicher Wertsetzung.“ Allerdings steige bei Menschen mit hohem D-Faktor die Wahrscheinlichkeit, kriminell oder gewalttätig zu werden respektive gegen soziale Regeln zu verstoßen.

Für die vierteilige Untersuchung hatten die Forscher insgesamt mehr als 2500 Personen unterschiedlicher Altersgruppen und aus allen Teilen der Gesellschaft befragt. Zuvor hatten Moshagen und seine Kollegen alle psychologischen Merkmale untersucht, die mit „dunklen Eigenschaften“ in Zusammenhang stehen: Egoismus, Narzissmus, Gehässigkeit, moralische Enthemmung, Selbstbezogenheit, Macchiavellismus, Sadismus, Psychopathie sowie übertriebene Ansprüchlichkeit.

Zu jedem dieser Merkmale gebe es in der Psychologie als Messinstrumente Fragebögen, die teilweise seit Jahrzehnten etabliert sind. Teilweise ähneln sich die Fragen. Nach dem Aussortieren von Dopplungen wurden alle Fragebögen gewissermaßen zu einem Riesenfragebogen zusammengeführt, den die Studienteilnehmer beantworten mussten. Zudem führten die Wissenschaftler mit den Probanden Verhaltensexperimente durch. Beispielsweise hatten die Teilnehmer in einem Online-Spiel die Gelegenheit, durch Lügen zusätzlichen Profit zu machen, erläutert Moshagen.

Praktische Erkenntnisse liefere der D-Faktor einstweilen nicht, sagt Moshagen. Dafür aber einen theoretischen Rahmen auf wissenschaftlicher Ebene. „Im Vergleich zu bisherigen Messinstrumenten stellt er eine deutliche Vereinfachung dar“.

Künftig wollen die Psychologen untersuchen, ob der dunkle Kern stabil ist, oder ob er sich bei einem Menschen im Laufe des Lebens verändert. Außerdem interessieren sie sich für die Frage, wie man den D-Faktor beeinflussen kann. Moshagen: „Wäre doch schön, wenn weniger Leute böse werden.“

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Online-Fragebogen Wer selbst herausfinden möchte, wie stark sein eigener D-Faktor ausgeprägt ist, kann dies kostenlos über einen Online-Fragebogen tun, den die Wissenschaftler im Internet zur Verfügung stellen. Voraussetzung sind allerdings gute Englischkenntnisse, denn die Fragebögen sind in englischer Sprache gehalten.

Kategorien Es gibt sie in drei Kategorien: mit 30,60 und 90 Fragen. Wer die Kurz-Variante wählt, ist zwar schneller durch, erhält aber nur ein relativ oberflächliches Ergebnis. Testen kann man sich unter der Adresse: http://qst.darkfactor.org/

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